Tunesischer Wettbewerbsbeitrag „Inhebbek Hedi“ von Mohamed Ben Attia

„Hedi“ von Mohamed Ben Attia
„Hedi“ von Mohamed Ben Attia | Foto: Frederic Noirhomme © NOMADIS IMAGES-LES FILMS DU FLEUVE–TANIT FILMS

Mit „Inhebbek Hedi“ geht der tunesische Regisseur Mohamed Ben Attia ins Rennen um den Goldenen Bären.

Die meisten arabischen Filme, die nach Beginn des Arabischen Frühlings auf den großen Festivals liefen, waren mehr oder weniger stark von den politischen Ereignissen geprägt. In Inhebbek Hedi steht dies weniger im Fokus. Der tunesische Regisseur Mohamed Ben Attia erzählt eine zutiefst menschliche Geschichte.
 
Hedi, ein junger Tunesier, will eigentlich nur seine Ruhe haben. Deshalb überlässt er seine Lebensplanung bereitwillig anderen – seiner Mutter, dem großen Bruder, dem Chef, der Verlobten. Doch dann verliebt sich Hedi, nur wenige Tage vor der geplanten Hochzeit, auf einer Dienstreise Hals über Kopf in die Tänzerin Rim. Zum ersten Mal erlebt er, was Glück bedeutet. Und plötzlich begreift er: Wer glücklich sein will, muss auch mal Entscheidungen treffen und Konflikte austragen.

Doppeldeutigkeit und Zwiespalt

Hedi ist zwiegespalten – soll er seinen eigenen Weg gehen oder soll er machen, was die Gesellschaft von ihm erwartet? Dass dieser Zwiespalt bereits im Titel des Films enthalten ist, bleibt dem nicht arabischsprachigen Publikum leider verborgen. Denn „Inhebbek Hedi“ ist nicht nur der Wortlaut von Rims Liebeserklärung („Ich liebe dich, Hedi“), die Hedi rebellisch werden lässt, sondern paradoxerweise auch das oberste Gebot einer Gesellschaft, in der von der jungen Generation erwartet wird, sich ruhig zu verhalten – die Doppeldeutigkeit ergibt sich aus der wörtlichen Bedeutung des Namens Hedi („Ruhe/ruhig“).
 
Hedis Dilemma ist zwar kein rein arabisches Phänomen. Doch bringen es insbesondere in arabischen Ländern die Gesellschaftsstrukturen mit sich, dass junge Menschen, die von mehr Individualität träumen, ununterbrochen Steine in den Weg gelegt bekommen. Auch junge Erwachsene müssen sich häufig noch dem übermächtigen Diktat von Familie und Gesellschaft beugen. Daher erscheint Inhebbek Hedi auf den ersten Blick als Liebesgeschichte, enthält aber auch ein hohes Maß an Protest gegen eine Gesellschaft, die der Jugend mit aller Macht bestimmte Werte überzustülpen versucht – etwa ein geregeltes Leben mit Familie, Traditionen und gesichertem Einkommen.

Der Film lebt von den Darstellern

Die filmische Umsetzung gestaltet Mohamed Ben Attia so schlicht wie möglich. Um die Emotionen des Protagonisten besser einfangen zu können, verzichtet er auf eine statische Kameraführung und weitgehend auch auf künstliches Licht. Stattdessen setzt er auf die Leistung seiner Schauspieler, allen voran Majd Mastoura als Hedi, daneben Sabah Bouzouita als Hedis Mutter und Rym Ben Messaoud als Rim. Mit Inhebbek Hedi steht 20 Jahre nach Férid Boughedirs Komödie Ein Sommer in La Goulette erstmals wieder ein tunesischer Film im Wettbewerb der Berlinale.