Kreativitätshysterie „Kreativität wird zu einem Leistungszwang“

Andreas Reckwitz
Andreas Reckwitz | Foto (Ausschnitt): privat

Warum spielt das Ästhetische eine solch große Rolle in unserer heutigen Gesellschaft? Goethe.de im Gespräch mit dem Soziologen Andreas Reckwitz über Kreativitätshysterie und trügerische Hoffnungen auf das Neue.

Herr Reckwitz, kreativ zu sein steht im Wertekanon unserer heutigen Gesellschaft ganz oben. Wie kommt das?

In der Tat bestimmt nichts unsere Gegenwartskultur so sehr wie die Kreativität. Heutzutage will und soll jeder kreativ sein. Dahinter steht das, was ich „Kreativitätsdispositiv“ nenne: Eine individuelle und gesellschaftliche Orientierung am Kreativen, die Wunsch und Zwang zugleich ist. Früher waren Religion und Politik klassische Orte, wo Sinn und Befriedigung gefunden werden konnten. Diese Funktion erfüllt in der modernen Gesellschaft zunehmend das Ästhetisch-Kreative.

In Ihrem Buch „Die Erfindung der Kreativität“ stellen Sie dar, wie diese Entwicklung bereits im 18. und 19. Jahrhundert ihren Ausgang nahm – im Ideal des Künstlers.

Ja, das beginnt mit den künstlerischen Bewegungen des Sturm und Drang und der Romantik. Hier entsteht das Ideal, schöpferisch tätig zu sein, Neues aus sich selbst heraus zu produzieren, ob in Werken, Dingen oder auf das eigene Selbst bezogen. Zunächst ist das lediglich eine Gegenkultur zur bürgerlichen Gesellschaft – so ist es auch noch in den 1960er- und 1970er-Jahren. Danach jedoch verbreitet sich dieses Ideal und wird zum gesellschaftlichen Mainstream.

Kunst als Sehnsuchtsort

Warum findet dieses Kreativitätsideal so großen Anklang in unserer Gesellschaft?

Ursprünglich fand es Eingang in die Gesellschaft, weil die klassische Moderne so vehement rationalistisch orientiert war. Das Sinnlich-Affektive kam zu kurz. Im Meer der erkaltenden Systeme der frühen Moderne war die Kunst ein heißer Archipel, ein Sehnsuchtsort der bürgerlichen Klasse. Im Gegensatz zum zunehmend rationalisierten Alltagsleben war die Kunst eine Art Kompensationsort, wo man sinnlicher Wahrnehmung und Emotion freien Lauf lassen konnte. Nach und nach haben sich durch einen Prozess der Ästhetisierung auch andere Teile der Gesellschaft „erhitzt“, haben sich also affektiv aufgeladen, sei es die Politik, die Wirtschaft, die Medien, die Privatsphäre oder die Stadtplanung. Heute ist das Ästhetische demnach nicht mehr auf den Kunstbereich beschränkt. Überall geht es mittlerweile zunehmend darum, sinnlich-emotionale Ereignisse um ihrer selbst Willen zu produzieren. Und es muss immer etwas Neues sein.

Kreativität und Innovativ-Neues hängen also unmittelbar zusammen. Wer bestimmt darüber, was „neu“ und was „alt“ ist?

Das „Neue“ ist ja nicht objektiv vorhanden, sondern muss erst einmal ermittelt werden – in Abgrenzung zum „Alten“. Das Neue wird in einem Zusammenspiel von Kreateur und Publikum ermittelt. Die moderne Gesellschaft ist vor allem eine Publikumsgesellschaft, ob in den Medien, in der Wirtschaft oder in der Kunst. Auch das beginnt am Ende des 18. Jahrhunderts, als der moderne Künstler als neue, individuelle Figur, die sich in ihren Werken verwirklichen will, entsteht. Gleichzeitig entsteht aber natürlich auch das ästhetische Publikum, das gierig ist, dieses Neue zu suchen und zu finden, es mit anderen Werken zu vergleichen: Ist das auch wirklich neu, ist es auf interessante Weise neu?

Aber „neu“ ist nicht gleich „neu“. Was wir unter „neu“ verstehen, hat sich im Laufe der Moderne stark verändert.

Ja, bezeichnend für die heutige kreativ-ästhetische Orientierung ist, dass es nicht darum geht, einfach nur technisch neue Produkte hervorzubringen, sondern vor allem einen ästhetisch neuen Reiz zu schaffen, der Emotionen erzeugt.

„Es geht darum, das Ganze auszubalancieren“

In Ihrem Buch kritisieren Sie die ausschließliche Orientierung am Neuen. Was ist so schlecht daran?

