Lamya Kaddor im Gespräch
„Juden und Muslime haben viele Gemeinsamkeiten“

Lamya Kaddor ist Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin.
Lamya Kaddor ist Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin. | Foto (Ausschnitt): © Bertelsmann-Stiftung

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Autorin syrischer Herkunft und die Erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Im Interview spricht sie über den interreligiösen Dialog, Salafismus, ihre Erfahrungen als liberale Muslima und über die Gemeinsamkeiten von Juden und Muslimen.

Sie sind eine liberale engagierte Muslima. Werden Sie von konservativen Muslimen angegriffen?

Ja, leider. Zumindest verbal bin ich immer wieder unsachlicher Kritik ausgesetzt. Einige konservative Verbandsvertreter haben heute schlicht Angst um ihre Macht und ihren Einfluss in Deutschland. Aber auch viele verbandsunabhängige Muslime scheinen sich von mir bedroht zu fühlen. Nicht dass ein falscher Eindruck aufkommt, auch traditionalistische Musliminnen feinden mich an. Islamische Religion wird von vielen als reine Männerdomäne gesehen. Da waren wir vor einigen Jahrhunderten auch schon einmal weiter.

Worum geht es in Ihrem Buch „So fremd und doch so nah. Juden und Muslime in Deutschland“?

Autor Michael Rubinstein Autor Michael Rubinstein | Foto: Flickr (CC) Thomas Rodenbücher Mein Co-Autor Michael Rubinstein und ich diskutieren in dem Buch all die Fragen, von denen so viele glauben, Juden und Muslime würden sich darüber die Köpfe einschlagen: den Nahost-Konflikt, muslimischen Antisemitismus und den Holocaust beispielsweise. Darüber hinaus sprechen wir allerdings auch über Dinge wie Humor und Heimat. Wir wollten einfach die Vorurteile hinterfragen und haben uns darauf geeinigt, dass es keine Tabus gibt. Jeder durfte den anderen alles fragen. Dabei haben wir festgestellt, dass Juden und Muslime sich gewiss nicht in allem einig sind, dass wir aber viel mehr Gemeinsamkeiten haben als erwartet.

Vor welchen Herausforderungen stehen Muslime in Deutschland?

Muslime in Deutschland müssen wieder lernen, dass es nicht die eine, einzig richtige Auffassung des Islam gibt. Muslimen fehlt oftmals das Wissen über die historische Entwicklung ihrer Religion. Deshalb ist religiöse Bildung und ein offener, bildungsorientierter Religionsunterricht so wichtig. Für viele Muslime in Deutschland ist die Religionszügehörigkeit identitätsstiftend, sie müssen also mehr darüber lernen.

Viele deutsche Schulen haben den islamischen Religionsunterricht als Schulfach eingeführt, aber viele islamische Organisationen versuchen, den Unterricht zu kontrollieren. Wie sehen Sie das?

„So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland“. „So fremd und doch so nah – Juden und Muslime in Deutschland“. | Foto: © Patmos Verlag Es gibt noch diversen Klärungsbedarf, was die inhaltliche Ausrichtung angeht. Inzwischen hat sich die Politik auf ein Beiratsmodell festgelegt. Vertreter verschiedener islamischer Organisationen sitzen an einem Tisch und entscheiden über die Inhalte. Im Grundsatz ist das Beiratsmodell richtig, aber: Zum einen müssen die wichtigsten Strömungen vertreten sein, das ist nicht der Fall. Vertreter eines liberalen Islam sitzen beispielsweise genauso wenig mit am Tisch wie Schiiten. Zum anderen darf die Besetzung des Beirats nicht immer dieselbe sein. Es muss eine Art Rotationsprinzip geben, damit nicht immer dieselben Personen und Organisationen die Deutungshoheit haben.

In den Medien ist häufig von Salafisten die Rede. Ist diese Aufmerksamkeit übertrieben oder angemessen?

Ein Augenmerk auf salafistische Strömungen zu legen ist schon angemessen. Diese Strömungen haben die Macht, gerade junge Leute zu verführen. Das muss nicht immer bedeuten, dass aus ihnen zwangsläufig gewaltbereite Erwachsene werden, aber die Gefahr besteht. Oder es kommt zu Zerwürfnissen mit der Familie, wenn den jungen Leuten beigebracht wird, dass ihre Eltern keine „richtigen“ Muslime seien, solange diese nicht salafistische Auffassungen teilten. Salafismus ist eine extreme Lebenseinstellung, mit allen Problemen, die damit verbunden sind. Darauf muss man reagieren. Man muss aufpassen, dass durch die einseitige mediale Berichterstattung nicht generell ein falsches Bild des Islam entsteht. Das verfälscht die Wahrheit einerseits und kann andererseits zu Islamfeindlichkeit führen.