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Berlinale-Blogger*innen 2021
Eine politische Komödie über das süße Leben beharrlicher Vampir-Intellektueller

„Blutsauger“ von Julian Radlmaier, mit Daniel Hoesl, Martin Hansen, Corinna Harfouch, Alexandre Koberidze, Alexander Herbst, Lilith Stangenberg
„Blutsauger“ von Julian Radlmaier, mit Daniel Hoesl, Martin Hansen, Corinna Harfouch, Alexandre Koberidze, Alexander Herbst, Lilith Stangenberg | Foto (Detail): © faktura film

Ein weiteres Juwel des Berliner Filmfestivals ist der Film Blutsauger des deutschen Regisseurs Julian Radlmaier. In seinem neuen Werk setzt er mit gesunder Selbstironie seine Suche nach dem Platz des Intellektuellen im Spannungsfeld zwischen Kapitalismus und Arbeiterklasse fort.

Von Egor Moskvitin

Wir schreiben das Jahr 1928. An ihrem pompösen Hof in einem nicht weiter genannten baltischen Land verschmachtet eine junge Edelfrau (Lilith Stangenberg). Die Erbin unermesslicher Reichtümer wurde von allen, außer ihrem treuen Diener Jakob (Alexander Herbst) verlassen. Dieser ist so hoffnungslos in seine Herrin verliebt, dass er ihr erlaubt, nachts sein Blut zu trinken. Die Ruhe der Vampirin und ihres Untergebenen wird jedoch plötzlich durch einen ungebetenen Gast gestört: Es ist der sich auf der Flucht befindende russische Baron Ljowushka (Alexandre Koberidze). Dieser trägt zwar einen Frack und verachtet die Revolution, stellt sich aber am Ende nicht als Aristokrat, sondern als Hochstapler heraus. Eigentlich ist er Schauspieler, doch im sowjetischen Russland war es ihm nicht gelungen, in einem Film von Sergej Eisenstein die Rolle des Leo Trotzki zu spielen. Folglich muss Ljowushka genau wie sein Vorbild aus dem Land fliehen. Er braucht die nötigen Mittel, um nach Amerika zu gelangen und bei dieser Gelegenheit auch gleich einen Film zu drehen, der seine Visitenkarte für Hollywood sein könnte. So entsteht in Blutsauger eine skurrile Dreiecksbeziehung, in der jede Seite von der anderen in wirtschaftlicher Hinsicht abhängig ist. Auf den angrenzenden Feldern kommen derweil Arbeiter*innen, Bäuerinnen und Bauern zusammen, um laut das Kapital von Marx zu lesen und einander die seltsamen Bisswunden an ihren Hälsen zu zeigen. Sie erklären sich die Epidemie mit einem Einfall chinesischer Flöhe – eine lustige Anspielung auf das Corona-Virus. Überhaupt strotzt der Film vor Witzen.

Wie sieht die ideale Gesellschaft aus?

Ein Jahr vor den Ereignissen in Blutsauger, 1927, kam der große deutsche Film Metropolis in die Kinos – ein Nachsinnen über die ideale Struktur einer Gesellschaft; eine Utopie und Dystopie gleichermaßen. Er legte fest: „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.“ Die Rolle des Herzens in gesellschaftlichen Belangen wird bis heute gerne einer künstlerischen Intelligenz zugeschrieben, doch dieser Status ist genauso beneidenswert wie nicht beneidenswert. Denn einerseits ist das Leben von Kunstschaffenden ungebundener als das des Proletariats. Andererseits aber glauben weder die Höher- noch die Tiefergestellten an die Intelligenz. Und jedesmal, wenn sie sich ein Herz fassen, um etwas auszusprechen oder vorzuschlagen, ächzen die Kunstschaffenden unter dem Hochstapler-Syndrom. Wer hat ihnen das Recht gegeben, andere zu lenken? Kann man überhaupt mit Arbeiter*innen mitleiden, wenn man derartig viele Privilegien hat? Und wollen die, denen es gerade gut geht, wirklich eine Veränderung? Überhaupt leidet das zum Vermittler zwischen Kopf und Händen stilisierte Herz bisweilen unter Rhythmusstörungen. Und wenn der gewissenhafte Regisseur Julian Radlmaier in seinen bisherigen Filmen noch irgendwie versucht hat, diesem Herzen eine Adrenalinspritze zu verpassen, so kommt er in Blutsauger zu dem Schluss, dass dem Kranken nur noch mit einem Espenpflock zu helfen ist.

