Menahem Pressler Musik als Seelenschatz

Der Konzertpianist Menahem Pressler
Der Konzertpianist Menahem Pressler | Foto (Ausschnitt): © Menahem Pressler

Glück und Leid seines Musikerlebens sind eng mit Deutschland verbunden. Menahem Pressler blickt auf eine mehr als 70 Jahre anhaltende Ausnahmekarriere am Piano zurück.

Er ist der dienstälteste und liebenswerteste Konzertpianist der Welt. 90 Jahre alt wurde er im Dezember 2013, und seine im selben Jahr erschienene CD heißt schlicht Schubert – Mozart – Beethoven. Menahem Pressler hatte immer eine ganz besondere Beziehung zu diesen drei Komponisten, schon in den Jahrzehnten des 1955 von ihm gegründeten und bis 2008 geleiteten legendären Beaux-Arts-Trios, erst recht aber nun in seiner späten Solokarriere. Es ist seine zweite in seinem langen Musikerleben, denn seinen internationalen Durchbruch erreichte er schließlich auch als Solist. Dass er jetzt wieder alleine unterwegs ist, scheint Pressler großes Vergnügen zu bereiten.

Unbändige Freude an der Musik

Auch seine Meisterkurse sind gefragt, weil er darin sehr ernsthaft unterrichtet. Für manche Studenten ist das irritierend, wenn aus dem netten alten Herrn plötzlich ein recht gestrenger Meister wird. Pressler kann sein Urteil auch mal sehr direkt formulieren, wenn gutes Zureden nicht hilft. In der Schweiz konnte man ihn 2013 so engagiert erleben: Dort probte und konzertierte er zusammen mit jungen Musikern während des Verbier Klassik-Festivals voller Leidenschaft und mit schier unbändiger Freude an der Musik. Die Strenge im Umgang mit der Musik und jungen Musikern kommt bei Menahem Pressler aber weniger aus pädagogisch verbrämter Rechthaberei als vielmehr aus der unbedingten Hingabe an die großen Werke der Musikgeschichte.

Menahem Pressler spielt Mozarts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 17 G-Dur, Seoul Arts Center Music Hall, 2012

Es ist nicht mehr populär, so zu denken. Aber für Menahem Pressler gehört es zu den Grundvoraussetzungen eines Musikers, sich einem Werk in Demut zu nähern und diese Haltung auch dann zu bewahren, wenn er glaubt, es perfekt zu beherrschen. Es bereitet ihm fast körperlichen Schmerz, wenn er von jungen Musikern hört oder liest, die ihr eigenes Künstlertum über die Komponisten stellen wollen, indem sie über vermeintliche Absichten der Komponisten resümieren. Für Pressler undenkbar. Er bewegt sich geradlinig in einer europäischen Tradition, von der ihn selbst die schlimmsten Lebensumwege nicht abbringen konnten. Diese Tradition und dieses Musikverständnis, das sich im Laufe eines Musikerlebens immer tiefer ins eigene Bewusstsein und Unterbewusstsein eingräbt, ist ein unzerstörbarer Schatz, den man schon als Kind entdeckt und immer bei sich trägt. Für einen Deutschen ist es fast beschämend, mit welcher Glückseligkeit und Dankbarkeit Menahem Pressler über die deutsche Klassik und Romantik spricht – über das Land, wo seine Musik-Götter wohnen.

Trost in der Musik

Das ist nicht selbstverständlich, im Gegenteil. Die ersten Jahre, von seiner Geburt am 16. Dezember 1923 bis zur Flucht 1939 verbrachte er in Magdeburg. 15 Jahre war er alt, als für die jüdische Familie Pressler kein Bleiben mehr war im nationalsozialistischen Deutschland. Die Mutter hatte sich lange gegen die Auswanderung gesträubt; man verpasste zunächst den geplanten Zug nach Triest, wo es mit dem Schiff nach Israel gehen sollte, schaffte es dann aber gerade noch irgendwie. Die Kaufmannsfamilie hing an der Heimat Magdeburg. „Die Onkel und Tanten verbrannten dann in Auschwitz“, sagt Pressler trocken. Er muss das so sagen, weil er sich distanzieren will von dem Grauen, weil er sich sein Leben davon nicht zerstören lassen wollte. Auch dabei half ihm die Musik, die dann tröstete, wenn Menschentrost an Grenzen kam. Spätestens seit 1946, als er den Debussy-Wettbewerb von San Francisco gewann, war die Musik aber noch viel mehr: Da wurde aus dem privaten Traum ein öffentliches Künstlerleben, das ungebrochen bis heute andauert.

Immer nah am Werk

Seine Götter haben Pressler dabei nie verlassen. Wenn man Franz Schuberts selten gespielte G-Dur-Sonate in der Aufnahme vom Mai 2013 hört, so kann man einen ungefähren Eindruck davon bekommen, was es dem Pianisten noch heute bedeutet, dieses Werk so zu spielen, als sei es das erste Mal. Unabhängig von den Moden der Zeit, jenseits des reinen Virtuosentums ist Pressler immer ganz nah am Werk, am Ende auch beim Komponisten und an jenem Kulturraum, dem er Glück und Leid verdankt.

Selbst nach seiner Auswanderung nach Israel pflegte er die deutsche Sprache, auch seine israelische Frau lernte Deutsch. Sie sprachen es mit den Kindern, lasen Heine und Goethe, spielten Schubert und Ludwig van Beethoven. „Ich verstehe die Menschen, die das nach Auschwitz nicht mehr konnten“, sagt Pressler. „Aber für mich gab es immer dieses Land der Kultur, und ich habe mir das nie nehmen lassen und bis heute bewahrt.“ Pressler hat diesen Seelenschatz der Musik nicht nur für sich bewahrt, er hat ihn mit der Welt geteilt – und er tut es noch immer. Wolfgang Amadeus Mozarts a-Moll-Rondo, auf vielen Klavierwettbewerben zu Schanden geklimpert, klingt bei ihm als das, was es ist: eine kleine menschliche Offenbarung, eine schlichte Erlösung, unverhofft und auch ein bisschen unbegreiflich.