Beruf: Stuntfrau „Blaue Flecken gehören dazu“

Reizvoll: die Arbeit mit Seilsystemen und Feuer
Reizvoll: die Arbeit mit Seilsystemen und Feuer | Foto (Ausschnitt): Melanie Benna

Stürzen, sich aus großer Höhe abseilen oder einen Mopedunfall hinlegen – das ist für Melanie Benna Berufsalltag. Die Berlinerin arbeitet als Stuntfrau. Wie behauptet sie sich in der Männerdomäne?

Frau Benna, Stuntfrau ist weder ein Ausbildungsberuf noch ein typischer Frauenjob. Da bleibt die Frage nicht aus, wie Sie in diesem Metier gelandet sind?

Durch Zufall. Ich habe Islam- und Politikwissenschaft studiert, aber das machte mich nur begrenzt glücklich. Langeweile ist für mich der Obertod. Ich war an einem Burnout-Punkt, als mich eine Freundin zu einem Stunt-Workshop nach Dänemark eingeladen hat. Das war super! Tolle Leute und unglaublich viel Spaß. Einige Monate später erhielt ich meine erste Anfrage, ob ich mich für einen Dreh aus der Höhe abseilen könne. Da ich jahrelang im Extremsportbereich arbeitete, war das für mich kein Problem. Weitere Aufträge folgten. Damals, 2011, war ich Mitte Zwanzig. Hauptberuflich mache ich das seit 2013.

Melanie Benna, Jahrgang 1983, arbeitet seit 2013 hauptberuflich als Stuntfrau. Melanie Benna, Jahrgang 1983, arbeitet seit 2013 hauptberuflich als Stuntfrau. | Foto (Ausschnitt): Melanie Benna Sie sprachen gerade von „abseilen“. Was müssen Sie als Stuntwoman denn alles können?

Man sollte sportlich sein, sich seiner Fähigkeiten bewusst und situativ flexibel. Zusätzlich ist ein ausgeprägter Sinn für potenzielle Gefahren sehr wichtig. Unerlässlich ist der stetige Drang sich weiterzubilden. Ich besuche mindestens zwei große Lehrgänge zur Kompetenzsteigerung pro Jahr, 2017 Jahr waren es sogar fünf. Ich selbst bin eine Art Allroundkraft, habe aber diverse Schwerpunkte, wie zum Beispiel die Arbeit mit Höhenelementen inklusive Rigging, also der Einsatz von Seiltechniken. Dies gehört aber, wie gesagt, zu meinen Ursprungskompetenzen, lange bevor ich mit Stunts anfing. Irgendwann hatte ich bei mir Höhenangst festgestellt. Ich fand das ziemlich seltsam und fing an mich damit auseinanderzusetzen. Ich steigerte meine Höhengrenzen und beschäftigte mich mit Seilen: Also welches Seil mich halten kann oder welches Seilsystem das Beste ist.

Sie probieren aus, was Ihnen Angst macht?

Ja, das kann man so sagen. Alles was eine ungewöhnliche Reaktion bei mir hervorruft, etwa unerklärliche Angst mit erhöhtem Puls, interessiert mich. Denn viele Ängste haben unrealistische Gründe. Ich setze mich damit auseinander und entwickle mich so beruflich zu einer Art Spezialistin in dem jeweiligen Bereich. Auch die Arbeit mit Feuer und unter Wasser gehört aus diesem Grund zu meinen Schwerpunkten.

Feuerspucken für den Dreh Feuerspucken für den Dreh | Foto (Ausschnitt): Melanie Benna Wie viel trainieren Sie?

Ich mache täglich mindestens eine Stunde Sport, eine Mischung aus Dehnung und Kraft. Zusätzlich  Kickboxen, Stockkampf, Falltraining, direktes Stunttraining in der Akrobatik- oder Trampolinhalle, Fahrtraining mit dem Auto oder Motorrad. Ab und an trifft man sich, um Neues auszuprobieren, wie Seilsysteme, ein Feuergel oder ähnliches.

Trainieren Sie auch gegen das Älterwerden an, Sie müssen ja ziemlich fit sein für diesen Job?

