Europäische Währung „Der Euro ist ein Stabilisator für unseren Frieden“

Eine gemeinsame Währung stabilisiert den Frieden in Europa
Eine gemeinsame Währung stabilisiert den Frieden in Europa | Foto (Ausschnitt): © EZB

Am 1. Januar 2014 führt Lettland den Euro ein. Die Skepsis im Land ist groß, dass damit ein Teil der lettischen Identität verloren geht. Wie war das damals in Deutschland? Der promovierte Historiker Matthias von Hellfeld über die Einstellung der Deutschen zum Euro und seine Bedeutung für die Europäische Union.

Herr von Hellfeld, seit der Einführung des Euros in Deutschland gilt die Währung einerseits als rationales Mittel zur Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums, andererseits emotionalisiert sie und ruft Skepsis hervor. Welche Gründe sehen Sie dafür?

In Deutschland war die Abgabe der D-Mark ein hochgradig emotionaler Punkt. Sie war sehr stabil gewesen, hat sehr viel Wohlstand gebracht, viele Arbeitsplätze geschaffen. Sie sorgte für Ansehen in der Welt: die harte Währung als Ausdruck von Fleiß, großem Können und industriellem Wachstum. Die große Skepsis gegenüber dem Euro war, ob er dieselbe Stabilität besitzt. Und zwar vor allem bei der älteren Generation, die Inflation und völlige Entwertung des Geldes schon einmal erlebt hatte. Ebenso die Bürger der ehemaligen DDR, die miterleben mussten, dass die Ost-Mark irgendwo im Ausland so gut wie nichts wert war.

Und bei den jüngeren Menschen?

Bei den Jüngeren und den Euro-Befürwortern, zu denen auch ich gehört habe, galt die Meinung: Die einzige Chance, die wir in unserem Leben haben, ist ein geeintes Europa. Da war der Euro die logische Konsequenz. Das war aber nicht emotional besetzt, sondern rational: Eine gemeinsame Währung ist auch ein Stabilisator für unseren Frieden.

Keine Währungsunion ohne politische Union

Nach zwölf Jahren Erfahrung mit dem Euro, zeichnet sich da eine eindeutige Tendenz in der Haltung zu dieser Währung ab?

Ja, und zwar eine eindeutig positive. Weil für die Deutschen jetzt klar ist: Der Euro ist stabil, er hat unseren Wohlstand nicht gekappt. Die Deutschen haben am meisten von allen Mitgliedsstaaten der Eurozone vom Euro gehabt, etwa durch die stabile Exportlage. Was jetzt negativ hinzukommt, ist die Erfahrung, dass wir, weil wir alle diese Währung haben, für die Haushaltsschwierigkeiten und Fehler anderer europäischer Staaten zahlen. Deshalb entstehen euroskeptische Parteien, deshalb sagen viele Leute: Das wird nicht gut gehen, wir müssen da wieder raus.

Kann man einfach sagen: Die kleinen Länder leiden unter dem Euro, die großen profitieren davon?

Da ist was dran, zumal jene Staaten, die neu dazukommen, eine gewaltige Rosskur hinter sich haben, um sich den Kriterien anzupassen. Da sehe ich tatsächlich auch einen Schwachpunkt, weil die Wirtschafts- oder Währungsunion ohne eine politische Union nicht garantiert, dass die Verhältnisse überall gleich sind. Im Sinne von gleichen Steuern, gleichen Abgaben, gleichen Sozialleistungen. Und so lange die nicht gleich sind und zentral gesteuert werden, wird es relativ schwierig sein, in Europa überall gleiche Lebensverhältnisse zu schaffen.

Eine neue Magna Carta

In Ihrem Buch „Akte Europa“ schreiben Sie, dass Geld schon immer mehr war als ein Maßstab für Wohlstand. Es war auch ein Mittel, um Identität zu schaffen. Wie sieht es im Euroraum mit der Akzeptanz des Euros als Motor zur Schaffung einer europäischen Identität aus?

