Kinogeschichte Die wilde bunte Welt der Bahnhofskinos

Das ehemalige Aki in München
Das ehemalige Aki in München | Foto (Ausschnitt) | © Lunabeach TV & Media GmbH

„Schmuddelig“ oder „niveaulos“ sind Adjektive, die man häufig in Bezug auf Bahnhofskinos liest. Dabei sollten sie ursprünglich nur die Wartezeit der Reisenden verkürzen. 

Mit ihrer wechselvollen Geschichte erzählen die bis heute berüchtigten Bahnhofskinos ein starkes Stück westdeutscher Kinokultur. Entstanden sind diese speziellen Lichtspielhäuser nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik, als fast alle Großstadtbahnhöfe in Trümmern lagen. Beim Wiederaufbau entschied sich die Deutsche Bundesbahn, moderne Kinosäle für die Reisenden anzubieten, manche davon mit Sitzplätzen für 500 Gäste und mehr. Ähnliches gab es bereits in den USA und Großbritannien.
 
Den Aufbau und die Koordination übernahm die 1950 gegründete Betreibergesellschaft AKI Aktualitätenkino-Betriebs-GmbH & Co, die das erste Bahnhofskino im April 1951 am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main eröffnete. Weitere Häuser in Hamburg, Köln, München und anderen Großstädten Westdeutschlands folgten. In der Anfangszeit wandte sich das Programm an Bahnreisende, die sich die Wartezeit zwischen zwei Fernzügen vertreiben wollten. Damals waren die Zugfahrpläne noch nicht so eng getaktet wie heute, und so kam es bisweilen zu zermürbend langen Zwischenhalten.

Nonstop Zeitvertreib – Transitzonen, Durchgangsorte

Weil die Bahnhofskinos lediglich den Leerlauf zwischen zwei Zügen überbrücken sollten, zeigten sie keine regulären Kinofilme. Stattdessen projizierten die sogenannten Aktualitäten-Kinos (kurz Akis) oder Bahnhofslichtspiele (kurz Balis) von morgens bis spät abends ein rund 50-minütiges Programm in Dauerschleife, das wöchentlich wechselte. Das Eintrittsgeld war niedrig, man bot „Unterhaltung für die ganze Familie“ und so gehörten neben den Durchreisenden auch Stammkunden, darunter viele Kinder, zum Publikum. Die Gäste kamen und gingen, wann sie wollten, ohne etwas Entscheidendes zu verpassen. Die Beleuchtung dieser waschechten Durchgangsorte war etwas heller als in anderen Kinos, oft gab es einen separaten Ein- und Ausgang auf gegenüberliegenden Seiten und neben der Leinwand thronten eine beleuchtete Uhr und eine Tafel mit Informationen über Zugverspätungen.
 
Das Programm der Balis und Akis hatte ein festgelegtes Schema. Es bestand anfangs aus einem rund halbstündigen Wochenschau-Querschnitt zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen, einem Slapstick- oder Trickfilmprogramm und Boulevardsendungen. Üblich waren auch ein kurzer Kulturfilm oder Reisebericht, der das Publikum gleich zu neuen Bahnfahrten inspirieren konnte. Ein schlagender Vorteil gegenüber herkömmlichen Kinos war es auch, dass deutlich mehr Spielzeit für die Wochenschauen vorgesehen war, womit man dem Publikumswunsch nach aktuellen Informationen entgegenkam. Das Konzept ging auf: In den 1950er-Jahren, der Blütezeit der Bahnhofskinos, waren die Säle meist restlos ausverkauft.

Sex, Zombies und andere Sensationen

Blutgericht in Texas (The Texas Chain Saw Massacre, Tobe Hooper, 1974) Blutgericht in Texas (The Texas Chain Saw Massacre, Tobe Hooper, 1974) | Foto (Ausschnitt) © Turbine Medien GmbH | Die Marktlage der Bahnhofskinos änderte sich dramatisch, als das Fernsehen im Verlauf der 1960er-Jahre die westdeutschen Wohnzimmer eroberte. Eine aktuelle Berichterstattung im Wochenschau-Format konnte das neue Medium viel besser leisten als die Aktualitätenkinos. Nachdem die Betreiber zunächst erfolglos auf ein reguläres Kinoprogramm umschwenkten, fuhren sie ab Mitte der 1960er- und in den 1970er-Jahren eine neue Programmschiene.
 
