Shopping-Illusionen Warum nachhaltiger Konsum die Welt nicht retten wird

Blumen
Blumen | Foto (Ausschnitt): © Colourbox.com

Der Druck auf den Verbraucher ist groß, seine Kaufentscheidungen am Leitbild der Nachhaltigkeit zu orientieren. Verbunden wird damit die Hoffnung, ein massenhaft verändertes Nachfrageverhalten könnte nicht nur die Produktqualität verbessern, sondern auch die weltweiten Umwelt- und Gerechtigkeitsprobleme lösen. Der Verbraucher soll es richten. Langsam setzt sich die Einsicht durch, dass er damit hoffnungslos überfordert ist. Armin Grunwald hat dazu das passende Buch geschrieben.

Tagtäglich kaufen Menschen ein. Immer mehr achten dabei darauf, ihre eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer Menschen oder zu Lasten der Umwelt zu befriedigen. Sie konsumieren nachhaltig – oder versuchen es wenigstens. Weil sie die Welt retten wollen? Unwahrscheinlich. Weil sie mit ihren Kaufentscheidungen einen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Umweltschutz leisten wollen? Schon eher. Viele sind sozioökologische Überzeugungstäter, die das Richtige tun wollen. Viele haben angesichts von Klimawandel, Ressourcenverschwendung und Artensterben aber auch einfach nur ein schlechtes Gewissen – und beruhigen es durch den Griff ins Bioregal oder zur Jutetasche.

Die Einkaufsrevolution

Armin Grunwald Armin Grunwald | © Oekom Die Wirtschaft hat sich auf die neue Konsumentenklasse längst eingestellt: Neue, umwelt- und sozialverträglich produzierende Unternehmen sind entstanden, alte haben ihre Produktion umgestellt oder „grüne“ Produkte ins Sortiment aufgenommen. Schon heute erfüllt die Nachhaltigkeits-Branche fast alle Wünsche. Wer möchte – und bereit ist, ein wenig mehr Geld auszugeben –, kann aus einem riesigen Angebot wählen. Auch die Infrastruktur ist mitgewachsen: Bioläden findet man mittlerweile in nahezu jedem Stadtteil, Biosortimente in jedem Supermarkt; spezielle Versandhäuser versorgen die entlegensten Winkel der Republik mit ökologischen Haushaltswaren, Betten, Möbeln und Textilien.

Das ist zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte. Und es fördert gewiss bei immer mehr Menschen die Ansicht, dass die privaten Konsumenten – und nicht etwa Unternehmen oder Politiker – die Transformation des Kapitalismus hin zu einer ökologischen Ökonomie mit menschlichem Antlitz anstoßen müssen. Was sich vermessen anhört, klingt in der Theorie einfach und einleuchtend: Da der Anteil des Konsums an der weltweiten Wirtschaftsleistung aktuell etwa 75 Prozent beträgt und davon zwischen 50 und 60 Prozent auf den privaten Verbrauch entfallen, besitze dieser eine ökonomische Bedeutung, die sich als politische Ressource nutzen lasse. Einzige Voraussetzung und notwendige Bedingung der Öko-Transformation: die „Einkaufsrevolution“. Mit anderen Worten: Die Konsumenten müssen ihre Macht in Bezug auf die Nachfrage entdecken und als politisches Druckmittel einsetzen. Wenn sie massenhaft bewusster, sparsamer, sozial verantwortlicher handeln, zwingen sie Industrie und Handel dazu, sozial- und umweltfreundlichere Produkte herzustellen und anzubieten – und sorgen auf diese Weise für die ökosoziale Trendwende.