Irgendwann wird der Euro auch das schaffen. Schauen wir in die Zukunft und setzen voraus, dass die derzeitigen Schwierigkeiten überwunden werden. In allen Ländern herrschen eine vernünftige Beschäftigungslage und Wohlstand, dann wird das funktionieren. In den 1990er-Jahren gab es die Diskussion, ob man die neue Währung Eurofranken nennen sollte, in Anlehnung an den Frankendinar, der vor 1.200 Jahren Europa schon mal geeinigt hat. Das war das Reich Karls des Großen, in dem ja die sechs Gründungsländer Europas vertreten waren – also die Beneluxländer, Deutschland, Italien, Frankreich –, die hatten eine gemeinsame Währung. Letztendlich stiftet es Identität, wenn ich von Südfrankreich bis Lettland mit einer Währung zahlen und vergleichen kann, was ein Pfund Butter kostet.

Abgesehen von der gemeinsamen Währung, wie sieht es mit der Europäischen Union als Identitätsmotor aus?

Im Englischen gibt es den Begriff „share Europe“, also „Lebe Europa gemeinsam“. Das schafft vor allem bei jungen Leuten Identität. Junge Europäer, die nach 1990 geboren sind, können weder mit dem Kalten Krieg etwas anfangen, noch mit „heißem“ Krieg. Es nützt ihnen nichts, wenn wir sagen: Die Europäische Union ist der friedenserhaltende Faktor in Europa. Das ist zwar richtig, junge Leute aber wollen wissen: Was bringt mir Europa? Was verbessert mein Leben, wenn ich in Europa lebe? Wir brauchen eine vernünftige Sozialcharta, die den Jungen sagt: Europa garantiert einen Ausbildungsplatz. Es garantiert dir soziale Standards. Daniel Cohn-Bendit, der für die Grünen im Europäischen Parlament sitzt, hat den Ausdruck geprägt „eine neue Magna Carta auf den Weg bringen“. Das kann ich nur unterstützen.

Bunte Vielfalt Europa

Gemeinsam mit Ulrich Beck und anderen fordert Cohn-Bendit auch ganz konkrete Beispiele wie ein freiwilliges Europäisches Jahr …

Auf diese Weise soll eine europäische Zivilgesellschaft wachsen. Das bedarf einer langen Zeit. Wir müssen unsere Kinder ausbilden, dass sie alle fließend Englisch sprechen, wir müssen ihnen in der Schule vermitteln, wie man diesen Kontinent weiterentwickeln und so gemeinsam die bunte Vielfalt in Europa voranbringen kann. Wir haben hier eine außerordentliche Vielfalt, eigene Kulturen, eigene Traditionen. Das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.

Ist dann die Integration osteuropäischer Staaten wie Lettland in den Euroraum die Krönung des europäischen Friedens- und Wirtschaftsprojekts?

Genau. Wenn wir zunächst auf die Geschichte der Bundesrepublik schauen, dann ist sie relativ ähnlich verlaufen wie der europäische Einigungsprozess. Wir haben erst versucht, im Westen und gegenüber Israel eine Versöhnung herzustellen. Als das gelungen war, und wir wieder in Frieden leben konnten, haben wir in Osteuropa dasselbe getan. Genauso umfasst die Richtung, in die wir jetzt mit Gesamteuropa gehen, selbstverständlich auch die Integration Osteuropas. Der Kalte Krieg und der Eiserne Vorhang haben allerdings dafür gesorgt, dass die Relikte einer widersinnigen und unnatürlichen Trennung immer noch in unseren Köpfen sind. Davon müssen wir loskommen. Aber unsere Kinder kennen das nicht mehr, sie haben keine Ressentiments. Deshalb ist es richtig, Osteuropa jetzt einzubeziehen.

Matthias von Hellfeld Matthias von Hellfeld | © Matthias von Hellfeld Matthias von Hellfeld, Jahrgang 1954, ist promovierter Historiker, Journalist und Autor zahlreicher historischer und politischer Sachbücher zur Geschichte Deutschlands und Europas, darunter „Akte Europa. Geschichte eines Kontinents“ (dtv, 2007) und „Wir Europäer“ (Dietz Verlag J.H.W., 2008). Außerdem hat er zahlreiche TV- und Hörfunk-Beiträge zu historischen Themen verfasst. Er ist Dozent des Masterstudiengangs OnlineRadio der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg und beim Kölner Campus für lebenslanges Lernen.