Ich habe mich nur einmal wirklich verletzt, und das war beim Training. Blaue Flecken gehören dazu, die sind normal. Aber gewisse Stunts lehne ich mittlerweile ab, die können Zwanzigjährige machen. Außerdem arbeite ich nicht nur vor der Kamera als Stuntfrau, sondern auch dahinter: als Stunt Coordinator oder Assistant Coordinator. Ich finde es spannend, einen Stunt zu kreieren. Man stimmt sich mit allen Departments ab und entwickelt so die perfekte Version des Stunts für die Regisseurin oder den Regisseur. Ich komme aus dem Teambuilding und für mich ist Filmarbeit die Spitze der Teamarbeit, einfach toll. Zusätzlich ist eine große Bandbreite an Kompetenz auch die einzige Möglichkeit sich in diesem Beruf als Frau zu halten und davon leben zu können.

Melanie Benna springt über ein Auto Melanie Benna springt über ein Auto | Foto (Ausschnitt): Melanie Benna Nur ein Fünftel oder Sechstel aller Stuntleute sind Frauen. Woran liegt das?

Das hat vielseitige Gründe – auch, weil es weniger Stuntszenen für zu doubelnde Schauspielerinnen gibt. Wie oft hat eine Frau eine tragende Rolle im Film? Das ist in Deutschland schon marginal. Auch international ist das nicht viel anders. Wenn weibliche Darsteller gedoubelt werden, dann tatsächlich häufig, weil es ihre Rolle erfordert, dass sie sich tollpatschig oder hilflos anstellen. Bodystunts mache ich deshalb auch, also alles rund ums Fallen: eine Treppe mit hohen Schuhen runterfallen, ausrutschen, sich vom Auto anfahren lassen, geschlagen werden. Starke, kämpfende Frauen sieht man hingegen viel seltener. Frauen zu doubeln ist oftmals härter als Männer, denn unter einen Rock oder ein Kleid kannst du keine Schützer anziehen. Die Verletzungsgefahr ist höher.

Alles rund ums Fallen: Bodystunts gehören zu Melanies Expertise. Alles rund ums Fallen: Bodystunts gehören zu Melanies Expertise. | Foto (Ausschnitt): Melanie Benna Sie sind seit acht Jahren dabei. Was waren Ihre Lieblingsstunts?

Ich habe mal mit Dany Levi für „Die Welt der Wunderlichs“ einen Mopedunfall gedreht, der unbedingt witzig wirken sollte. Ich finde Stunts in Komödien super, weil man sich selbst nicht so ernst nimmt und so unglaublich tolle Resultate erzielt. Genau deswegen sind meiner Meinung nach die besten Stuntszenen in Komödien zu finden. Zusätzlich liebe ich es, wenn man mit dem Team etwas total Abgefahrenes kreiert. Dabei muss es nicht immer actiongeladen sein. Bei „A Cure for Wellness“ haben wir für Tauchszenen ältere Komparsen trainiert, über eine Minute lang die Luft anzuhalten. In der Szene haben wir sie alle gleichzeitig mit einem Seilsystem unter Wasser gezogen, damit sie senkrecht stehen konnten: Wir wollten erzählen, dass sie in speziellen Tanks in diesem Wasser atmen können. Das war super herausfordernd und hat unglaublichen Spaß gemacht.

Kampf unter Wasser Kampf unter Wasser | Foto (Ausschnitt): Melanie Benna Ein bisschen Draufgängertum braucht es schon für den Job, oder?

Ich bin keine Draufgängerin, ich bin ein sehr positiver und progressiver Mensch. Ich entwickle gerne neue Sachen, arbeite gerne im Team. Das sind sicher gute Eigenschaften für diesen Beruf. Wenn man Aufträge bekommt, sind davon nur ein gewisser Teil Sachkompetenz, der Rest ist Ideenreichtum, Teamfähigkeit und Flexibilität. Jemand muss sich gut einschätzen können, sich nicht überschätzen, auch in der Lage sein, mit dem Regisseur und dem Team vernünftig zu reden. Wenn man diese Bereiche gut kombiniert, ist man richtig gut in dem Job. Draufgänger kann man gar nicht gebrauchen, die gefährden nur sich selbst und alle anderen am Set.

Melanie seilt sich für einen Dreh ab. Melanie seilt sich für einen Dreh ab. | Foto (Ausschnitt): Melanie Benna