Berlinale-Blogger 2017 Die portugiesische Vielfalt bei der Berlinale

"Colo" von Teresa Villaverde | Foto (Ausschnitt): © Alce Filmes

Portugal hat dieses Jahr mit Colo von Teresa Villaverde im Wettbewerb, vier Kurzfilmen im Berlinale Shorts und vier weiteren Koproduktionen eine seiner stärksten Teilnahmen an der Berlinale. Der Kurzfilm Cidade Pequena (Kleine Stadt) wurde mit einem Goldenen Bären ausgezeichnet.
 

In ihrer 67. Ausgabe bringt die Berlinale die Vielfalt des zeitgenössischen portugiesischen Films nach Berlin. Im Wettbewerb, die begehrteste Sektion der Berlinale, stellt Teresa Villaverde ihren neuen Film Colo vor.
 
Der Film erzählt die Geschichte des Zerfalls einer Familie der Mittelklasse in einem von der Wirtschaftskrise gebeutelten Land. Die Mutter kommt nach ihren Doppelschichten nur zum Schlafen nach Hause, der arbeitslose Vater sucht krankhaft nach einem Neuanfang und die heranwachsende Tochter Marta, in ihrem familiären Umfeld isoliert, lebt ihre Pubertät mit kargen Zukunftsperspektiven und wenigen Freunden aus.
 
Alle im Film dargestellten Beziehungen sind von einer latenten Gesprächsunfähigkeit geprägt. Zwischen den Familienangehörigen ist keine Kommunikation möglich und sie wissen nur sehr wenig voneinander. Diese Isolation wird in drei Erzählmomenten offensichtlich. In jedem dieser Momente verlässt jeweils eins der Familienmitglieder das Haus und wandert in die Nacht hinaus. In diesen Momenten werden sie mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert.
 
Sowohl die interne Familienkrise als auch die Wirtschaftskrise schreiten im Film Seite an Seite voran. Die Kameraführung verstärkt mit schönen Bildern diesen Eindruck. Zu Anfang sind die Einstellungen offener und geometrischer. Im Laufe der Erzählung dringt der Zuschauer nach und nach in die Welt der Personen und deren persönliche Krisen ein. Die Winkel schließen sich, halten aber eine gewisse Distanz. „Die Kamera agiert wie ein interessierter Beobachter, der eine respektvolle Distanz wahrt“, erläutert hierzu die Regisseurin.
 
Der Höhepunkt der Wirtschaftskrise fällt mit dem Moment zusammen, in dem der Stromanschluss der Wohnung gekappt wird. Der Höhepunkt der familiären Krise wird jedoch durch den Tod von Martas Vogel untermalt. Dieser Moment kennzeichnet den Beginn des scheinbar unumkehrbaren Zerfalls der Familie. Dieser spiegelt sich auch in der Psychologie der Personen wider – es werden fast absurde Entscheidungen getroffen und jeder einzelne sucht einen Platz, um sein Leben fortzuführen. Colo ist ein Film der Hoffnungslosigkeit, er liefert keine Lösungen für die Zukunft. Alle Protagonisten brauchen im wahrsten Sinne des Wortes einen Schoß, auf Portugiesisch „colo“.
 

Die Kurzfilme

Der Kurzfilm Cidade Pequena (Kleine Stadt) von Diogo Costa Amarante brachte Portugal im zweiten Jahr in Folge den Goldenen Bären im Kurzfilmwettbewerb ein. Der Film porträtiert die emotionale Welt des sechsjährigen Frederico und seiner Mutter. Die Regisseur war bereits 2014 mit As Rosas Brancas (Die Weissen Rosen) bei den Berlinale Shorts vertreten..

"Kleine Stadt" von Diogo Costa Amarante | Foto (Ausschnitt) : © Diogo Costa Amarante João Salaviza, 2012 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, ist dieses Jahr mit Altas Cidades de Ossadas (Hohe Städte aus Totengebein) dabei. In schlaflosen und heißen Sommernächten wird die Intensität der Musik der Hauptfigur Karlon Krioulo, eines Pioniers des kreolischen Rap, gezeigt. Karlon stammt ursprünglich aus dem Slum „Pedreira dos Húngaros“, entflieht dann aber dem Viertel, in das er umgesiedelt wurde. Mehrere Freunde und sogar die eigene Tochter bitten ihn, zurückzukehren. Aber er weigert sich, denn er ist nicht mehr in der Lage, seinen Platz im Leben zu finden. Er zieht es vor, in nächtlicher Dunkelheit unterzutauchen. Dort findet er Geborgenheit. Für den Regisseur ist Altas Cidades de Ossadas eine neugierige und phantasievolle Erforschung der Erinnerungen des Rappers, der Bedrängnisse durch Institutionen sowie der verschollenen Geschichten einer dunklen Vergangenheit.

