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Berlinale-Blogger 2020
Ein Filmfestival feiert Jubiläum

US-Schauspieler und Komiker Shia LaBeouf zeigt sich mit Papiertüte bei der Berlinale.
US-Schauspieler und Komiker Shia LaBeouf zeigt sich mit Papiertüte bei der Berlinale. | Foto (Detail): Jörg Carstensen

Sehnsüchte, Skandalfilme und ein Star mit einer Papiertüte über dem Kopf: Schöner kann die Geschichte eines Festivals gar nicht sein.

Von Ula Brunner

Berlin-Steglitz, Titania-Palast, 6. Juni 1951. Ein besonders festlicher Auftakt: Die Berliner Philharmoniker spielen; Ernst Reuter, Regierender Bürgermeister der Stadt, hält eine Rede. Dann präsentieren die allerersten Internationalen Filmfestspiele Berlin ihren allerersten Film: Alfred Hitchcocks Rebecca. Der Kassenschlager stammt schon aus dem Jahr 1940, aber an diesem Abend feiert er seine Deutschlandpremiere. Die Stadt jubelt: Hauptdarstellerin Joan Fontaine wird mit Blumencorso empfangen, Tausende säumen die Straßen.

Endlich wieder Glanz und Glamour in der noch immer kriegszerstörten Metropole. Von Anfang an soll die „Berlinale“ in der Sektorenstadt ein politisches Zeichen setzen, ein „Schaufenster der freien Welt“ sein. Zwar kommt aus dem Ostteil Berlins Kritik, da Filme sozialistischer Länder aus dem offiziellen Programm ausgeschlossen sind (und es bis 1974 auch bleiben). Doch das Festival wird ein großer Erfolg: Schon im Jahr darauf verlagert man die Vorführungen in den zentral gelegenen Stadtteil Charlottenburg.

Chefs: Wer ist am längsten dabei? wer nur ganz kurz?

Filmschauspielerin Magda Kamel auf dem Kurfürstendamm während der Berliner Filmfestspiele 1951. Filmschauspielerin Magda Kamel auf dem Kurfürstendamm während der Berliner Filmfestspiele 1951. | Foto (Detail): picture alliance/ullstein bild

Fünf Leitungswechsel hat die Berlinale in ihrer siebzigjährigen Geschichte erlebt. Vor der aktuellen Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek hat Dieter Kosslick 18 Jahre den Hut auf. Er festigt den Ruf der Berlinale als Publikumsfestival und verankert den deutschen Film im Wettbewerb. 22 Jahre lang, von 1979 bis 2001, bestimmt Moritz de Hadeln ihre Geschicke. In seine Ära fällt etwa der Umzug an den Potsdamer Platz im Jahr 2000.

Am längsten dabei ist Alfred Bauer. Ein Vierteljahrhundert, von 1951 bis 1976, führt der Jurist und Filmhistoriker die junge Berlinale durch Kalten Krieg und die folgenden Zeiten. Erst gerade wird allerdings bekannt gegeben, dass Bauer im Verdacht steht, während der NS-Zeit ein hochrangiger Beamter der nationalsozialistischen Filmbürokratie gewesen zu sein. Dies haben Recherchen der Wochenzeitung DIE ZEIT ergeben. Der nach ihm benannte Alfred-Bauer-Preis wird deshalb 2020 ausgesetzt. Als Bauer in den Ruhestand geht, übergibt er ein etabliertes Filmfestival an seinen Nachfolger Wolf Donner. Der wiederum wirbelt in drei kurzen – aber umtriebigen – Jahren einiges durcheinander: Er verhilft der Berlinale zu einem Kinderfilmfest (heute: Generation). Und: Er verlegt sie in den Winter!

Pudelmütze: Warum die Berlinale im Winter stattfindet

Für heutige Kinofans gehören Schals und warme Jacken zum unverzichtbaren Berlinale-Outfit. Das ist nicht immer so gewesen. Tatsächlich kann man das Festival bis 1978 bei lauen Temperaturen im Sommer genießen, anfangs sogar unter freiem Himmel in der Waldbühne. Warum also verschiebt Wolf Donner die Berlinale in den ungemütlichen Februar?

Sein Hauptargument ist die Filmmesse, der Handelsplatz der Filmwirtschaft. Im Winter ist hier wenig los. Würde man die Berlinale in diese Zeit legen, so die Überlegung Donners, könne man Produzenten, Filmeinkäufer und Verleiher nach Berlin locken. Die Rechnung geht auf: Die Filmmesse expandiert und ihr Nachfolger, der European Film Market (EFM) gehört heute zu den wichtigsten Branchentreffs der Filmindustrie.

