Gleichstellung
„Der Arbeitsmarkt braucht mehr Frauen“

Christina von Braun
Christina von Braun | Foto (Ausschnitt): Goethe-Institut/Maik Schuck

Der Gleichstellungsatlas 2013 liefert statistische Daten über Frauen in Ausbildung, Beruf und politischen Ämtern. Christina von Braun, Professorin für Kulturwissenschaft, erläutert, wie es um die Gleichberechtigung im Spannungsfeld von Staat, Wirtschaft und Privatleben in Deutschland steht.

Frau von Braun, was verbinden Sie mit dem Begriff Gleichstellung?

Ich habe immer im Bereich Gender Mainstreaming gearbeitet, mich also dafür eingesetzt, dass eine Sensibilität für die Fragen der Geschlechterungerechtigkeit oder auch für bestimmte Verhaltensmuster, beispielsweise sexuelle Anmache am Arbeitsplatz und ähnliches, in die Köpfe hinein kommt. Frauenpolitik als gezielte Förderung von Frauen muss mitlaufen, aber die Sensibilisierung für Ungerechtigkeiten und unbewusste Formen der Verletzung ist der erste Schritt.

Im Gleichstellungsatlas zeichnet sich ein Defizit an Gleichstellung ab

 

Der 2. Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland liefert auf Landes- und Kreisebene einen umfassenden Überblick über die regionalen Unterschiede bei der Umsetzung wichtiger gleichstellungspolitischer Ziele und der Schaffung gleichstellungsförderlicher Rahmenbedingungen. Mit dem 2. Atlas zur Gleichstellung wurde die erste Auflage des Atlas aus dem Jahr 2009 aktualisiert und erweitert.

Der Gleichstellungsatlas 2013 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beleuchtet verschiedene Lebensbereiche. Im bundesweiten Durchschnitt sind immerhin 33,5 Prozent hoher politischer Ämtern auf Landesebene mit Frauen besetzt, 20,3 Prozent arbeiten auf der höheren Verwaltungsebene. Kommunen stehen hier mit 8,3 Prozent eher schlecht da. Interessieren sich Frauen weniger für Lokalpolitik?

Ich würde die Frage dahingehend stellen, wie weit sich auf Lokalebene noch der kleine Matador durchsetzt und Frauen leichter weggeboxt werden. Ich bin sicher, dass Frauen auch in der Lokalpolitik eine ganz wichtige Rolle spielen, aber es gibt da immer noch diese Herrschaftsstrukturen, die es Männern leichter machen, in leitenden Positionen zu bleiben.

Auf der Landesebene geht es um eine abstraktere Dimension. Da werden im Kabinett eben ein paar Frauen gebraucht und auch gefördert. Hier können Macho-Strukturen nicht so leicht greifen wie im Alltag der Lokalpolitik. Das gilt auch für politische Parteien: Wo Parteien sich bewusst entschließen, den Frauenanteil zu erhöhen – und das kommt oft von oben – gibt es Listenplätze etc. Auf der lokalen Ebene, wo es wirklich um ‚dein Kopf oder meiner‘ geht, ist der Geschlechterkampf unter Umständen stärker. Ich möchte das nicht zu sehr verallgemeinern.

Verantwortung von Staat und Gesellschaft

Die Anzahl der Frauen in den oberen Ebenen der Privatwirtschaft wächst (26 Prozent 2012 im Vergleich zu 24 Prozent 2008) und die Zahl arbeitsloser Frauen sinkt (48 Prozent arbeiten in sozialversicherungspflichtigen Berufen). Wird sich dieser positive Trend Ihrer Meinung nach fortsetzen?

Frauen werden bewusst – auch mit Kitapolitik – gefördert, weil sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Für viele Frauen ist es leichter geworden, Berufstätigkeit und Kinder zu vereinbaren. In Frankreich ist es selbstverständlich, dass ich mein Kind spätestens mit drei Jahren in eine Vorschule schicke und berufstätig bin. Ich glaube, auch in Deutschland wäre der Anteil von Frauen im Erwerbsleben höher, wenn mehr Kitaplätze zur Verfügung stünden und es eine größere Selbstverständlichkeit wäre, dass Frauen sowohl berufstätig sind als auch Kinder haben. Aber damit tut sich dieses Land wirklich schwer.

