Engagement gegen Rechts Mit Stift und Schaber gegen rechte Parolen

Irmela Mensah-Schramm wird in ihrem Kampf gegen fremdenfeindliche Parolen nicht müde.
Irmela Mensah-Schramm wird in ihrem Kampf gegen fremdenfeindliche Parolen nicht müde. | Foto (Ausschnitt): © privat

Berlin ist eine bunte Stadt. Aber nicht alles, was dort an Hauswände und Unterführungen gemalt ist, zeugt von einem friedlichen Miteinander. Irmela Mensah-Schramm entfernt fremdenfeindliche Aufkleber und rassistische Schmierereien – Tag für Tag und in mühsamer Handarbeit.

Politputze. So nennt sich Irmela Mensah-Schramm gerne selbst. Denn sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Straßen von rechten Hass-Parolen zu säubern. Das Handwerkzeug für diesen Zweck hat sie immer in einem kleine Jutebeutel parat: eine Flasche Nagellackentferner, um rechte Schmierereien von Bussen, Mülleimern oder Briefkästen zu entfernen, einen Ceranfeldschaber für hartnäckige Aufkleber oder Plakate und einen Stift zum Übermalen, falls beides nichts hilft. Die fremdenfeindlichen Parolen einfach stehen zu lassen, ist für die pensionierte Heilpädagogin, die an einer Schule für Behinderte tätig war, keine Option. Das zeigen nicht nur ihr jahrelanges Engagement gegen Rechts, sondern auch die Eindringlichkeit, mit der die 1945 geborene Stuttgarterin von ihren Aktionen berichtet, und die Wut, die man spürt, wenn die grauhaarige Frau mit dem Bubikopf von der Ignoranz vieler Menschen erzählt.

 

Angefangen hat alles 1986 mit einem kleinen Aufkleber in Berlin-Wannsee, auf dem zur Freilassung des NS-Kriegsverbrechers Rudolf Heß aufgerufen wurde, und den Irmela Mensah-Schramm auf dem Weg zur Arbeit an einer Bushaltestelle entdeckte. Als sie abends nach Hause kam, klebte er noch immer dort. Mensah-Schramm entfernte ihn kurzerhand mit ihrem Schlüsselbund: eine erste kleine Aktion, auf die zahlreiche weitere folgten – deutschlandweit. Dass sie dabei mitunter auch gegen das Gesetz verstößt und Sachbeschädigung begeht, weiß Mensah-Schramm ganz genau. Doch sie macht weiter. „Denn wenn nicht ich, wer soll es sonst machen?“

Keine Angst vor Konfrontation

Für diese Entschlossenheit wurde Irmela Mensah-Schramm mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Doch sie gab es zurück, als sie erfuhr, dass ein Kommunalpolitiker, der im Zweiten Weltkrieg in der Waffen-SS war und später über die NPD-Liste in den Kreistag einzog, ebenfalls damit geehrt wurde. Kein großer Verlust für die Kämpferin, denn um Ehrungen oder Preise geht es Mensah-Schramm ohnehin nicht. „Die persönliche Anerkennung von Menschen, für die ich mich einsetze, ist mir tausendmal mehr wert als so ein Blechding.“ Deutliche Worte. Doch Irmela Mensah-Schramm nimmt kein Blatt vor den Mund – schon gar nicht, wenn es um ihre Sache geht.

Vor einigen Jahren, als sie ein Hakenkreuz von einem Straßenpoller in Cottbus entfernte, wurde sie von einem Neonazi aufgefordert, ihre Säuberungsaktion einzustellen. Das spornte die couragierte Rentnerin erst recht an, weiterzumachen. „Daraufhin schrie mich der junge Mann an, ich soll das Hakenkreuz gefälligst dran lassen“, berichtet Irmela Mensah-Schramm, „nur leider war es da schon weggeputzt“. Man kann ihrem schelmischen Blick entnehmen, wie sehr sie sich noch immer darüber freut. Selbst als der Neonazi wütend wurde, ergriff Mensah-Schramm nicht die Flucht, sondern ging ruhigen Schrittes lächelnd auf ihn zu. Zu viel Courage für den jungen Mann, der überfordert von der ungewohnten Reaktion davon rannte. „Natürlich haben mir danach die Knie gezittert. Aber ich kann eben nicht anders.“

Ausstellung und Theaterstück

Um noch mehr Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren, dokumentiert Mensah-Schramm seit 1988 die rechten Schmierereien mit ihrem Fotoapparat. Zu sehen sind die Bilder in ihrer Wanderausstellung Hass vernichtet. „Viele Menschen schreiben mir, dass sie nach dem Besuch der Ausstellung auf ihrem Nachhauseweg plötzlich Dinge entdecken, die sie zuvor nie gesehen haben.“ So wie ein Student aus Kassel, der nach dem Besuch der Ausstellung ein Hakenkreuz im Bus entdeckte und übermalte – mit Zustimmung des Busfahrers, wie Irmela-Mensah-Schramm betont. Sie weiß, dass sie mit ihrem Handeln nicht immer auf Verständnis stößt. Anfang der 1990er-Jahre zog sie sich bei einer Säuberungsaktion nach dem Stoß eines Wachmannes der Berliner Verkehrsbetriebe ein Schädel-Hirn-Trauma zu. Doch solche Widerstände bestärken Irmela Mensah-Schramm nur noch mehr. Und so hat sie kürzlich ihre Meinung über den Rechtsextremismus in Deutschland in dem dokumentarischen Theaterstück Mit Tötungsdelikten ist zu rechnen im Hans-Otto-Theater Potsdam kundgetan.

Auch wenn ihr Anerkennung und Ehrungen nicht wichtig sind: Getroffen hat Irmela Mensah-Schramm, dass sich 2005 niemand aus dem Berliner Senat bereit erklärte, aus Anlass der Verleihung des Erich-Kästner-Preises in Dresden eine Laudatio auf sie zu halten. Aber das hindert sie nicht daran, weiter gegen den Rechtsextremismus kämpfen – bis es alle verstanden haben. „Denn ganz gleich, welche Farbe der Berliner Senat hat, mit meinem Projekt möchte er nichts zu tun haben, weil ich meinen Finger in eine offene Wunde halte.“