Fantasy Filmfest Blut und Nervenkitzel für die Fans

Auch „68 Kill“ von Trent Haaga läuft auf dem Fantasy Filmfest 2017
Auch „68 Kill“ von Trent Haaga läuft auf dem Fantasy Filmfest 2017 | Foto (Ausschnitt): © Fantasy Filmfest/MFA+

Horror, Science-Fiction, Arthouse – 1987 wurde in Hamburg das Fantasy Filmfest gegründet. Seit 30 Jahren tourt es regelmäßig durch sieben deutsche Städte. Mittlerweile ist aus der einstigen Liebhaberveranstaltung ein vielbeachtetes Event geworden.

Eine Autopanne in der Wüste, ein Zombie, der erste Tote – Colin Minihans It Stains the Sand Red kommt schnell auf den Punkt. Was folgt, ist eine gelungene Mischung aus blutigem Horror und Splatter-Comedy: Einen ganzen Film lang wird die Stripperin Molly, leichtbekleidet, von einem röchelnden Untoten durch die Wüste gejagt. Als sie dem lästigen Verehrer ihr Gepäck aufhalst, um sich etwas Luft zu verschaffen, gibt es lachenden Applaus. Das Publikum, merkt man, hat schon Härteres gesehen. Doch die Fantasy Filmfest Nights, bei denen die US-amerikanische Zombiegroteske zusammen mit neun weiteren Filmen läuft, sind erst der Auftakt für das eigentliche Festival im September und Oktober 2017. Etwa 60 Filme voller Blut und Nervenkitzel zeigt das Fantasy Filmfest dann über mehrere Wochen hinweg in aktuell sieben deutschen Städten. Mit deutlich über 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauern gehört es zu den erfolgreichsten deutschen Filmfestivals und den wichtigsten internationalen Genrefestivals.

Sonderrolle in der deutschen Festivallandschaft

Plakat: Fantasy Filmfest 2017 Foto (Ausschnitt): © Fantasy Filmfest Das Gründungsfestival 1987 in Hamburg war mit Horror-, Science-Fiction- und Arthouse-Klassikern wie Stanley Kubricks A Clockwork Orange (1971), Luis Buñuels L’age d’or (1930) oder F. W. Murnaus Nosferatu (1922) noch stark retrospektiv ausgerichtet. Die Tradition des „Fantastischen Films“ und gehobene Filmkunst gesellten sich neben bekannte Schocker von John Carpenter oder Wes Craven. Gerade in Deutschland war das Horrorkino besonders streng indiziert oder Schnittauflagen unterworfen, umso größer der Reiz, die Festivalleinwand mit Blut zu füllen, auch mit aktuellen Filmen: Ein damals noch unbekannter Starregisseur wie Peter Jackson kam persönlich in Hamburg vorbei und präsentierte sein Langfilmdebüt Bad Taste (1987).

In der breitgefächerten deutschen Festivallandschaft nimmt das Fantasy Filmfest mittlerweile eine Sonderrolle ein – auch, weil es seit 1989 zeitversetzt in mehreren deutschen Städten ausgetragen wird: Gezielt wollte man aus versprengten Fan-Cliquen eine Community bilden und somit den Ticketverkauf vorantreiben. Denn die Finanzierung läuft ohne staatliche Fördergelder, alleine über Eintrittsgelder und Sponsoren. Auch deswegen werden Städte mit geringem Besucherinteresse ausgemustert.

Startrampe für die kommerzielle Auswertung

Wie kaum ein anderes deutsches Festival spiegelt das Fantasy Filmfest den Markt wider. In den letzten Jahren gebührte Horror und Trash, oft mit drastischen Gewaltdarstellungen, eindeutig der Vorrang. Die große Fangemeinde, die sich im Mainstreamkino kaum wiederfindet, soll die neuesten Perlen des Genres zumindest einmal auf der Leinwand sehen: im Original mit oder ohne Untertiteln und am besten in Anwesenheit der Filmemacher. Zahlreiche Filme haben noch keinen Verleih und werden nie ins Kino kommen, auf längst nicht alle wartet bereits die Verwertung auf DVD, Blu-Ray oder Video on Demand.

