Corporate Social Responsibility Familienunternehmen setzen auf Verantwortung

Familienunternehmen sind das Herz der deutschen Wirtschaft
Familienunternehmen sind das Herz der deutschen Wirtschaft | Foto (Ausschnitt): © Colourbox

Kleine, vom Inhaber geführte Firmen sind typisch für Deutschlands Mittelstand. Die mehr als drei Millionen Familienunternehmen sind das Herz der deutschen Wirtschaft – und in Sachen Unternehmensverantwortung Pioniere.

In der Luft hängt ein süßlicher Geruch, auf dem Hof der Fabrik herrscht Hochbetrieb. Traktoren mit Hängern voll Zuckerrüben fahren auf eine Waage, Minuten später rütteln die Rüben über Schmutzfänger, laufen durch eine Waschanlage, werden gehäckselt, gekocht und schließlich zu Brei gedämpft. Pressen drücken daraus Saft, er fließt durch Filter, eine Maschine entzieht ihm Wasser. Fertig ist das „Rübenkraut“ – ein zähflüssiger, schwarzbrauner Sirup, beliebt als Brotaufstrich, aber auch als Back- und Kochzutat. Seit mehr als 100 Jahren stellt die Grafschafter Krautfabrik im kleinen Meckenheim südlich von Bonn Zuckerrübensirup her, seit fast 60 Jahren füllt sie ihr Produkt, den „Grafschafter Goldsaft“, in markant-gelbe Pappbecher. Rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche laufen die Maschinen der Krautfabrik während der Rübenernte. Angestellte und Saisonhelfer arbeiten in Tag- und Nachtschichten. Firmenchef Stefan Franceschini gibt ihnen in der Erntesaison neben dem schon früher üblichen einen Tag Pause noch einen weiteren Tag frei. Wer wochenlang volle Leistung bringt, findet er, der müsse sich zwischendurch erholen. Der Großteil der 90 Mitarbeiter gehört bereits seit Jahren oder Jahrzehnten zum Unternehmen, viele sind schon in der dritten Generation dabei, auch ganze Familien arbeiten bei Grafschafter. Der Chef zahlt Leistungsprämien, fragt nach Problemen und lobt gute Arbeit, verleiht Transporter und Werkzeug für Umzüge, lädt ein zu Sommerfest, Weihnachtsfeier und zur traditionellen Karnevalsfeier. „Im Grunde“, sagt Franceschini, „sind wir eine große Familie.“

Pioniere der Unternehmensethik

Nicht nur die besondere Nähe zu ihren Mitarbeitern zeichnet Familienunternehmen wie Grafschafter aus, auch im Verhältnis zu Kunden und Lieferanten legt man großen Wert auf gegenseitiges Vertrauen und Verlässlichkeit. Regional stark verwurzelt engagieren sich Familienunternehmen als Förderer von Schulen, Vereinen und sozialen Initiativen vor Ort, auch ein maßvoller Umgang mit Rohstoffen und Energie gründet in ihrer Verbundenheit mit dem Standort. Das zeigte auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und der Stiftung Familienunternehmen.

Mitarbeiter, Gesellschaft, Umwelt – Familienunternehmer setzen auf verantwortungsvolles Handeln. Denn was sich Konzerne als Corporate Social Responsibility (CSR) oft mühsam antrainieren, das steckt familiengeführten Firmen sozusagen in den Genen. „Sie sind Pioniere des unternehmensethischen Handelns“, sagt Tom Rüsen, Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen. „Sie halten alte Werte hoch, sie sind konservativ im besten betriebswirtschaftlichen Sinn.“

Dabei sei das verantwortungsvolle Handeln von Familienfirmen keine Reaktion auf Erwartungen von außen, etwa weil die Konkurrenz neuerdings eine Klimabilanz erstellt und man nicht hinterherhinken will. Stattdessen basiere es auf der individuellen Überzeugung der Familienunternehmer, sagt Rüsen, auf ihren persönlichen Werten. „Sie nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung aus innerem Antrieb und Gestaltungswillen wahr“, lautet auch das Fazit der Studie der Bertelsmann-Stiftung und der Stiftung Familienunternehmen.

