„On this day 80 years ago“
Das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie als Online-Projekt

Das Reichskabinett Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in Berlin
Das Reichskabinett Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in Berlin | Foto (Ausschnitt): © Bundesarchiv, Bild 102-15348 / CC-BY-SA

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Auf den Tag genau 80 Jahre später begann der schwedische Schriftsteller Torkel S Wächter mit der Internet-Veröffentlichung eines Teils der Lebensgeschichte seiner deutsch-jüdischen Großeltern. Er erzählt sie in „simulierter Echtzeit“ – in Gestalt eines fortlaufenden Online-Tagebuchs mit Originaldokumenten. Auf diese Weise können die Leser erfahren, wie Gustav und Minna Wächter die Machtergreifung der Nationalsozialisten erlebten und welche Folgen diese für das Ehepaar und seine drei Söhne hatte.

Zwei Stolpersteine im beliebten Hamburger Stadtteil Eimsbüttel erinnern daran, dass hier einst Menschen lebten, die von den Nationalsozialisten deportiert wurden. Wer sich ein wenig Zeit nimmt und stehen bleibt, kann auch die Namen lesen: Minna und Gustav Wächter. 1941 wurden sie zusammen mit vielen anderen Hamburger Juden nach Riga verschleppt, danach hat man nie wieder etwas von ihnen gehört. Dass sie heute dennoch nicht vergessen sind, dafür sorgte viele Jahrzehnte später ihr Enkel Torkel S Wächter, zuerst mit dem Online-Projekt 32 Postkarten und seit dem 30. Januar 2013 mit dessen Fortführung On this day 80 years ago. Grundidee ist in beiden Fällen dieselbe: Originaldokumente werden, versehen mit Erläuterungen und Kommentaren, jeweils am Tag ihrer Datierung, freilich um 70 beziehungsweise 80 Jahre zeitversetzt, auf der Website veröffentlicht. In der Summe erzählen sie eine dramatische Geschichte: die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie in der Zeit des Nationalsozialismus.

Eine ganz normale Familie

Torkel S Wächter Torkel S Wächter | Foto: Jurek Holzer Wer waren die Wächters? Diese Frage lässt sich leicht beantworten: Sie waren eine ganz normale deutsche Beamtenfamilie – ohne größeres Vermögen, doch finanziell weitgehend abgesichert, mit einer schönen, durchaus repräsentativ zu nennenden Wohnung im gutbürgerlichen Eimsbüttel, mit Hausmusik und privaten Theateraufführungen und mit all den Sorgen und Nöten, die das Leben im Deutschland der frühen Dreißigerjahre mit sich brachte. Ach ja, und sie waren Juden, Bürger mosaischen Glaubens – ein Umstand, dem die Familie freilich keine besondere Bedeutung zumaß, bis die Machtergreifung der Nationalsozialisten ihm gewaltsam Bedeutung verlieh.

Gustav Wächter wird danach von Kollegen denunziert und verliert seine Arbeit, die Familie muss in eine kleinere Wohnung umziehen, zwei der drei Söhne, darunter auch der Vater von Torkel S Wächter, werden verhaftet, in Konzentrationslager und Gefängnisse interniert und gefoltert. Alle drei Söhne können später fliehen beziehungsweise das Land verlassen. Ihren Eltern ist dieser Ausweg leider nicht vergönnt: Sie werden am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Letztes Lebenszeichen ist eine Postkarte, die sie am Tag des Transports in Hamburg aufgeben.

Simulierte Echtzeit – die Dokumente sprechen lassen

Postkarten Postkarten | © Torkel S Wächter In 32 Postkarten erzählt Torkel S Wächter anhand dieser und 31 weiterer zwischen Mai 1940 und Dezember 1941 von Hamburg nach Schweden verschickter Karten die letzten eineinhalb Lebensjahre seiner Großeltern. In On this day 80 years ago stehen dagegen fünf Monate im Leben der Familie Wächter nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Fokus. Auch das Material ist ein anderes: Statt der Postkarten nutzt Torkel S Wächter zur Rekonstruktion des politisch so folgenreiches Lebenshalbjahres nun die Tagebuchaufzeichnungen seines Großvaters, die um Briefe, Vernehmungsprotokolle und behördliche oder politische Dokumente aus dem Frühjahr 1933 ergänzt und zu einem Erzählzusammenhang verdichtet werden.

Torkel S Wächter kommt es vor allem darauf an, die Dokumente sprechen zu lassen. Er will nicht einfach nur eine Geschichte erzählen, sondern diese so authentisch wie möglich gestalten. Die Leser sollen gleichsam in Echtzeit miterleben, was der Familie geschah – weshalb aus einer subjektiven Perspektive (nach-)erzählt wird und weshalb die Texte in simulierter Echtzeit, auf den Tag genau, aber eben zeitversetzt um acht Jahrzehnte, veröffentlicht werden. Und er will, dass die Leser sich die Texte produktiv aneignen: Sie sollen das angebotene Material nicht einfach nur konsumieren, sondern nutzen. Sie sollen sich – mit anderen Worten – ihren eigenen Text zusammenstellen.

Die Ermittlung

Cover des E-Books „Die Ermittlung“ Cover des E-Books „Die Ermittlung“ | © Torkel S Wächter On this day 80 years ago ist, wie sein Vorgängerprojekt, der erfolgreiche Versuch, über etwas zu sprechen, worüber man nicht sprechen kann, für das Unsagbare eine Sprache, für das Unsägliche Worte und Bilder zu finden. Sollen die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht zu einer bloßen historischen Tatsache relativiert werden, reicht es nicht aus, nur an sie zu erinnern. Es kommt – Torkel S Wächter hat darauf in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk eigens hingewiesen – auf die Art der Erinnerung an, darauf, dass zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein emotionales Band geknüpft wird. Indem er die Geschichte Deutschlands unter dem Nationalsozialismus mit der Lebensgeschichte seiner Großeltern verknüpft, stiftet er eine solche Beziehung: Vergangenheit wird dadurch lebendig, Geschichte anschaulich, nacherlebbar, nachfühlbar.

Torkel S Wächter hat eine in Hamburger Archiven aufwendig recherchierte, auf unveröffentlichten Ermittlungsakten basierende Kriminalgeschichte „geschrieben“. Gegen den untadeligen Finanzbeamten Gustav Wächter, der über 30 Jahre im Dienst der Hamburger Finanzverwaltung tätig war und sich in dieser Zeit nie etwas zu Schulden kommen ließ, intrigieren kurz nach der Machtergreifung Kollegen. Ein Ermittlungsverfahren wird eingeleitet, gegen das dieser sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, jedoch vergeblich zur Wehr setzt. Am Ende resigniert Gustav Wächter und lässt sich zwangspensionieren. Die Pensionsansprüche wird er bis zur Deportation behalten.

Es ist eine alltägliche Geschichte, typisch für das Schicksal jüdischer Deutscher im nationalsozialistischen Deutschland. So wurde sie freilich noch nie erzählt, so spannend, unterhaltsam und anrührend zugleich. Wer sie ohne Unterbrechung lesen möchte, sei auf das E-Book Die Ermittlung verwiesen. Darin erfährt man auch, was nach dem 2. Juli 1933 – mit diesem Tag endet das Projekt – mit der Familie Wächter geschah.