Doch gerade für diesen schwächelnden Markt bleibt das Festival eine wichtige Startrampe für eine mögliche kommerzielle Auswertung: Jonathan Glazers Science-Fiction-Thriller Under the Skin (2013) mit Scarlett Johansson als mörderischer Alien und Yorgos Lanthimos’ Dystopie The Lobster (2015), die erst nach heftigen Fanprotesten eine limitierte Kinoauswertung erfuhren, sah man zunächst selbstverständlich auf dem Fantasy Filmfest. Neill Blomkamps mehrfach Oscar-nominierte düsteres Science-Fiction-Drama District 9 gewann 2009 den einzigen Filmpreis des Festivals, den Fresh Blood Award-Publikumspreis für das beste Erstlingswerk.

Bruch mit Konventionen

Die Liste erfolgreicher Filme ist lang. Moderne Sci-Fi-Klassiker finden sich darunter, ebenso The Babadook (Jennifer Kent) und It Follows (David Robert Mitchell), die 2014 eine Renaissance des anspruchsvollen Horrorkinos einläuteten. Ein besonderer Coup gelang 2016, als die exzentrische Komödie Swiss Army Man (Dan Kwan, Daniel Scheinert) das Publikum von den Sitzen riss, mit Daniel Radcliffe als quicklebendiger Leiche.

Die Filme sollen „fordern und überfordern, mit Konventionen brechen“, schrieben die Veranstalter im Programmheft. Aber kann das Festival diesen Anspruch heute noch einlösen? Zum einen wechselt der Publikumsgeschmack immer schneller. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass eine Serie wie The Walking Dead das Zombiethema einmal in den Mainstream bringt? Zum anderen führt die Konkurrenz durch Streamingdienste zu neuen Problemen. „Netflix und Amazon interessieren sich kaum für Festivals, höchstens noch für Cannes und Venedig“, sagt die neue Festivalleiterin Frederike Dellert. Die angestammte Aufgabe von Festivals, Filme mit geringer Reichweite zielgerichtet ans Publikum zu bekommen, leistet nun vermehrt das Internet.

Frauen sind nicht nur „Final Girl“

Dennoch werden Festivals immer beliebter: Das Publikum schätzt die große Leinwand. Für den deutschen Genrefilm, traditionell stiefmütterlich behandelt, sind die „Genrenale“ und „achtung berlin“ wichtige Plattformen geworden. Beim Fantasy Filmfest, das vor allem internationale Produktionen zeigt, hat die Leiterin einen neuen Trend ausgemacht: Die einstige „Männerveranstaltung“ werde immer stärker auch von Frauen wahrgenommen. Die weibliche Auseinandersetzung mit Horror, in akademischen Betrachtungen schon länger ein Thema, schlage sich nun auch in Besucherinnenzahlen nieder. 

Bei den Filmfest Nights sind die Männer zwar eindeutig in der Überzahl. Doch Frauen werden immer präsenter. Nicht nur im Saal, sondern auch auf der Leinwand, wo sie längst nicht mehr auf die traditionelle Rolle des „Final Girl“ reduziert sind, des attraktiven Opfers mit Überlebenschancen: In It Stains the Sand Red nimmt die grandiose Brittany Allen den Kampf mit den Zombies selbstbewusst alleine auf, und A. D. Calvos stilsicher an Siebzigerjahre-Vorbildern orientierter Spukhaus-Thriller Sweet, Sweet Lonely Girl verlässt sich gleich ganz auf eine weibliche Besetzung. Die angebliche Angst von Frauen vor Zombies, Slashern und literweise Kunstblut ist inzwischen kaum mehr als ein amüsantes Klischee von gestern.