Der moralische Druck auf den Einzelnen wächst

Eine schöne Idee mit einem kleinen Haken: Das Ganze funktioniert offensichtlich nur, wenn genügend Menschen mitmachen. Soll der ökologische Umbau, die Wende zu einer nachhaltigen Gesellschaft, gelingen, muss aus dem Nischen- ein Massenphänomen, muss ökologischer Konsum zum Mainstream werden. Es sind jedoch noch immer zu wenige, die aus Einsicht und Wissen auch praktische Konsequenzen ziehen – europaweiten Umfragen zufolge gegenwärtig nur fünf bis zehn Prozent. Daher wächst seit einigen Jahren der moralische Druck auf den Einzelnen, sich ökologisch korrekt zu verhalten. Appelle an die individuelle Verantwortung, die es wahrzunehmen gelte, wechseln ab mit paternalistischen Aufklärungskampagnen und religiös aufgeladenen Ermahnungen wie zum Beispiel „Umweltsünder“.

Für den Physiker und Philosophen Armin Grunwald ist dies der falsche Weg. Seiner Ansicht nach lässt sich die Moralisierung der Ökonomie nicht durch die Moralisierung des Nachhaltigkeitsdiskurses erreichen. Und dies keineswegs nur deshalb, weil Menschen auf Druck in der Regel mit Ablehnung oder Gegendruck reagieren würden – wer möchte sich schon gerne von anderen sagen oder gar vorschreiben lassen, was er zu tun oder zu lassen hat? Das Problem, so Grunewald, sei die Theorie selbst, die Fokussierung auf das Individuum. Ihm wird zugemutet, woran Politik und Zivilgesellschaft – von der Wirtschaft ganz zu schweigen – gescheitert sind. Emphatisch gesprochen: Die Rettung der Welt liegt auf den Schultern des Individuums. Der Einzelne würde dadurch hoffnungslos überfordert, die Politik in unverantwortlicher Weise entlastet.

Nachhaltigkeit ist keine Privatsache

Cover des Buches „Ende einer Illusion“ Cover des Buches „Ende einer Illusion“ | © Oekom Grunwald spricht von „kollektivem Selbstbetrug“ und führt dafür drei Argumente an: Erstens sei es allen positiven Entwicklungen zum Trotz höchst unwahrscheinlich, dass sich in wohlstandsorientierten Gesellschaften eine Mehrheit, mag sie die Notwendigkeit und die Dringlichkeit zu handeln auch einsehen, für eine nachhaltige Lebensweise entscheiden wird. Zweitens würden diejenigen, die es tun, in der Regel gar nicht über das nötige Wissen verfügen, um die Nachhaltigkeit einer Ware oder einer Dienstleistung zu beurteilen. Der Griff zum Bioapfel ist verführerisch, garantiert aber nicht schon automatisch eine bessere Ökobilanz als der Kauf einer konventionellen Frucht. Drittens: Selbst wenn eine Mehrheit sich ökologisch bewusst verhielte, würde dies die Umwelt nicht automatisch entlasten. Der Grund seien komplexe technisch-ökonomische Systeme, die zwischen der guten Tat und ihren Folgen vermitteln: Wer beispielsweise seinen Energieverbrauch reduziert, trägt in einem System mit Zertifikathandel dazu bei, dass Stahl- oder Aluminiumwerke mehr Kohlendioxid ausstoßen können.

Für Grunwald steht deshalb fest: Die Sorge um die Nachhaltigkeit darf nicht ins Private abgeschoben werden. Nachhaltigkeit sei keine Privatsache, sondern eine öffentliche Aufgabe – weil sie das Ganze betrifft und weil es um einen grundsätzlichen Kurswechsel geht, der eine Veränderung der politischen Rahmenbedingungen erfordert. Eine solche Veränderung lasse sich aber nur auf demokratischem Weg herbeiführen. Nur demokratische Verfahren könnten für die notwendige Legitimation und Verbindlichkeit und damit für Stabilität und Dauerhaftigkeit der ökosozialen Systemtransformation sorgen. Nicht auf privates Umweltverhalten, sondern auf zivilgesellschaftliches Engagement, nicht auf den Konsumenten, sondern auf den Bürger, der sich für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzt, komme es daher an. Dass nachhaltiger Konsum dadurch nicht überflüssig wird, versteht sich von selbst.

Armin Grunwald: Ende einer Illusion. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann, 128 Seiten, Oekom Verlag, München, 2012 ISBN: 978-3-86581-309-1