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Berlinale-Blogger*innen 2022
„Rot bleibt eine schöne Farbe”

Sophie Rois, Hêvîn Tekin in: „L’ état et moi“. Regie: Max Linz
Sophie Rois, Hêvîn Tekin in: „L’ état et moi“. Regie: Max Linz | Foto (Detail): © Markus Koob, SchrammFilm, Salzgeber

Richterin Josephine Praetorius-Camusot stockt in ihren juristischen Routinen, als ein Museumsexponat aus dem Tiefschlaf erwacht: Komponist Hans List aus der Pariser Commune sieht ihr zum Verwechseln ähnlich. „Eine anarchische Komödie zum vermeintlichen Ursprung des deutschen Strafrechts“ lautet die Überschrift von Max Linz‘ filmischem Beitrag „L’état et moi“ zum Forum der Berlinale.

Von Jutta Brendemühl

Doch das war noch nicht alles, und Sie sollten den intellektuellen Metahut besser nicht ablegen, weil Ihnen in diesem Film Zitate mit einem Sinn für Unsinn und für Fehlschlüsse wie revolutionäres Artilleriefeuer um die Ohren fliegen. Der Film scheint in der Tradition des deutschen Theaters auf den Schultern wilder Regiegrößen wie Bertolt Brecht und Christoph Schlingensief, Frank Castorf und René Pollesch zu stehen – versehen mit einer ordentlichen Prise schlagfertigem Humor.

Spielerische Zeitreise

„Die Menschen gingen in den Gerichtssaal und vergaßen, dass sie dort kein Theaterstück zu sehen bekamen“, liest die Museumsaufsicht aus Das dynamische Quadrat, Sergej Eisensteins Anmerkungen zu neuen Projektionsflächen. Hier befinden wir uns in einem Museum mit einem Gerichtssaal-Diorama, das der in Deutschland gefeierten Schauspielerin Sophie Rois ein veritables Sprungbrett bietet. Brillant meistert sie die Zusammenführung von Kunst und Demokratie und die spielerische Zeitreise (oder Zeitfalle) zwischen Josephine und Hans, wenn sie sich beispielsweise in ihrer Rolle als Richterin zu dem paradoxen Protest aufschwingt, sie könne keine Vorführung auf einem Podium abhalten. Es ist eine große Berlinale für Sophie Rois, die an der Seite von Udo Kier auch die Hauptrolle in Nicolette Krebitz‘ Wettbewerbsbeitrag A E I O U spielt, der auf dem diesjährigen Festival seine Weltpremiere feierte.

Mit einer Mischung aus Slapstick und aufgesetzter Rezitation streift L'état et moi durch die eigentümlich zeitlosen Straßen des neoklassizistischen Berlin-Mitte und wirft einen spöttischen Blick auf die vielen Tourist*innen mit ihren Bauchtaschen und Rollkoffern und die Schlossattrappe des Humboldt Forums. Dummheit ist hier eine politische Waffe, wenn Terrorismus, Verrat und Kunst und die Verquickung von Staat und Justiz, Kulturpolitik und „Protest“ behandelt werden. In einem parallelen Handlungsstrang probt eine Gruppe die Inszenierung der Oper Die Elenden. Dieser Polit-Pomp wird mit kompositorischen ... ähh ... kommunistischen Wortspielen und musikalischen Einlagen gewürzt, die von Schumanns Heine-Liedern bis hin zu dem Moment reichen, als Rois auf einem Gasthaus-Klavier ein Internationale-Medley zum Besten gibt. J’accuse!

Neue Berliner Schule?

Das Filmdesign changiert zwischen statischer Pappästhetik und farbenfroher Inszenierung. Im Zusammenspiel mit der nüchternen, szenischen Kameraführung von Markus Koob bietet dies den oszillierenden Rahmen für ein buntes Figurenkabinett, das vom manischen Kaiser Wilhelm I. bis hin zum martialische anmutenden Polizisten Detlev Detlevsen reicht. Rois‘ Volksbühnen-Kollege Bernhard Schütz ist hier in einer weiteren kongenialen Doppelgänger-Rolle zu bewundern. Der 28-jährige deutsch-kanadische Schauspieler Jeremy Mockridge, der als aufgeregter Rechtsreferendar mit fuchtelnden Armen über die Leinwand läuft und unabsichtlich die Autorität seines so genannten Vorgesetzten untergräbt, indem er wiederholt seinen Namen falsch ausspricht, vermag an der Seite seiner beiden erfahrenen Schauspielerkolleg*innen ebenfalls mühelos zu glänzen. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen oder tatsächlichen Begebenheiten sind vollkommen beabsichtigt.

Regisseur Max Linz verarbeitet in diesem Film seine eigenen Gedankenwelten. Er hat Film und Philosophie in Berlin und Paris studiert und Bühnenbild an der Universität der Künste in Berlin  unterrichtet. Dies ist der dritte Film, den der 38 Jahre alte Regisseur im Forum der Berlinale zeigt. Auf seine erste Regiearbeit Ich will mich nicht künstlich aufregen aus dem Jahre 2014 zu den Verhältnissen zwischen Kunst, Kino und Politik folgte 2019 sein zweiter Spielfilm Weitermachen Sanssouci. Gemeinsam mit anderen (jungen, männlichen) Regisseuren wie Julian Radlmaier, dessen Film Bloodsuckers in der Sektion Encounters der Berlinale 2021 lief und der mit Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes sein filmisches Debut vorlegte, könnte Max Linz gut und gerne eine neue Berliner Schule für das 21. Jahrhundert ausrufen – vielleicht die Berliner Schule der sophistischen Unterhaltung. 22 Jahre nach Christian Petzolds linkem Terrorismusdrama Die innere Sicherheit bildet L’état et moi eine völlig neue formal komponierte Realität ab (Petzolds Produzenten Schramm Film haben auch L’état et moi produziert.) Sophie Rois singt uns schließlich mit „Mag sein, dass ich verloren habe, doch Rot bleibt eine schöne Farbe.“ hinaus in die Straßen des alt-neuen Berlins.

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