Braucht es dafür eher einen Gesinnungswandel über Rollenverteilungen im Privatleben oder staatliche Maßnahmen? Viele Frauen arbeiten schließlich in flexiblen und prekären Beschäftigungsformen, auf Kosten von finanzieller Unabhängigkeit, Alterssicherung und Aufstiegschancen.

Der Staat hat da schon eine Verantwortung. Er jammert permanent über den demografischen Wandel, den Rückgang der Geburtenraten. Ich bin nicht sicher, dass Geld die Geburtenraten tatsächlich erhöht, aber wo Kinder in prekären Verhältnissen aufwachsen, da muss was geschehen. Einige Frauen wollen sich auch nicht dem Leistungsdruck des Arbeitsmarkts aussetzen. Es ist nicht einfacher geworden, beruflich erfolgreich zu sein. Nur können diese Frauen sich dann nicht gleichzeitig über Machtlosigkeit beklagen und den Mangel an eigenem Geld.

Frauen verdienen bei gleicher Qualifikation oft noch immer schlechter als Männer (22 Prozent weniger im bundesweiten Durchschnitt). Wie kann man gegen diese Art von Diskriminierung vorgehen?

Die Gehälter öffentlich machen. Damit hatte man in den USA ganz guten Erfolg, nachdem zunächst amerikanische Wissenschaftlerinnen männliche Kollegen nach ihren Einkommen gefragt haben. Da war der Teufel los. So etwas ist auch auf Unternehmensebene möglich.

Um bei Universitäten zu bleiben: Berlin und Niedersachsen sind mit 29 und 24 Prozent Spitzenreiter bei weiblich besetzten Hochschulprofessuren.

Beide Bundesländer haben ganz gezielt Frauenförderungspolitik betrieben. Kulturhistorisch betrachtet mag es auch ein Relikt protestantischen Denkens sein. Beides sind vornehmlich protestantische Gegenden, und der Protestantismus hat sich früh für die Bildung von Mädchen eingesetzt. Wo ein Bundesland sich bewusst für Frauenförderung engagiert, sieht man auch Resultate.

Möglichkeiten der Förderung

Lokal, kommunal oder bundesweit – auf welcher politischen Ebene kann am effektivsten für Gleichstellung gehandelt werden?

In manchen Ländern gibt es eine Quote, weil das Land sowieso offen ist für die Gleichstellung, zum Beispiel in den skandinavischen Ländern. Und dann gibt es Länder, wo die Quote erst mal etwas bewirken muss. Deutschland gehört meines Erachtens in diese Kategorie. Hier kann man nicht warten, bis die Gleichstellung gesellschaftlich akzeptiert ist. Auf diese gesellschaftliche Akzeptanz muss man einwirken, und hier kann auch auf allen Ebenen politisch gehandelt werden.

Bewegt Deutschland sich Ihrer Meinung nach in die richtige Richtung?

Ich glaube schon, aber vor allem, weil es nicht anders geht. Soll der Arbeitsmarkt funktionieren und sollen weiterhin genug Steuereinnahmen fließen, dann wird gar nichts anderes übrig bleiben, als Frauen stärker einzubeziehen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Beruf und Mutterschaft zu vereinbaren. Dazu gehört übrigens auch, dass die Kindererziehung besser zwischen Männern und Frauen verteilt wird und dass nicht die große Mehrheit der alleinerziehenden Eltern aus Müttern besteht.
 

Christine von Braun ist Professorin für Kulturwissenschaft, Mitleiterin des Zentrums für Jüdische Studien der Humboldt-Universität und Vize-Präsidentin des Goethe-Instituts. Sie hat zwei erwachsene Kinder.