Pro Quote Regie Weiblich, ausgebildet, sucht …

Nur etwa ein Fünftel der deutschen Kinofilme sind von Frauen inszeniert.
Nur etwa ein Fünftel der deutschen Kinofilme sind von Frauen inszeniert. | Foto (Ausschnitt): © Sarah F.J. Hill - Fotolia.com

Deutsche Regisseurinnen sind unterbeschäftigt in der Film- und Fernsehlandschaft. Um das zu ändern, wurde 2014 der Gleichstellungsverein Pro Quote Regie ins Leben gerufen. Die Diskussion ist noch immer aktuell.

Im August 2015 sind in den Kinos in Deutschland bundesweit 16 deutsche Produktionen angelaufen. Nur drei davon waren unter weiblicher Regie entstanden.

Die Zahlen sind symptomatisch für die deutsche Film- und Fernsehbranche, wie der filmpolitische Informationsdienst black box herausfand. Demnach unterstützte im Jahr 2013 der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) 115 Filmprojekte mit insgesamt 62 Millionen Euro. Ein knappes Zehntel davon ging an 13 Filmprojekte von Regisseurinnen.

Eine Quote für Regisseurinnen

Viele Filmemacherinnen sehen darin einen Beweis, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nicht die gleichen Chancen haben wie ihre männlichen Kollegen. So auch die Regisseurin Bettina Schoeller-Bouju: „Wir haben den Grund für Absagen von Produzenten, Redakteuren und Filmförderern immer nur bei uns selbst gesucht“, erklärt sie. Die „eindeutigen Zahlen“ offenbaren ihrer Ansicht nach jedoch „ein systemimmanentes Problem der Branche“, nämlich dass Frauen generell nur selten für Regieposten engagiert werden.

Zusammen mit elf weiteren Regisseurinnen gründete sie deshalb den Gleichstellungsverein Pro Quote Regie und ging im Oktober 2014 mit einem Appell an die Öffentlichkeit. Die Forderung der Initiative: eine gestaffelte Quote, die bis 2024 Frauen bei der Verteilung von Regieaufträgen für Film und Fernsehen gleichstellt. Zudem plädiert die Initiative für Studien zum Werdegang und zur Arbeitssituation von Regisseurinnen, aber auch für die paritätische Besetzung von Entscheidungsgremien: So sitzt beispielsweise in der 13-köpfigen Vergabekommission der Filmförderanstalt FFA derzeit nur eine Frau.

Künstlerische Qualität versus Verteilung?

Doch gestehen die Filmemacherinnen mit ihrem Ruf nach der Quote nicht auch ein, dass sie sich nicht aus eigener Kraft etablieren können? „Eine Quote ist eigentlich eine Krücke“, erklärt Schoeller-Bouju, „aber man muss ein System, in dem eine derartige Ungleichbehandlung herrscht, erst einmal von außen verändern.“ Kritische Stimmen führen zudem an, dass die Güte des Films zähle und weniger die Frage, ob ein Mann oder eine Frau ihn gemacht habe. Auch die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, die mit den Forderungen von Pro Quote Regie durchaus sympathisiert, erklärte in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, eine Quote habe im Kulturbetrieb keinen Platz. Da ginge es „nur um künstlerische Klasse“. Das allerdings würde bedeuten, dass im Kino oder zu Hause derzeit nur das Beste zu sehen sei, gibt Barbara Rohm von Pro Quote Regie zu bedenken. „Es geht bei dieser Diskussion nicht um Qualität, sondern ganz klar um Verteilung.“ Und die fällt offensichtlich zugunsten von Männern aus. So zeigt der im November 2014 veröffentlichte erste Regie-Diversitätsbericht vom Bundesverband Regie (BVR), dass nur gut ein Fünftel der deutschen Kinofilme von Frauen inszeniert sind. Beim Fernsehfilm spitzt sich diese Schieflage noch zu. Ihr Anteil liegt im fiktionalen Hauptabendprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender bei nur elf Prozent.

Schweden als Vorbild

Wie ist dieses Phänomen zu erklären? „Die guten Regisseurinnen sind auf Jahre hinaus ausgebucht, sodass am Ende doch wieder ein Mann beauftragt wird“, erläutert der WDR-Programmbereichsleiter Gebhard Henke in einem Artikel des Fachmagazins Blickpunkt:Film die Vergabepraxis. Diese Beobachtung teilt auch die Geschäftsführerin der ARD-Tochter DEGETO, Christine Strobl. Es sei noch nicht „genügend in den Köpfen verankert“, bei der Absage einer Frau „bewusst nach einer anderen Regisseurin“ zu suchen. Die Fernsehfilmchefin des Hessischen Rundfunks Liane Jessen verweist im Artikel dagegen auf die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Pro Quote Regie kann diesen Argumenten nicht folgen. Ein Mangel an qualifizierten Regisseurinnen? 42 Prozent der Regieabsolventen sind weiblich, hat der Gleichstellungsverein recherchiert. Und was das Spannungsverhältnis Familie und Beruf betrifft, hätten heutzutage „wie bei allen anderen Berufsgruppen“ beide Elternteile die Verantwortung für die Kindererziehung.

Auch angesichts solcher Aussagen erscheint Pro Quote Regie die Einführung einer Quote dringlich. Wer in den Fernsehredaktionen nicht bekannt sei, sagen Bettina Schoeller-Bouju und Bettina Rohm, habe auch weniger Aussicht auf die erfolgreiche Förderung eines Filmprojekts. Schließlich schreibe das deutsche Fördersystem meist die Beteiligung des Fernsehens vor. Doch mit welchen Instrumenten kann die Chancengleichheit für Regisseurinnen erreicht werden? „Sinnvoll wäre es etwa, Produzenten finanzielle Anreize zu bieten, wenn sie mit Frauen zusammenarbeiten“, erklärt Barbara Rohm. Schweden dient dem Verein als Vorbild. Ein Film-Agreement zwischen Regierung, Parlament, Filmproduzenten und TV-Sendern legt dort fest, dass ab Ende 2015 die Hälfte des Filmförderungsbudgets an Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen oder Produzentinnen vergeben werden muss.

Verschiedene Perspektiven ermöglichen

Dass der Aufruf 2014 vielen, die in der Filmbranche und Politik tätig sind, die Benachteiligung von Regisseurinnen erst bewusst gemacht habe, wertet Pro Quote Regie als Erfolg ihrer Initiative. Die DEGETO, die jährlich rund 100 Spielfilme und Serien für die ARD produziert, hat sich mittlerweile verpflichtet, 20 Prozent aller Aufträge an Frauen zu vergeben. Für Pro Quote Regie ist dies ein wichtiges Signal. Schließlich sei es „grundsätzlich wichtig, dass Geschichten auf unterschiedliche Arten und aus möglichst verschiedenen Perspektiven erzählt werden“, so Bettina Schoeller-Bouju, „damit sich die Diversität unserer Gesellschaft auch in den Medien widerspiegelt“.