Salomé Lamas, die 2016 mit Eldorado XXI und 2013 mit Terra de ninguém im Forum teilgenommen hat, präsentiert sich dieses Jahr wieder mit einem Kurzfilm. Coup de Grâce (Gnadenschuss) erzählt die Geschichte von Leonor, die von einer Reise unerwartet zu ihrem Vater zurückkehrt. Der Film Os Humores Artificiais (Die Künstlichen Humore) von Gabriel Abrantes ist der letzte portugiesische Beitrag in der Kurzfilmsektion. Beim European Films Award startet er in der Kategorie Bester Europäischer Kurzfilm 2017.

Koproduktionen mit Rückblick auf die Kolonialgeschichte

Zwei Koproduktionen mit Brasilien haben die portugiesische Kolonialzeit in diesem Land als Handlungshintergrund. Im Wettbewerb ist der Film Joaquim von Marcelo Gomes zu sehen. Dieser Film stellt die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse im Brasilien des 18. Jahrhunderts dar. Erzählt wird die Geschichte von Joaquim José Xavier, genannt „Tiradentes", Märtyrer der Inconfidência Mineira, einer separatistischen Bewegung. „Wir wollten das Heldenbild dekonstruieren und ihn als einen gewöhnlichen Mann darstellen”, erklärt der Regisseur. In Joaquim verfolgen wir den Werdegang eines als Offiziersanwärter für die Krone arbeitenden Mannes, der davon träumt, Oberleutnant zu werden, sich aber nach und nach immer mehr verändert, bis er sich schließlich zur Teilnahme an der separatistischen Bewegung entscheidet. Eine herrliche Szene, die den Kontext der in Brasilien in dieser Epoche gelebten kulturellen Mischung darstellt, ist die, in der ein Ureinwohner und ein afrikanischer Sklave abwechselnd und jeder in seiner eigenen Sprache traditionelle Lieder singen, die nicht nur an deren Herkunft erinnern, sondern auch eine Atmosphäre schaffen, in der Protagonisten und Natur vereint erscheinen.

Vazante, gedreht von Daniela Thomas und im Festival in der Sektion Panorama vorgestellt, ist eine weitere Koproduktion, die sich dem 19. Jahrhundert in Brasilien zuwendet. In diesem Fall stehen die patriarchalischen Verhältnisse und die unterwürfige Rolle der Frau in der Gesellschaft im Mittelpunkt. Die Handlung spielt in Minas Gerais, auf der Farm von António. Dieser befindet sich in einer Übergangsphase vom Edelsteingräber zum Großbauern und Viehzüchter. António heiratet die 12-jährige Nichte seiner bei der Geburt ihres Kindes verstorbenen Frau. Das junge Mädchen, völlig aus dem Gleichgewicht gebracht durch seine neue Rolle, nähert sich dem Sohn einer Sklavin und bringt so die bestehende gesellschaftliche Ordnung aus dem Lot. Die Wahl von Schwarz-Weiß-Bildern verdient besonders hervorgehoben zu werden, da sie neben der Schönheit der Landschaft auch die Kargheit und Verschlossenheit der menschlichen Verhältnisse betont.
 
"Spell Reel" von Filipa César | Foto (Ausschnitt): © Stills from Spell Reel, 2017 Spell Reel von Filipa César ist eine Koproduktion zwischen Portugal, Frankreich, Deutschland und Guiné-Bissau. Sie wurde im Rahmen der Sektion „Forum“ gezeigt. Der Film ist Ergebnis der Zusammenarbeit von Sana na N'Hada und Flora Gomes, die mit der Digitalisierung von Filmen zum Unabhängigkeitskampf Guiné-Bissaus begann. Mit diesem Material reisten die Filmemacher mit einem mobilen Kino zu den Orten, wo es aufgenommen wurde, und zeigten es dem Publikum zum ersten Mal. Spell Reel ist das Ergebnis dieser Zusammenkünfte.
 
Die Teilnahme Portugals an der Berlinale schließt mit dem Kurz-Animationsfilm Odd er et egg (Odd ist ein Ei) von Kristin Ulseth, einer Koproduktion mit Norwegen, ab. Der Film wurde in der Sektion Generation Kplus präsentiert, die sich an Kinder und Jugendliche wendet. Gezeigt wird die Geschichte einer Freundschaft, die Odd hilft, seine tief verwurzelten Ängste zu überwinden. Nach dem gleichnamigen Buch von Lisa Aisato.