Trotz des bedrohlichen Titels und der Vampir*innen ist der Film keine Sekunde lang gruselig. Schrecken ruft höchstens die zu ziehende Bilanz hervor: Wie auch immer sich die Kunst gegen gesellschaftliche Strukturen aufbäumen sollte – sie ist und bleibt deren größter Aderlass. Und jede Frustration und Reflexion in dieser Hinsicht ist nicht mehr als vampirisches Kokettieren. Daher stellt der Film die Ironie über das Pathos – und deshalb lachen Aristokrat*innen, Kapitalist*innen, Regisseur*innen, Arbeiter*innen, Bäuerinnen und Bauern ganze zwei Stunden lang liebevoll über sich selbst und über einander. An einer Stelle platzt ein lustiger Sergej Eisenstein ins Bild, auf seinen Fersen die sympathischen Filmkritiker Wladimir Ljaschenko und Stasja Korotkow.

Viel Humor

Das Kostümdrama setzt mit Bedacht auf historische Unstimmigkeiten: Die Figuren bezahlen im Jahr 1928 mit Euro und gehen im modernen Moskau spazieren, und auf ihrer Flucht aus Russland verwenden sie keinen romantischen Dampfer, sondern einen Luxusliner. Der allgegenwärtige Humor erlaubt es dem Film, nicht versnobt, sondern sehr zuschauernah zu wirken. Die Witze sind hier nicht schlechter als in der Komödie 5 Zimmer Küche Sarg von Taika Waititi. Die blutsaugenden Aristokraten feiern ihr karnevalistisches Leben wie im parodistischen Tanz der Vampire von Roman Polanski. Eine Unendlichkeit ohne Gefühle fürchtet man hier nicht weniger als im Melodrama Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch. Und einen kaum zu identifizierenden Zweiten Weltkrieg in einem Spielzeug-Europa konserviert man mit dem gleichen Zucker wie in Grand Hotel Budapest von Wes Anderson. Von welcher Seite aus man ihn auch betrachtet: Es ist ein berührender und sympathischer Film.

„Blutsauger“ von Julian Radlmaier, mit Lilith Stangenberg und Alexander Herbst „Blutsauger“ von Julian Radlmaier, mit Lilith Stangenberg und Alexander Herbst | Foto (Detail): © faktura film

Kampf gegen Vampire

Zudem ist Blutsauger einer der wenigen deutschen Filme auf der diesjährigen Berlinale, der über einen Filmverleih in Russland verfügt: die Firma Cineticle Films. Die Ironie der Geschichte ist, dass der Film in Russland gleichzeitig mit der Premiere von Der Verpflegungstrakt in die Kinos kommt. Das ist wiederum die Verfilmung des Romans von Alexej Iwanow über blutsaugende Wesen, die schon seit langem mit den Menschen in Russland in Co-Existenz leben. Doch während ein deutscher Regisseur Vampire zur Illustration der Beziehung zwischen Arbeiter*innen und Kapitalismus heranzieht, vertritt hier ein russischer Autor die Ansicht, dass es eine vornehmlich ideologische Frage ist, ob man Blut trinken möchte oder nicht. Im Roman und in der Serie sagen sowjetische Pionier*innen zu Zeiten der Olympiade 1980 den Vampiren – die in jeder politischen Konstellation immer an der Macht waren und auch an der Macht bleiben – den Kampf an. Vampirismus und Parasitentum im Verpflegungstrakt: Das ist die schlagkräftigste Form einer Kommentierung des gesellschaftlichen Lebens und gleichzeitig der gemeinsame Nenner für ein Kollektiv junger Individualist*innen. Das Pionierhalstuch hat auf Vampire die gleiche abschreckende Wirkung wie das christliche Kreuz, aber dennoch sollten sich die jungen Idealist*innen über eines nicht hinwegtäuschen lassen: Vampirismus ist unsagbar ansteckend. Ganz egal, wie oft man darüber kichert.

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