Friedenspreis für Jaron Lanier „Er hat ein globales Anliegen“

Jaron Lanier
Jaron Lanier | Foto (Ausschnitt): © 2013, insightfoto.com

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014 geht an den Internettheoretiker Jaron Lanier. Ein Interview mit Heinrich Riethmüller, Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der die Auszeichnung vergibt.

Herr Riethmüller, der Informatiker, Musiker, Autor und Internetpionier Jaron Lanier erhält 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – warum ausgerechnet er?

Man kann diese Frage durchaus stellen, weil Jaron Lanier sich nicht gerade durch ein umfangreiches schriftstellerisches Werk auszeichnet, wie es bei früheren Friedenspreisträgern meist der Fall war. Das waren in der Regel Schriftsteller, Philosophen oder Wissenschaftler, die auf ein großes Lebenswerk zurückblicken konnten. Lanier hat dagegen erst zwei Bücher geschrieben. Doch er hat besonders eindringlich, erkenntnisreich und kritisch auf die Gefahren hingewiesen, die uns durch die digitale Welt drohen. Insofern hat er ein globales Anliegen. Die Preisträger der letzten Jahre haben – ausgehend von den Problemen in ihren Heimatländern – Frieden, Freiheit und Demokratie eingefordert. Sein Ansatz hingegen ist ein staatenübergreifender.

In der Begründung der Jury heißt es, Lanier habe erkannt, „welche Risiken die digitale Welt für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen birgt“. Welche Risiken sind das genau?

Ein Bespiel, das Lanier nennt: In den USA kann man sich heute nur noch anständig versichern, wenn man gesund ist. Über die Menschen sind viele Daten verfügbar und anhand dieser Profile entscheiden die Versicherungen, wen sie unter welchen Umständen als Mitglied aufnehmen. Den Internet-Nutzern sind solche Zusammenhänge nicht klar, sie hinterlassen meist recht gutgläubig ihre Spuren im Netz. Lanier betont deshalb immer wieder: Wer die größten Server hat und die meisten Daten sammeln und auswerten kann, wird die Welt beherrschen und die Macht über die Menschen gewinnen. 

„Konkrete Vorschläge statt einseitiger Kritik“

In seinem aktuellen Buch „Wem gehört die Zukunft?“ fordert Lanier auch neue Geschäftsmodelle für das Internet und die Stärkung des Urheberrechts. Was ist daran die Friedensbotschaft?

Das allein ist natürlich keine Friedensbotschaft. Lanier ist als Kenner und Spezialist des Internets aber eben nicht nur ein einseitiger Kritiker. Er macht konkrete Vorschläge, wie man das Teilen von Daten und Inhalten besser organisieren kann, damit nicht nur große Konzerne davon profitieren. Er schlägt zum Beispiel vor, dass jeder, der Informationen ins Internet einstellt, dafür bezahlt wird.

In der Internetgemeinde ist Lanier umstritten – die einen bemängeln, dass er Konzepte wie Open Source und Open Data ablehnt, andere beklagen, dass er die Schwarmintelligenz in Frage stellt.

Wenn jemand kritische Anmerkungen zur Gegenwart macht, gibt es immer Menschen, die eine andere Sichtweise haben. Das war übrigens auch bei vielen anderen Preisträgern so. In diesem Fall kam die Kritik vor allem aus der Bloggerszene. Ansonsten waren wir fast überrascht, auf welch große Zustimmung die Preisvergabe gestoßen ist. 

„Das Thema NSA hat keine große Rolle gespielt“

Der Anspruch des Friedenspreises ist es, gesellschaftliche Debatten auszulösen. Darf man die Auszeichnung Laniers als Kommentar zum NSA-Skandal verstehen?

Nein, überhaupt nicht. Das hat bei den Gesprächen des Stiftungsrates keine große Rolle gespielt. Es ging uns um ein noch größeres Thema, um die Möglichkeiten umfassender Datenspeicherung. Das Thema NSA gehört natürlich dazu, es war aber nicht der Anlass – sonst hätten wir ja Edward Snowden auszeichnen müssen.

Seit der Friedenspreis 1950 das erste Mal verliehen wurde, haben sich immer wieder politische Schwerpunkte herauskristallisiert. „Europa im Umbruch“ war das Stichwort der 1990er-Jahre, es folgte das Thema Globalisierung. Beginnt mit Lanier jetzt das Jahrzehnt, in dem Sie Internetkritiker auszeichnen?

Es ist in der Tat ein neues Thema, das wir aufgreifen. Einmal haben wir ein ähnliches Zeichen gesetzt, das war in den 1970er-Jahren, als der Club of Rome mit dem Friedenspreis geehrt wurde. Auch da wurde kein schriftstellerisches Werk ausgezeichnet, sondern eine Anklage beziehungsweise die Erkenntnis, dass dieser Planet ausgeplündert wird, wenn wir weiter so wirtschaften, wie wir es bisher getan haben. Der Preis hat damals eine große Debatte ausgelöst. Einen ähnlichen Impuls haben wir jetzt gesetzt, aber eben auf die digitale Welt bezogen.