Die Frage müsste lauten: Was ist so gut am Neuen? Es erscheint uns selbstverständlich, dass das Neue besser ist als das Alte, das ist der progressive Drang der Moderne. Natürlich ist eine radikal reaktionäre, anti-moderne Haltung auch keine Lösung. Aber es geht darum, das Ganze auszubalancieren. Wir müssen uns fragen: Wollen wir das Neue um jeden Preis? In welchem Kontext ist das Neue wirklich ein Fortschritt? Hält das ästhetisch reizvoll Neue, was es verspricht? Oder handelt es sich bei den uns umgebenden Events und Produkten um das „leere Neue“, um ein Übermaß an scheinbar Neuem, das man kurze Zeit später wieder vergessen hat?

Der Ökonom Richard Florida beschreibt, wie sich unsere Gesellschaft seit den 1980er-Jahren zunehmend in eine „Kreativgesellschaft“ gewandelt hat, was er als ökonomische Chance für neues Wachstum und gesellschaftliche Entwicklung begreift. Teilen Sie seine Hoffnungen?

Ich möchte in die gegenwärtigen Kreativitätshysterie eine gewisse Nachdenklichkeit hineinbringen. Denn es geht um einen sehr ambivalenten Prozess. Die gesellschaftliche Kreativitätsorientierung ist nichts, über das wir nur froh sein können. Florida argumentiert natürlich nicht von den Menschen her, er bewertet die Situation als Ökonom gemäß ihres ökonomischen Nutzens. Er sagt, dass es für die ökonomische Entwicklung einzelner Städte und Regionen essentiell, ja im Grunde alternativlos ist, die Kreativen anzulocken und sich zur „creative city“ zu machen. So wird die Orientierung an Kreativität neuerdings auch eine ökonomische Hoffnung. Was mich persönlich aber viel mehr interessiert, ist die ursprünglich individuelle und kulturelle Hoffnung in Bezug auf ein kreatives Leben und die Frage, inwieweit es sich hierbei um eine trügerische Hoffnung handelt.

Erschöpftes Selbst

Eine trügerische Hoffnung, die für den Einzelnen auch zum Problem werden kann ...

Ja, Kreativität wird zu einem Leistungszwang, der auch immer den Vergleich beziehungsweise Wettbewerb mit anderen impliziert und der psychisch belastend sein kann. Es geht dann um „Selbstverwirklichung“, um Originalität: Auf der ständigen Suche nach dem eigenen, besonderen Selbst will man sich selbst (neu) erschaffen (self creation). Das ist zu einer gesellschaftlichen Erwartung geworden. Und dieser Imperativ bezieht sich nicht nur auf den Beruf, sondern auf die ganze Person: So wird das Scheitern des Projekts Selbstverwirklichung zu einem totalen Scheitern der ganzen Person. Bestimmte psychische Krankheitssymptome, die sogenannten „Unzulänglichkeitserkrankungen“, sind im Prinzip „Selbstverwirklichungserkrankungen“, wie sie Alain Ehrenberg in Das erschöpfte Selbst sehr treffend beschreibt. Burnout und Depression entstehen oft aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit und der Überforderrung – vor allem gegenüber den scheinbar eigenen, inneren Ansprüchen.

Hat sich hier der Kapitalismus seit den 1970er- und 1980er-Jahren angepasst und in den Ideen von Kreativität und Selbstverwirklichung einfach neue Unterdrückungsinstrumente gefunden, wie Luc Boltanski und Ève Chiapello in „Der neue Geist des Kapitalismus“ behaupten?

Ich würde Boltanski und Chiapello zunächst widersprechen: Es handelt sich hier nicht einfach um ein Produkt des Kapitalismus; es ist nicht nur der „böse Kapitalismus“, der in die Ästhetik eingedrungen ist und sie unterworfen hat. Denn in vielerlei Hinsicht ist es auch umgekehrt: Die Ökonomie ist ästhetisiert worden. Die enge Verschränkung von Ästhetisierung und Ökonomisierung ist das, was im Kern des Kreativitätsdispositivs steckt und die Gegenwartsgesellschaft ausmacht. Vor allem liefert die Ästhetisierung der Ökonomisierung den motivationalen „Treibstoff“. Denn die Ökonomie hat ja für die Mehrheit der Gesellschaft im Grunde genommen ein Motivationsdefizit. Die Frage ist: Wo kommt für uns die Motivation her, um an der kapitalistischen Veranstaltung des Wirtschaftsmarktes teilzunehmen? Seit den 1970er-Jahren ist die Ästhetisierung die Lösung dieses Problems. Man könnte sagen: Der homo aestheticus ist zum besten Freund des homo oeconomicus geworden.

Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Allgemeine Soziologie, Soziologische Theorie und Kultursoziologie. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen „Die Transformation der Kulturtheorien – Zur Entwicklung eines Theorieprogramms“ (2000) und „Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne“ (2006). Zuletzt erschien von ihm „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2012).