Berlinale-Blogger 2017 Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Shu'our akbar min el hob | Ein Gefühl größer als Liebe
Filmstill | © Tricontinental Media. | „Ein Gefühl größer als Liebe“

Die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart ist ein häufiges Thema des Kinos – besonders im Dokumentarfilm. Das Durchstöbern von Tagebüchern vergangener Generationen nach Geschichten, die der Allgemeinheit vielleicht unbekannt sind, scheint zu bestätigen, was wir alle bereits wissen: Die Menschheit hat wiederkehrende Facetten und das menschliche Leid muss sich über Generationen wiederholen, solange dessen Ursachen nicht beseitigt sind.

Dieses Thema steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Ein Gefühl größer als Liebe“ der libanesischen Regisseurin Mary Jirmanus Saba. Sie versucht in diesem Film, der im Forum der Berlinale gezeigt wird, die Vergangenheit des Libanons mit seiner Gegenwart zu verknüpfen. Dies geschieht durch den Rückblick auf zwei Geschichten, die – in ihrer begrenzten Anzahl – zunächst nur von geringem Wert erscheinen. Zwei Rebellionen ereigneten sich Anfang der Siebzigerjahre, als Arbeiter einer Schokoladenfabrik und Tabakbauern gegen das Monopol des Kapitals protestierten. Die Armee schlug beide Proteste nieder, je zwei Menschen fielen den Vorfällen zum Opfer.

„Tausende starben in Chile und Indonesien … wie wichtig ist der Tod dreier junger Männer und eines Mädchens, dass du einen Film über sie drehst?“ Die Regisseurin stellt sich – neben vielen anderen – auch diese Frage. Es scheint, als führe sie einen inneren Dialog, um die Dimension ihres Filmes zu begreifen. Diese liegt vor allem darin, dass die Ursachen der Bauern- und Arbeiterrebellion der frühen Siebzigerjahre heute noch immer vorhanden sind: schlechte Zustände, ein Anstieg der Preise, eine drückende Macht des Kapitals und der in jeder libanesischen Angelegenheit allgegenwärtige Konfessionalismus. Diese schwierige Situation besteht nach wie vor, wenn sie sich nicht sogar verschlimmert hat.

Die Regisseurin widmet den größten Raum ihres Films den Erinnerungen der Bauern, der Arbeiter und der kommunistischen Aktivisten, die an den beiden Ereignissen teilgenommen haben. Diese thematische Entscheidung führt zu einer Filmmontage, die nach der ersten halben Stunde in die Falle des Wiederholens tappt. Die ständig wiederkehrenden Haltungen und Ideen verlangsamen in der zweiten Filmhälfte das Tempo. Ausnahmen stellen Momente der versteckten Ironie über die kommunistischen Aktivisten dar, von denen einige mehr träumten als sie sollten. Andere waren abstoßend machohaft, so dass weibliche Mitglieder die Bewegung verließen, als sie herausfanden, dass die Männer sich für den Krieg vorbereiten und die Frauen für sie kochen sollten.

Was wir in „Ein Gefühl größer als Liebe“ am unterhaltsamsten fanden, waren diese Momente, in denen man gesellschaftliche Probleme versteht, die tiefer wurzeln als das kapitalistische Monopol. Dazu kommen die Szenen der Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, sei es, wenn Charaktere die Orte der vergangenen Rebellion besuchen oder alte revolutionäre Parolen über Mikrophon aus einem fahrenden Auto abgespielt werden. Der Film von Mary Jirmanus Saba geht auf der intellektuellen Ebene von einem Ereignis aus, und verknüpft dieses mit der heutigen Realität im Libanon. Auf der filmischen Ebene hätte die Montage des Materials aber konzentrierter umgesetzt werden können.