Bewusstsein für das große Ganze

Schließlich ist das Wirtschaften in Familienunternehmen naturgemäß auf Langfristigkeit angelegt: Für den eigenen Erfolg verantwortlich zu sein verpflichtet sie zu Maßhalten und Vorsicht. Das verhindert zwar schnelle Gewinne und expansives Wachstum. Aber es sorgt für Beständigkeit. Dadurch, dass Verantwortung und Haftung, Anordnung und Ausübung, Kontrolle und Korrektur in wenigen Händen lägen, verdeutlicht Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, sei das Bewusstsein fürs große Ganze riesig. Und nur wer Wachstum auf Substanz baut und reale Unternehmenswerte schafft, der kann seine Firma für die Nachkommen erhalten. Auf Kosten der zukünftigen Eigentümer zu agieren verbietet sich Familienunternehmern von selbst – das Grundprinzip der Nachhaltigkeit. Ein Denken in Generationen, nicht in Quartalen.

„Man dient seinem Unternehmen als Unternehmer“, definiert Stefan Franceschini seine Philosophie. „Bei uns ist das Tradition, mein Vater und mein Großvater haben es mir vorgelebt.“ Franceschini leitet die Zuckerrübensirup-Fabrik in der vierten Generation. Sein aus Südtirol stammender Vater hatte einst in die Firma eingeheiratet, 2004 übernahm der Sohn das Geschäft. Davor hatte er für einen Handelskonzern gearbeitet, zuletzt als Manager in Italien. Doch als ihm der Vater die Nachfolgefrage stellte, da stand die Antwort schnell fest. „Der Reiz, den Betrieb weiterzuführen war stark“, sagt Franceschini. „Meine emotionale Bindung zu ihm ist immer eng gewesen.“

Das gilt auch für die Lieferanten. Gut 140 Landwirte hat die Krautfabrik unter Vertrag, viele von ihnen seit Jahrzehnten; mit den jungen Rübenbauern ist Franceschini aufgewachsen. Obst für sein Konfitürensortiment kaufe er ebenfalls überwiegend im Umland, erzählt er. Rohstoffe aus der Region zu beziehen sei Vertrauenssache, zudem schone es wegen der kurzen Transportwege Unternehmenskasse und Umwelt.

Verantwortliches Wirtschaften – Investition in die Zukunft

Ökologisch denkt der Unternehmer auch beim Thema Wasser und Energie. Der in der Produktion entstehende Wasserdampf strömt in Kühltürme, das dort gesammelte Wasser reinigt später Rüben und Maschinen. Eine eigene Kläranlage filtert die Erde aus dem Waschwasser, Baumschulen und Landwirte holen sie ab, so schließt sich der Kreislauf. Die Abwärme aus der Fabrik wandelt ein Generator in Strom um, zusätzliche Energie erzeugen Solarmodule auf den Fabrikdächern. Die Photovoltaikanlage ist erst wenige Jahre in Betrieb, die Abwärme als Energiequelle nutzte schon Franceschinis Großvater vor mehr als 30 Jahren.

„Sich um die Mitarbeiter und die Umwelt zu kümmern, bedeutet weitsichtig zu handeln“, sagt Franceschini. Das Kerngeschäft sozial und ökologisch bewusst zu betreiben liege schließlich im Eigeninteresse des Unternehmens, denn es motiviere die Mitarbeiter, stärke das Image als Arbeitgeber, sichere gute Rohstoffe und reduziere Betriebskosten. Verantwortliches Wirtschaften hat bei Grafschafter nichts mit Gutmenschentum zu tun. Es stellt vielmehr eine entscheidende Investition in die Zukunft da – Ethik und Erfolg sind für das Familienunternehmen untrennbar miteinander verbunden.