Wo Europa zusammenwächst Mit der Vogelfluglinie unterwegs über den Fehmarnbelt

Seit 1997 im Einsatz: das Fährschiff Schleswig-Holstein
Seit 1997 im Einsatz: das Fährschiff Schleswig-Holstein | Foto (Ausschnitt): Scandlines

Die Vogelfluglinie, die Fährverbindung zwischen der deutschen Ostsee-Insel Fehmarn und dem dänischen Gegenüber Lolland, begeht 2013 ihr 50. Jubiläum. 2021 wird ein Tunnel die Reisezeit zwischen Puttgarden auf Fehmarn und Rødby auf der dänischen Seite auf zehn Minuten verkürzen. Eine Momentaufnahme der spannenden Annäherung zweier europäischer Länder.

Man muss sich beeilen. Kaum strömen die Passagiere aus ihren Autos ins Oberdeck der Fähre MS Schleswig-Holstein, sind die besten Plätze in der Cafeteria am Bug auch schon belegt. Von den vorderen Tischen hat man durch Panoramascheiben exzellente Sicht auf die Ostsee. In der Ferne wirken vorbeifahrende Schiffe wie helle Tupfer auf dem blaugrünen Wasser. Möwen umkreisen die Fähre, doch von ihrem Geschrei hört man durch die Fenster nichts. Dafür umso mehr von den sich angeregt unterhaltenden Gästen. Viele Familien sitzen hier in Urlaubskleidung, dazu Dutzende Geschäftsleute in Anzügen der besseren Sorte. Die meisten bestellen nur ein Getränk, manche noch einen Snack dazu. Für eine richtige Mahlzeit reicht die Zeit kaum, in einer Dreiviertelstunde werden alle schon wieder in ihren Autos sitzen.

Fast geräuschlos tuckern die Dieselmaschinen im Schiffsbauch. Als sie ihre 21.500 PS aufdrehen, kitzelt die Vibration des Schiffes ein wenig an den Füßen. Langsam gleitet die 142 Meter lange Schleswig-Holstein aus dem kleinen Hafenbecken von Puttgarden in Richtung Dänemark.

Nach Norden, um zu arbeiten

Student Johannes Beel will in Schweden seine Bachelorarbeit schreiben. Student Johannes Beel will in Schweden seine Bachelorarbeit schreiben. | Foto: Armin Plöger Noch etwas verschlafen hält sich Johannes Beel (30) an seinem Kaffee fest und blickt aus dem Fenster. „Erschreckend früh“, so erzählt der Bremer Psychologiestudent, sei er aufgestanden, um die 8-Uhr-Fähre nach Rødby zu bekommen. Die Reise führt ihn weiter zum Ferienhaus seiner Eltern in Schweden, das er „mindestens zweimal im Jahr“ aufsucht. Dort will er jetzt in aller Ruhe seine Bachelorarbeit schreiben. Skandinavien-Fan Beel freut sich schon jetzt, dass er in einigen Jahren den Fehmarnbelt per Tunnel durchqueren kann. „Das verkürzt meine Fahrzeit um eineinhalb Stunden. Dann lohnt es sich, auch mal übers Wochenende in den Norden zu fahren.“


Der Kieler Landtagsabgeordnete Jürgen Weber Der Kieler Landtagsabgeordnete Jürgen Weber | Foto: Armin Plöger Zwei Tische weiter und ebenfalls beim Kaffee liest Jürgen Weber (58) Zeitung. Der SPD-Landtagsabgeordnete aus Kiel ist auf dieser Strecke fast immer mit dem Zug unterwegs, der unten im Schiffsbauch parkt – „viel bequemer als mit dem Auto“. Sein Ziel heute: ein Kongress in Südschweden, wo Politiker aus den Ostsee-Staaten beraten, wie sie gemeinsame Infrastruktur-Probleme angehen. Den Tunnel zwischen Puttgarden und Rødby sieht Weber allerdings als gelöstes Problem: „Das Abkommen zwischen Kopenhagen und Berlin ist unterzeichnet, der Baubeginn für 2015 vorgesehen. Ab 2021 werden wir alle zeitsparend durch den Tunnel fahren“, freut er sich.