Der längste WettbewerbsFilm – und die kürzeste BerlinalE

Lav Diaz auf der Berlinale 2016. Lav Diaz auf der Berlinale 2016. | Foto (Detail): dpa/David Heerde/Geisler-Fotopress

482 Minuten, acht Stunden, dauert A Lullaby To The Sorrowful Mystery von Lav Diaz. Hele Sa Hiwagang Hapis, so der philippinische Original-Titel, erhielt 2016 den Alfred-Bauer-Preis der Berlinale. Das Schwarzweiß-Epos über die philippinische Revolution ist der bislang längste Wettbewerbsbeitrag einer Berlinale.

Seinen kürzesten Wettbewerb erlebt das Festival hingegen 1970. Der Film o.k. von Michael Verhoeven erzählt die Vergewaltigung und Ermordung eines vietnamesischen Mädchens durch US-amerikanische Soldaten. Ein heikles Thema. Heftige Kontroversen entzünden sich. Die Jury unter Vorsitz des US-amerikanischen Regisseurs George Stevens tritt zurück. Alfred Bauer bricht den Wettbewerb ab, die Bären-Trophäen bleiben im Schrank: zum ersten und einzigen Mal in der Festivalgeschichte.

Skandale: Um diese Filme wird gestritten

Im Reich der Sinne Im Reich der Sinne | Foto (Detail): dpa/United Archives/Impress

Natürlich bleibt o.k. nicht der einzige politische Eklat des Festivals: Aus Protest gegen Michael Ciminos Vietnamkriegsfilm The Deer Hunter ziehen 1979 die sozialistischen Staaten ihre Filme und Delegierten zurück. 1986 finden die Vorführungen von Reinhard Hauffs Stammheim unter Polizeischutz statt. Als der Film über den RAF-Terrorprozess den Hauptpreis erhält, verstößt Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida gegen ihre Schweigepflicht und distanziert sich öffentlich: „I was against this film.“

Auch das Thema Sexualität löst hitzige Diskussionen aus. Als heftigster Berlinale-Skandalfilm gilt bis heute Nagisa Oshimas Geschichte einer sexuellen Obsession: Im Reich der Sinne (Ai no Corrida).
Während der Premiere 1976 beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft das japanische Drama wegen Verdachts der Pornografie.

Jahrzehnte später kann ein offener Umgang mit Körperlichkeit und Intimität immer noch für Aufregung sorgen: Viel debattiert werden 2001 explizite Sexszenen in Patrice Chéreaus Intimacy. 2018 verstört Adina Pintilies halbdokumentarischer Erfahrungstrip Touch me Not Kritik und Publikum. Beide Filme würdigt die Jury mit einem Goldenen Bären.

ROTER TEPPICH: die gröSSTEN SHOWMOMENTe

George Clooney auf dem Roten Teppich bei der Eröffnung 2016 George Clooney auf dem Roten Teppich bei der Eröffnung 2016 | Foto (Ausschnitt): dpa/Eventpress Schulz

Keine Berlinale ohne Stars und begeisterte Fans: Kann das Publikum 1951 von Joan Fontaine kaum genug bekommen, erregt 1996 Julia Roberts Tumulte, wo immer sie auftaucht. Leonardo DiCaprio traut sich 2000 kaum auf die Straße, weil eine Berliner Zeitung „Kussgeld“ auf ihn aussetzt. Die halbe Stadt ist 2008 wegen Bollywoodstar Shah Rukh Khan aus dem Häuschen, und George Clooney tritt 2014 schon vor Festivalstart eine wochenlange Boulevardhysterie los. Die Show stiehlt ihm dennoch kurzfristig sein Kollege Shia LaBeouf, der mit einer braunen Papiertüte über dem Kopf über den roten Teppich spaziert. Aufschrift: „I am not famous anymore.“

Apropos roter Teppich: Ein bis zwei Mal werden die rund 1.500 Quadratmeter Stoff während des Festivals ausgetauscht. 2019 setzt die Berlinale dabei auf Nachhaltigkeit: Der glanzvollste Bodenbelag Berlins besteht aus recycelten Fischernetzen.

Das PUBLIKUMSFESTIVAL, die Jury und die Regisseurinnen

Die Berlinale gilt mittlerweile als größtes Publikumsfestival der Welt. Kein Festival verkauft mehr Tickets. 2019 verzeichnet die Statistik 400 Filme aus 135 Herkunftsländern im öffentlichen Programm, 487.504 Kinobesuche und 331.637 verkaufte Eintrittskarten – fast doppelt soviel wie 2002. Was wenige wissen: Von 1952 bis 1955 entscheidet das Publikum auch über die Bären.

Schon 1956 bekommt die Berlinale einen A-Status und damit einen Anspruch auf eine internationale Fachjury. Dass diese am Ende Filmemacherinnen mit einem Goldenen Bären auszeichnet, ist allerdings die Ausnahme – auch weil noch immer die Mehrzahl der Filme von männlichen Regisseuren eingereicht wird. Erst sechsmal ist die Haupttrophäe an eine Frau gegangen, zuletzt 2018 an die Rumänin Adina Pintilie für Touch me Not. Da bleibt für die Zukunft noch viel Luft nach oben.

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