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Berlinale-Blogger 2019
Der Mensch in der Revolte

"Systemsprenger": Helena Zengel
"Systemsprenger": Helena Zengel | Foto (Ausschnitt): © Peter Hartwig / kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Was könnten die Filme „Systemsprenger“ und „Der Boden unter den Füßen“ gemeinsam haben?

Von Philipp Bühler

Ein typisches Festivalphänomen: Zwei Filme haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, aber könnte man die Titel nicht durcheinanderwürfeln? Die Jugendpsychologie bezeichnet inoffiziell ein Kind, das sich in kein pädagogisches Konzept integrieren lässt, als Systemsprenger. In Nora Fingscheidts großartigem Film gleichen Namens ist das die neunjährige Benni, ein wahrer Satansbraten. Benni schlägt, tritt, schreit, ist noch aus jedem Wohnheim, jeder Pflegefamilie geflogen. Der österreichische Film Der Boden unter den Füßen, realisiert von Marie Kreutzer, ist demgegenüber eine sehr kühle Angelegenheit. Wir sehen die scheinbar jederzeit kontrollierte Unternehmensberaterin Lola in einem Leben auf der Erfolgsspur. Doch der Suizidversuch ihrer psychisch kranken, vor allen Menschen verborgenen Schwester Conny droht, auch ihr System zu sprengen.

Gutes System, böses System?

Im weitesten Sinne geht es in beiden Wettbewerbsbeiträgen, könnte man sagen, um Familie. Die von einem frühkindlichen Trauma gezeichnete Benni sehnt sich zurück zur Mutter, die mit der Erziehung des Kindes von Anfang an genauso überfordert war wie nun das Jugendamt. Lola hat die Verantwortung für ihre unberechenbare Schwester nach dem Tod der Eltern immer als Last empfunden. Damit scheinen die Parallelen zu enden. Während Systemsprenger die rohe Energie seiner Heldin zugleich feiert und die damit konfrontierten Erwachsenen ernsthaft bemitleidet, zeigt Der Boden unter den Füßen ausschließlich die Kälte eines Systems, das Menschen nach ihrem ökonomischen Wert bemisst und persönliche Bindungen rücksichtslos zerstört.

Hilfloses Wutmanagement

Doch in einer Zeit, in der Regierungen händeringend Wutmanagement betreiben und Begriffe wie Revolte und System anders betrachtet werden als früher, blickt man auch anders auf manche Filme. Beide Filme stehen für eine relativ neue Art von Kino, das Menschen vordringlich als Patienten betrachtet. Wie kann man ihnen helfen? Was sagt es über ein System, wenn die Menschen darin keinen Halt mehr finden? Bequeme Lösungen werden wohlweislich nicht gegeben, was aber dennoch etwas ratlos macht und vermutlich nur auf Festivals funktioniert. Manchmal hat man das Gefühl, dass hier auch das System Kino an seine Grenzen stößt.
 

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