Brasilianische Filme auf der Berlinale Auf der Suche nach Identität

„Antes o tempo não acabava“, Regie: Sérgio Andrade, Fábio Baldo
„Antes o tempo não acabava“, Regie: Sérgio Andrade, Fábio Baldo | © Yure Cesar

In den ersten Tagen der Berlinale haben bereits drei brasilianische Filme aus der Sektion Panorama Premiere gefeiert. Was die Erzählweise und die Filmsprache angeht, sind die Filme sehr verschieden, haben aber doch eines gemeinsam: sie zeigen Figuren auf der Suche nach ihrer Identität.

In Mãe só há uma (Don‘t Call Me Son) von Anna Muylaert geht es um den Jugendlichen Pierre, der noch zur Schule geht, in einer Rockband spielt, seine Sexualität ausprobiert und entdeckt, dass er kurz nach der Geburt aus dem Kreißsaal gestohlen wurde. Inspiriert wurde das Drehbuch von dem Fall des Jungen Pedrinho, der sich vor einigen Jahren in Brasília ereignete. Mit 17 Jahren ist Pierre konfrontiert mit einem neuen Leben in einer neuen Familie, die vorgibt, die seine zu sein. Der Name Felipe, den ihm die Familie aufzwingen will und von dem sie behauptet, dass es sein richtiger Name sei, wird zur Metapher für die Dekonstruktion und die Suche nach Identität. Das Herausragende an diesem Film ist die schauspielerische Leistung insbesondere von Naomi Nero, dem Darsteller des Pierre.

In dem Film Antes o tempo não acabava (Time Was Endless) erzählen Sérgio Andrade und Fábio Baldo von der Wandlung Andersons, einem Indigenen der Tikuna, der mit seiner Schwester am Stadtrand von Manaus lebt. Während er sich für ein Leben in der Stadt entscheidet, geht seine Schwester zurück in ihr Heimatdorf. Der Film stellt traditionelle indigene Rituale, denen sich Anderson unterzieht, dem neuen Stadtleben gegenüber. Der Soundtrack und das Szenenbild setzen ebenfalls auf diesen Kontrast und vermischen indigene Themen mit Rock- und elektronischer Musik. „Die Figuren entfalten sich entlang einer Grenzlinie zwischen Tradition und dem urbanen Leben“, so Regisseur Andrade.

Wer hat das Recht, über das Leben anderer zu entscheiden?

Beeindruckt war das Berlinale-Publikum von Curumim, einem Dokumentarfilm von Marcos Prado über Marco Archer, einem Brasilianer, der 2015 wegen Drogenhandels in Indonesien hingerichtet wurde. Den Höhepunkt des Films bilden Aufnahmen, die Archer selbst mit versteckter Kamera im Gefängnis drehte. Es sind rohe Bilder, die auf intime Weise den Alltag von jemandem zeigen, der fern von Freunden und Familie dem Tod gegenübersteht.

Der Protagonist konstruiert beim Erzählen über das Leben im Gefängnis seine Identität mal auf komische, mal auf sentimentale Weise und versucht so, noch seinen Platz in der Welt zu finden. „Wir haben eine Beziehung aufgebaut, indem wir über drei Jahre hinweg einmal pro Woche telefonierten“, erläutert Prado. Ausgehend von Berichten anderer Gefangener, mit denen Archer befreundet war, offenbart der Film in Ansätzen auch die Funktionsweise des indonesischen Rechtssystems. Der Film stellt die schmerzhafte Frage, ob ein Staat das Recht hat, über das Leben anderer zu entscheiden.