Bauprobleme auf deutscher Seite

Heute eine Skizze, bis 2021 Realität: die Tunneleinfahrt auf dänischer Seite. Heute eine Skizze, bis 2021 Realität: die Tunneleinfahrt auf dänischer Seite. | Foto: Femern A/S Es bleibt zu hoffen, dass Weber Recht behält. Gut, die Dänen haben nach jahrelangen Verhandlungen eingewilligt, die veranschlagten 5,5 Milliarden Euro Baukosten für den gut 18 Kilometer langen Tunnel ganz alleine zu stemmen. Schließlich ist Deutschland Dänemarks wichtigster Handelspartner, im Hamburger Hafen werden mehr dänische Waren umgeschlagen als im Kopenhagener Hafen. Bessere Transportwege sind da hilfreich. Doch genau damit hapert es noch. Und zwar auf deutscher Seite. In Heiligenhafen, rund 26 Kilometer vor Puttgarden, wird die von Lübeck kommende Autobahn E47 zur zweispurigen Landstraße. Der Ausbau dieser Strecke sollte zeitgleich zum Tunnelbau stattfinden – inklusive einer vierspurigen Brücke vom Festland zur Insel Fehmarn. Zusätzlich werden zwei elektrifizierte Hochgeschwindigkeits-Gleise bis nach Hamburg benötigt. Das Problem: Nichts davon hat alle nötigen Amtshürden genommen, was in Deutschland Jahre dauern kann. Auch von den geschätzten zwei Milliarden Euro Baukosten sind erst 890 Millionen bewilligt.

Vor allem die unmittelbaren Anrainer der Eisenbahntrasse laufen Sturm: Mittlerweile ist die Ausweichstrecke Hamburg–Flensburg–Odense–Kopenhagen mehr als ausgelastet, es muss dringend Abhilfe her. Doch bis dahin könnte es noch lange dauern. Die deutsche Seite sollte sich also beeilen, um sich beim paneuropäischen Prestigeprojekt Fehmarnbelt-Querung nicht gnadenlos zu blamieren.

Damals Grenze, heute Transportweg

  • Seit 1997 im Einsatz: das Fährschiff Schleswig-Holstein Foto: Scandlines
    Seit 1997 im Einsatz: das Fährschiff Schleswig-Holstein
  • Cafeteria der Schleswig-Holstein: Von hier hat man den besten Blick. Foto: Armin Plöger
    Cafeteria der Schleswig-Holstein: Von hier hat man den besten Blick.
  • Beladen der Fähre in Puttgarden: Nach nur 20 Minuten ist alles voll. Foto: Armin Plöger
    Beladen der Fähre in Puttgarden: Nach nur 20 Minuten ist alles voll.
  • Entladen der Fähre in Rødby: Los geht’s ins Landesinnere von Dänemark. Foto: Armin Plöger
    Entladen der Fähre in Rødby: Los geht’s ins Landesinnere von Dänemark.
  • Gleich legt die Fähre in Puttgarden an, einige Pkw-Motoren laufen schon. Foto: Armin Plöger
    Gleich legt die Fähre in Puttgarden an, einige Pkw-Motoren laufen schon.
  • Die Abfertigung der Fahrzeuge klappt reibungslos. Foto: Armin Plöger
    Die Abfertigung der Fahrzeuge klappt reibungslos.
  • Auch ein verkürzter ICE (unten) passt in den Bauch des Fährschiffes. Foto: Armin Plöger
    Auch ein verkürzter ICE (unten) passt in den Bauch des Fährschiffes.
  • Im 30-Minuten-Takt verkehren die Fähren der Vogelfluglinie. Foto: Armin Plöger
    Im 30-Minuten-Takt verkehren die Fähren der Vogelfluglinie.
  • Aus Finnland kommt ein ganzer Bus voller Shoppingtouristen. Foto: Armin Plöger
    Aus Finnland kommt ein ganzer Bus voller Shoppingtouristen.
  • Attraktiv für Skandinavier: die Alkoholpreise in Deutschland. Foto: Armin Plöger
    Attraktiv für Skandinavier: die Alkoholpreise in Deutschland.
  • Von oben eher bescheiden: der Fährhafen auf der Ferieninsel Fehmarn. Foto: Scandlines
    Von oben eher bescheiden: der Fährhafen auf der Ferieninsel Fehmarn.
  • Hafenanlagen in Rødby: sechs Millionen Passagiere pro Jahr. Foto: Scandlines
    Hafenanlagen in Rødby: sechs Millionen Passagiere pro Jahr.
Sechs Millionen Passagiere jährlich befördert die dänisch-deutsche Gesellschaft Scandlines auf der Vogelfluglinie zwischen Puttgarden und Rødby. Dass die Verbindung eines Tages einen derart wichtigen Faktor zwischen den beiden Ländern darstellen würde, hätte sich vor 50 Jahren niemand träumen lassen. Damals, am 14. Mai 1963, nahm mit der Kong Frederik IX die erste Fähre ihren Betrieb auf. Heute sind es vier Schiffe, darunter auch die Schleswig-Holstein, die im 30-Minuten-Takt über den Belt fahren.

