Berlinale-Blogger 2017 Was sagen uns die Bilder?

Filmstill „Casting JonBenet“
© Netflix/Michael Latham | „Casting JonBenet“

„Hybride“ Dokumentarfilme hat es immer gegeben, doch auf dieser Berlinale sind sie besonders prominent. Den Begriff einzugrenzen, fällt naturgemäß schwer: Die Filme handeln nicht nur meist von Diversität, sondern sind auch untereinander extrem verschieden. 

Beginnen wir mit In the Intense Now von João Moreira Salles. Der Brasilianer vermengt Archivbilder des revolutionären Mai 1968 mit Urlaubsfilmen seiner Mutter, die diese 1966 während der Kulturrevolution in China drehte. Zu diesem an sich schon persönlichen Vorgehen kommt ein wundervoller Kommentar im Stil des großen Essayfilmers Chris Marker (Sans Soleil, 1983). Salles nimmt die Bilder nicht als Dokumente, sondern stellt sie in den eigenen Erinnerungskontext: Warum wurden sie gemacht? Was sagen sie uns heute über Paris, Prag, Brasilien im Jahr 1986?
 
Ein großer Essayist war auch der US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin. In I’m Not Your Negro verknüpft Raoul Peck Textfragmente des 1987 verstorbenen Intellektuellen mit einer subjektiven Collage amerikanischer Black Culture in den 1960er Jahren. Der scharfzüngige Humanist wird zum Sprachrohr der unterdrückten schwarzen Stimme jener Zeit. Zu sehen sind nicht nur TV-Debatten mit den Bürgerrechtlern Malcolm X und Martin Luther King, sondern auch Beispiele für Hollywoods Ignoranz gegenüber dem Leben von Afroamerikanern (Niemand sah aus wie mein Vater). Es ist die Geschichte eines Traumas, das bis in die Ereignisse von Ferguson 2016 hinein fortwirkt.
 
Wie kommt es, dass so ein Film Mut macht, während die Geschichte eines vermeintlichen Helden so deprimierend wirkt? In Erase and Forget porträtiert die Londonerin Andrea Luka Zimmerman den hochdekorierten US-Veteranen James „Bo“ Gritz. Der heute 78-jährige war u.a. das Vorbild für Rambo. Als Idol der patriotischen Rechten hat der Waffennarr längst ausgedient, doch gerade als Psychogramm eines weißen Amerikas von gestern wirkt der Film so erschreckend aktuell. Da hilft nur noch die Flucht ins Absurde: In Casting JonBenet inszeniert Kitty Green ein Fake-Casting für die angebliche Verfilmung eines wahren Mordfalls aus dem Jahr 1996. Was geschah wirklich mit der sechsjährigen Schönheitskönigin JonBenet Ramsey? Dutzende von Kandidatinnen und Kandidaten erzählen ihre Version. Eine tolle Vermischung von Doku- und Spielszenen und damit ein echter Hybridfilm.