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Berlinale-Blogger 2020
Eine Baugrube, gefüllt mit dem radioaktiven Abfall der jüngsten Geschichte Russlands

© Andrey Gryazev
© Andrey Gryazev

Russland Bevölkerung appelliert an Präsident Putin – in unzähligen Videoclips, von Regisseur Andrey Gryazev zu einem Kaleidoskop politischer Meinungsäußerung zusammengefügt.

Von Egor Moskvitin

Kotlovan, ins Deutsche übersetzt Baugrube, ist ein Dokumentarfilm, der aus Hunderten von Videobotschaften russischer Einwohner*innen an Wladimir Putin zusammengesetzt ist. Das gleichnamige Werk des sowjetischen Schriftstellers Andrei Platonow wiederum ist gleichzeitig eine Satire auf das sowjetische Bauwesen wie auch ein Werk, das sich mit den Widersprüchlichkeiten des russischen Charakters beschäftigt, so werden beispielsweise Phasen selbstquälerischer Reflexion von Aktivitätsausbrüchen voller Leidenschaft abgelöst. Kotlovan ist eine Metapher für die übermächtigen Anstrengungen und unbestreitbaren Talente eines ganzen Volkes, die buchstäblich in den Sand gesetzt werden. Daher sind die ersten 20 Minuten des als Weltpremiere auf der Berlinale gezeigten Films, in denen Dutzende aktuell existierender Baugruben in ganz Russland zu sehen sind, auch bedrückend und lustig zugleich: Mit diesen Bildern wiederholt sich die Geschichte als Farce.

© Andrey Gryazev © Andrey Gryazev

Botschaft und Zustandsbeschreibung

Doch dann wendet sich Regisseur Andrei Grjasew von dieser metaphorischen Ebene ab und kreiert ein direktes, filmisch festgehaltenes Stimmungsbarometer Russlands. Hunderte für den Film ausgewählte Videoclips führen jeweils zu einem Höhepunkt: Im Finale wenden sich ihre Urheber*innen konsequent mit dem Aufruf an ihren Präsidenten Putin, sich doch mal ins Zeug zu legen. Manchmal wirkt diese Aufforderung wie eine Bitte, manchmal wie eine Verwünschung. Und es scheint so, als würde niemand wirklich daran glauben, dass dieser Appell zu etwas führen könnte. Doch die Verzweiflung muss raus, und der kreative Akt bezeugt die Existenz dieser Menschen, die ansonsten unbemerkt blieben.
© Andrey Gryazev © Andrey Gryazev
„Als ich den Film gemacht habe, habe ich nicht versucht, etwas zu verändern oder jemandem zu helfen, sondern ich habe nach einem Format gesucht, mit dem sich unsere Realität fixieren lässt“, erklärt der Regisseur während eines Publikumsgesprächs in Berlin. Daher trägt das Dilemma der Baugrube – abgesehen vom Pathos des Widerstands und von seinem Schrecken – noch etwas bei Weitem Wertvolleres in sich: die objektive Beobachtung gesellschaftlicher Zustände im Hier und Jetzt.

Die Stimme erheben

Das Interessanteste an dieser Beobachtung ist erstens, dass alle Protagonist*innen sozialen Gruppen angehören, die man allgemeinhin der Wählerbasis des Präsidenten zurechnen würde: Renter*innen und Angestellte, Soldat*innen und Polizist*innen, Einwohner*innen von Provinzstädten, landwirtschaftlich geprägten Gegenden und nationalen Republiken. Zweitens sind es Menschen, die Fähigkeiten zur Selbstorganisation mitbringen: In einigen Videos sind Hunderte von Aktivist*innen zu sehen. Drittens bewahren sich die Protagonist*innen auch in den schwierigsten Lebenssituationen ihren Verstand und Humor. Und viertens gibt es immer mehr Menschen, die ihre Stimmen immer entschiedener erheben.
 
Der Film räumt also mit dem Mythos des leidensfähigen und untertänigen Russen auf. Die Protagonist*innen versuchen, sich der gleichen Instrumente zu bedienen wie andere Kämpfer*innen für die eigenen Rechte in der ganzen Welt: Massenversammlungen, kollektive Streiks, Appelle an die Gesellschaft. Aber es ist oft so, dass diese Instrumente nicht greifen. Wie soll ein Volk, das nicht gehört wird, zukünftig vorgehen? Eine Antwort hierauf bleibt Kotlovan zwar schuldig – doch es fixiert, genau wie es intendiert war, einen historischen Moment. Vielleicht sogar einen des Umbruchs.
 

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