Stiftungen in Mittel- und Osteuropa Wieder erstarkt

Die Förderung der Demokratie ist einer der Schwerpunkte der Körber-Stiftung, die sich bereits früh auch in Mittel- und Osteuropa engagierte
Die Förderung der Demokratie ist einer der Schwerpunkte der Körber-Stiftung, die sich bereits früh auch in Mittel- und Osteuropa engagierte | Foto (Ausschnitt): © Körber-Stiftung/David Ausserhofer

Bürgerschaftliches Engagement für selbst festgelegte Zwecke hatte im Sozialismus keinen Platz. Inzwischen ist das Stiftungswesen in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas zu neuem Leben erwacht.

Nach 1945 war die Idee der Stiftung aus dem Blickfeld der Bürger in den Ländern Mittel- und Osteuropas fast vollständig verschwunden. Ihr Wiederaufleben ist in den postsozialistischen Gesellschaften bereits seit einer ganzen Weile zu beobachten – und ein nicht zu unterschätzender Teil des politisch-kulturellen Transformationsprozesses.Schon vor 1990 hatten einzelne westliche Stiftungen, aus Deutschland etwa die Robert-Bosch-Stiftung und die Körber-Stiftung, durch gezielte Projekte die Chancen von Stiftungsarbeit in der Region aufgezeigt. Allerdings gab es dort weder die gesellschaftlichen Voraussetzungen noch die rechtlichen, politischen oder wirtschaftlichen Möglichkeiten, ein eigenes Stiftungswesen zu schaffen. Zudem hatte es in Mittel- und Osteuropa auch schon vor 1945 nur vergleichsweise wenige Stiftungen gegeben. Das war den labilen politischen Verhältnissen und der zum Teil desolaten wirtschaftlichen Situation geschuldet, aber auch einer historischen Skepsis gegenüber dem Stiftungsmodell.

Polen und Slowenien reaktivierten altes Recht

Dennoch waren bereits in den 1980er-Jahren Versuche erkennbar, den Sektor wiederzubeleben. Polen erließ 1984 ein neues Stiftungsrecht, das ein früheres, aus den 1920er-Jahren stammendes, aufgriff. In Teilen des damaligen Jugoslawiens, etwa in Slowenien, wurde ein formal noch bestehendes, seit Jahrzehnten nicht mehr angewandtes Recht reaktiviert. Den Durchbruch verdankt das Stiftungswesen in der Region aber der Initiative des ungarischstämmigen Amerikaners George Soros, der als Schüler des Philosophen Karl Popper eine offene Gesellschaft als unabdingbar für die Transformation der politischen Kultur ansah. Beginnend 1988 in Ungarn, gründete Soros in den 1990er-Jahren in mehreren Ländern der Region „Open Society Foundations“ und stattete sie mit erheblichen Mitteln aus. Zu ihren Zielen gehören die politische Bildung und die Förderung der Zivilgesellschaft.

Andere US-amerikanische und europäische Stiftungen legten nach 1990 besondere Förderprogramme für Mittel- und Osteuropa auf. Stipendien für junge Akademiker, wie die der Alexander von Humboldt-Stiftung, oder Austauschprogramme der Charles Stewart Mott Foundation ermöglichten Studienaufenthalte im Westen. Das 1989 gegründete Europäische Stiftungszentrum (EFC) versuchte mit einigem Erfolg, die Transformationsprozesse mit der Entwicklung einer Stiftungskultur zu verbinden. Doch blieb diese in den Augen vieler Bürger zunächst ein Fremdkörper. Der Versuch einer Verankerung war die Gründung der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit (SDPZ) mit Sitz in Warschau 1991. Sie entstand mit der Zusage der deutschen Regierung, einen Großteil der polnischen Devisen-Schulden zur Förderung von Versöhnungs- und Kooperationsprojekten verwenden zu dürfen.

Aufbau einer unabhängigen Zivilgesellschaft

Die Tschechische Republik ging deutlich darüber hinaus, indem ein großer Teil der Erlöse aus der Privatisierung staatlicher Unternehmen einem Stiftungs-Investitions-Fonds überwiesen wurde, der half, die Kapitalbasis neuer Stiftungen zu stärken. Entscheidend war die von Václav Havel, dem ersten Staatspräsidenten der Tschechischen Republik, immer wieder erhobene Forderung, dass es in der historischen Situation der Transformation eine Pflicht des Staates sei, den Aufbau einer unabhängigen Zivilgesellschaft voranzutreiben.

Dass private Mittel auf absehbare Zeit nicht ausreichen würden, war offenkundig. Doch wurden in fast allen Ländern Mittel- und Osteuropas in den 1990er-Jahren gesetzliche Rahmenbedingungen unter modernen zivilgesellschaftlichen Prämissen geschaffen. Dafür hörte man Experten an und verglich westliche Beispiele. Zwar machte man sich zunächst in der Regel ein enges, US-amerikanisches Stiftungsverständnis im Sinne reiner Fördertätigkeit zu eigen. Auch lebten in den Verwaltungen häufig obrigkeitsstaatliche Denkmuster fort. Mit zivilgesellschaftlich orientiertem politischem Willen wurden diese Schwierigkeiten jedoch überwunden. Vorbildliche Datenbanken, beispielsweise die der polnischen Organisation Klon/Jawor zu Nicht-Regierungsorganisationen, und Stiftungsverzeichnisse förderten zusätzlich den Aufbau.

Obwohl es in seiner Größe nach wie vor nicht vergleichbar ist, hat das Stiftungswesen in allen Ländern Mittel- und Osteuropas wieder Fuß gefasst. Es stellt sich heute den gleichen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen wie das Stiftungswesen in Westeuropa.