Kreativwirtschaft „Antwort auf gesellschaftliche Umbrüche“

Dieter Gorny
Dieter Gorny | Foto (Ausschnitt): © BMVI/Markus Nass

Kreativwirtschaft ist häufig ein Kind der Krise. Wie sie entsteht und wie man sie fördert, erklärt Kulturmanager Dieter Gorny im Interview.

Herr Gorny, „Kreativwirtschaft“ ist heute ein oft genutztes Schlagwort – was ist damit eigentlich gemeint? 

Unter Kultur- und Kreativwirtschaft verstehen wir kulturökonomische Prozesse, die durch die Idee eines Einzelnen ausgelöst werden. Da gibt es zum Beispiel den Autor, der ein Buch schreibt und einen Verlag findet, der wiederum das Buch lektoriert, produziert und am Ende in die Läden bringt. Da gibt es den Musiker, der einen Song schreibt, aus dem mit Hilfe einer Plattenfirma ein Tonträger entsteht, der dann auf einer Konzerttournee vorgestellt wird. Immer steht am Anfang die Idee eines kreativen Kopfes, die die Grundlage für ein kulturelles Produkt mit wirtschaftlichen Auswirkungen ist. Solche Prozesse laufen parallel zur Arbeit der öffentlich geförderten Kulturinstitutionen. 

Warum ist diese Unterscheidung wichtig? 

Sicherlich müssen auch Theater und Opernhäuser heute verstärkt in ökonomischen Kategorien denken, in Auslastungszahlen beispielsweise. Ihre eigentliche Bedeutung ist jedoch eine andere als die der Kreativwirtschaft: Sie sollen einen leichten Zugang zu kulturellen Angeboten ermöglichen und müssen deshalb nicht in erster Linie ein Plus erwirtschaften. Wobei das auch auf Teile der Kultur- und Kreativwirtschaft zutrifft. Es gibt in der Kreativwirtschaft eine große Bandbreite: vom Off-Theater bis hin zur Produktion millionenfach verkaufter digitaler Angebote.

„Kreativität braucht Freiraum und Vernetzung“

Was kann man tun, um solche kreativen Prozesse zu initiieren und zu stärken?

Kreative Prozesse entstehen nie oder nur selten in etablierten Strukturen. Kreativität braucht Freiraum und Vernetzung. Sie ist oft auch Antwort auf gesellschaftliche Umbrüche. Hier im Ruhrgebiet etwa fußt die Identität auf dem Selbstverständnis als früherer industrieller Ballungsraum, als Wiege von Kohle und Stahl. Seit dem Ende dieser Epoche wird immer wieder die Frage laut, was diese Region auszeichnet, was ihre spezifische Identität ist. Aus dieser Beschäftigung mit der eigenen Situation und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten kann Kreativität erwachsen. Unser wesentliches Werkzeug dabei ist die Bildung, sind die Universitäten und Fachhochschulen und die jungen Leute, die dort ausgebildet werden. Wichtig sind auch die räumlichen Möglichkeiten, die die Region bietet. 

Wenn es um Kreativität und Weltläufigkeit geht, schaut man in Deutschland aber vor allem auf die Hauptstadt Berlin. 

Das ist richtig, aber in Berlin gibt es mittlerweile eine gewisse Saturiertheit. Die Phase der Identitätssuche ist dort vorbei. In einer boomenden Region muss man sich bestimmte Fragen nicht mehr stellen, man muss nicht mehr zwingend kreativ sein. Das wiederum ist die Chance anderer Regionen. Deswegen haben wir hier im Ruhrgebiet sogenannte Kreativquartiere geschaffen: Räume, in denen sich Ideengeber, Entwickler, Wirtschaftsleute und Stadtplaner austauschen können. Solche Begegnungsmöglichkeiten sorgen dafür, dass aus guten Ideen am Ende auch gute und markttaugliche Produkte werden.

„Es handelt sich um einen langen Prozess“

Was ist im Ruhrgebiet aus der Kreativwirtschaft heraus bereits entstanden? 

Wir sehen in einigen Bereichen erste Erfolge, wie zum Beispiel bei der Entwicklung und Gestaltung von Computerspielen. Rings um das sogenannte Dortmunder U, ein ehemaliges Brauereigebäude in der Innenstadt, entsteht ein lebendiges Kreativquartier. Außerdem gibt es schon seit Jahrzehnten erfolgreiche Projekte wie das Musical Starlight Express in Bochum. Insgesamt handelt es sich natürlich um einen langen Prozess. Neues entstehen zu lassen, braucht Zeit. Wir schaffen deshalb zunächst Lernorte, an denen verschiedene Akteure und Institutionen miteinander Ideen entwickeln und so voneinander profitieren können. 

Viele Regionen setzen große Hoffnungen in die Kreativwirtschaft als neuen Wirtschaftszweig. Ist das nicht problematisch?

Das finde ich nicht. Es gibt keine Alternativen zur Rückbesinnung auf die eigene Identität, die eigenen Ideen und die eigene Kreativität. Das bedeutet eben nicht den Rückzug ins Schneckenhaus, sondern zum Beispiel auch den Austausch auf europäischer Ebene – also die Auseinandersetzung damit, welche Antworten andere kreative Köpfe in anderen Ländern auf die drängenden Zukunftsfragen gefunden haben. Diese europäischen Netzwerke und Bündnisse sind für den kreativen Prozess ungeheuer wichtig. Die Beschäftigung mit anderen Positionen schärft das Profil und macht bewusst, wo der eigene kreative Kern liegt.
 

Dieter Gorny ist Geschäftsführer des European Center for Creative Economy (ECCE) in Dortmund. In den 1980er- und 1990er-Jahren war er Wegbereiter der Musikmesse Popkomm und des Fernsehsenders Viva. Gorny unterrichtet als Professor für Kultur- und Medienwissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf. Der Musiker und Manager wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Echo und dem Grimme-Preis.