Nur knapp ein Dutzend Menschen von der deutschen Insel Fehmarn pendeln morgens per Schiff zur dänischen Insel Lolland, weiß Nathalie Ard von der Kreisverwaltung Ostholstein. „Es sind vor allem Bauarbeiter. In Dänemark ist das Lohnniveau 20 bis 30 Prozent höher als in Deutschland, deshalb kommt von der anderen Seite so gut wie niemand.“ Bei Besserverdienern verhält es sich anders. Von ihnen arbeiten rund 200 Deutsche in Kopenhagen und fahren am Wochenende nach Hause. Die Zahl der Dänen, die in den Raum Hamburg zur Arbeit fahren, wird sogar auf über 300 geschätzt. Der kleine und große Grenzverkehr, noch vor 25 Jahren etwas Besonderes, wird so immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Mit dem Fehmarnbelt-Tunnel vollzieht die Region den nächsten Schritt des Zusammenwachsens zweier europäischer Länder.

Auch ein Grenzphänomen: Shoppingtouristen

Die Dänin Nina Moerater macht mit ihrer Familie einen Tagesausflug nach Deutschland. Die Dänin Nina Moerater macht mit ihrer Familie einen Tagesausflug nach Deutschland. | Foto: Armin Plöger Mittlerweile hat die Schleswig-Holstein ihre Passagiere in Rødby entlassen und neue an Bord genommen. Diesmal ist es gerammelt voll, mehrere Autos und Lastwagen müssen auf die nächste Fähre warten. Einen beträchtlichen Teil der neuen Passagiere machen Skandinavier aus, die in Deutschland günstiger als bei sich zuhause einkaufen wollen. Eine von ihnen ist Nina Moerater (36) aus dem dänischen Fredrikssund, die heute mit ihrer Familie für eine Shoppingtour übersetzt. „Das machen wir ungefähr alle zwei Monate“, erzählt sie. „Zusammen mit Mittagessen und einem Spaziergang ist das ein richtig schöner Tagesausflug.“ Doch es gibt auch viele, die den Trip nicht genießen wollen, sondern nur einkaufen – in erster Linie Alkohol – und sofort wieder zurückfahren. Speziell für solche liegt im Puttgardener Hafenbecken ein Supermarkt-Schiff. Auf drei Ebenen bietet es Biersorten und Spirituosen an, die mindestens 25 Prozent billiger als in Dänemark sind.

Vorfreude auf den Tunnel

Der holländische Fernfahrer Jan Lucas zählt zu den häufigen Gästen der Fähre. Der holländische Fernfahrer Jan Lucas zählt zu den häufigen Gästen der Fähre. | Foto: Armin Plöger Von Alkohol will Jan Lucas (42) nichts wissen. „Das wäre nicht gut in meinem Job“, grinst der Lastwagen-Fahrer. Mit rund 25 Kollegen sitzt er in einem Seitenraum der Cafeteria speziell für Fernfahrer und ruht sich aus. Er benutzt die Fähre „mindestens viermal die Woche“, jeweils in beiden Richtungen – und trägt so zur Statistik bei, die für 2012 insgesamt 369.871 Lastwagen-Beförderungen zwischen Puttgarden und Rødby verzeichnet, ein Zuwachs von 17,6 Prozent seit 2009. Aus seiner Heimat, den Niederlanden, transportiert Jan Lucas frisches Gemüse nach Dänemark oder Schweden, auf dem Rückweg sind es häufig Papierrollen oder Maschinenteile. Heute hat sein Lastwagen Eiscreme aus Kopenhagen geladen. Auch er freut sich auf den künftigen Tunnel: „Dann bin ich eineinhalb Stunden eher zuhause“.

Ingenieurin Jolanda Matthijsen bereitet den Einbau eines Abgasfilters auf der Fähre vor. Ingenieurin Jolanda Matthijsen bereitet den Einbau eines Abgasfilters auf der Fähre vor. | Foto: Armin Plöger Auf ihre Heimfahrt ins niederländische Groningen muss Jolanda Matthijsen (32) hingegen noch etwas länger warten. Die Ingenieurin ist in diesen Wochen ein Dauergast auf der Fähre. Jeden Tag geht es mehrfach hin und her. Mit speziellen Messgeräten stellt sie bei jeder Fahrt die Menge an Ruß und Abgasen fest, die aus dem Schornstein der Schleswig-Holstein kommen. Bei Leerlauf, bei Volllast, bei verschiedenen Wetterlagen und Windrichtungen. Sind alle Daten vorhanden, sorgt ihre Firma für einen genau abgestimmten Abgasfilter, der 2014 eingebaut wird. Die Reederei Scandlines investiert trotz baldigem Tunnelbau in die Zukunft ihrer Schiffe. Schließlich können die später auch auf anderen Linien eingesetzt werden, zum Beispiel zwischen Gedser und Rostock. „Fast alle Passagiere wollen, dass der Tunnel so schnell wie möglich gebaut wird“, sagt Matthijsen. „Aber ich habe während der Arbeit das Schiff sehr schätzen gelernt. Das Meer und sein würziger Geruch. Der Blick auf die anderen Schiffe. Die Möwen. Ich werde das vermissen.“