Vor dem Hintergrund der sexuellen Revolution wanderten Softerotikfilme in die Spielpläne, etwa Ich – Ein Groupie (Erwin C. Dietrich, 1970) und Billigversionen der kassenträchtigen Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle. Auch andere reißerische Genrefilme, die gemeinhin als Schund galten, flimmerten über die Leinwände: Western-, Kampfsport- und Monsterfilme aus Italien, Hongkong und Japan, actionreiche Kriminalfilme wie Blutiger Freitag (Rolf Olsen, 1972) oder Horrorfilme wie Die Nacht der reitenden Leichen (Amando de Ossorio, 1971). Der gute Ruf der Bahnhofskinos sank parallel zur neuen Filmauswahl, die ihnen ein Etikett als „Schmuddelkinos“ einbrachte.
 
Filme, die im Fernsehen und in regulären Lichtspielhäusern aus moralischen, ethischen oder künstlerischen Gründen nicht gezeigt wurden, fanden in den Balis ein Forum. Und so versammelten sich immer weniger Reisende unter den Kinogästen, sondern Fans des abseitigen Kinospektakels. Wer in den 1970er- oder 80er-Jahren ein Bahnhofskino besuchte, wollte Sexfilme sehen, wüste Schießereien oder blutige Horrorfilme jenseits gängiger Moralvorstellungen und Normen. Blutgericht in Texas (Tobe Hooper, 1974), Ich spuck' auf dein Grab (Meir Zarchi, 1978), Zombies unter Kannibalen (Marino Girolami, 1980) oder Nackt und zerfleischt (Ruggero Deodato, 1980) lauteten die plakativen Titel der B-Movies.

Videotheken besiegeln das Schicksal der Bahnhofskinos

Durch die Anfang der 1980er-Jahre aufkommende Videotechnik bekamen die Bahnhofskinos einen weiteren Konkurrenten, der ihr Schicksal letztlich besiegelte. Jetzt konnte das Publikum seiner Schaulust bequem zu Hause frönen, nachdem sie die entsprechenden Filme aus einer Videothek entliehen hatten. Das Alleinstellungsmerkmal der Bahnhofskinos, harte Kost zu zeigen, die sonst nirgendwo zu sehen war, hatte ausgedient.
 
Auch die Idee, das Programm komplett auf Hardcore-Pornografie und immer härtere Splatterfilme umzustellen, konnte die Balis nicht vor dem Bankrott bewahren. Ein Pachtvertrag nach dem anderen lief aus, auch, weil die Schmuddelhäuser nicht mehr ins Image der Deutschen Bundesbahn passten. Durch den Ausbau der Infrastruktur fielen die Wartezeiten an den Bahnhöfen ohnehin kürzer aus, weswegen auch die ursprüngliche Funktion als Nonstop-Zeitvertreib nicht mehr gefragt war. Fast alle Bahnhofskinos wurden bis Ende der 1990er-Jahre geschlossen, die AKI Aktualitätenkino-Betriebs-GmbH & Co meldete Insolvenz an. Lediglich das Bali in Berlin-Zehlendorf und in Kassel überdauerten die Zeit als reguläre Spartenkinos.
 
Ein knappes halbes Jahrhundert dauerte die Geschichte der westdeutschen Bahnhofskinos. Gegründet wurden sie als harmloser Zeitvertreib für Reisende. Doch bis heute haftet ihnen der Ruf des „Verruchten“ an, den sie sich mit der Programmstruktur ab Mitte der 1960er-Jahre erworben haben – obwohl etliche der damals verschmähten und belächelten Werke mittlerweile als Kultfilme oder Genreklassiker reüssieren.