Deutsche Wiedervereinigung „Es gibt einen gemeinsamen Erinnerungspool“

Experte für deutsche Zeitgeschichte: Rainer Eckert.
Experte für deutsche Zeitgeschichte: Rainer Eckert. | Foto (Ausschnitt): © Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

Wie haben Ost und West die Teilung erfahren, wie weit ist der Vereinigungsprozess heute? Ein Gespräch mit Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig.

Herr Professor Eckert, ist Deutschland ein Vierteljahrhundert nach der Friedlichen Revolution in der DDR noch immer ein geteiltes Land?

Die Frage kann man so einfach nicht beantworten. Man muss zwischen politischen, wirtschaftlichen und mentalen Faktoren differenzieren. Politisch-institutionell ist Deutschland ein föderaler Einheitsstaat, ohne dass ich Tendenzen sehe, dass sich Teile des Landes abspalten. Es gibt aber weiterhin so gut wie keine genuin ostdeutschen Eliten, wenn man von einigen Mitgliedern der Linkspartei, einigen Einrichtungen, die sich mit der Staatssicherheit beschäftigen, und evangelischen Akademien absieht. Und es gibt deutliche Unterschiede in den Einkommensverhältnissen, Mieten und Renten.

Was ich für den interessantesten Punkt halte, ist die Frage, ob wir uns mental näher gekommen sind. Meine Erfahrung ist, und die wird auch durch aktuelle Studien gestützt, dass der mentale Unterschied zwischen Ost und West nicht geringer, sondern partiell größer wird. Die dritte Generation Ost fragt nach dem Schicksal ihrer Eltern und Großeltern, erfährt etwas über das Leben, das sie gelebt haben und das genauso ernst zu nehmen ist wie das der Menschen in Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein. Da entsteht, noch relativ schwach, aber doch sichtbar, ein neues ostdeutsches Selbstbewusstsein.

Was waren die elementaren Unterschiede in der Teilungserfahrung Ost und West?

Das Interessante war, dass beide Seiten jeweils nach Westen blickten. Die Ostdeutschen auf die Bundesrepublik, die Westdeutschen auf die Vereinigten Staaten. Ihnen erschien der Osten immer fremder. Ein anderer Punkt ist die unterschiedliche Erfahrung mit Demokratie. Im Westen wurde sie durch die Besatzungsmächte oktroyiert, erwies sich aber als Erfolgsmodell. Die Ostdeutschen teilten dagegen die Erfahrung, in der DDR fremdbestimmt zu sein, unter relativ engen, diktatorischen Bedingungen leben zu müssen, wenig reisen zu können und im Lebensstandard gegenüber der Bundesrepublik permanent zurückzufallen.

Das Verbindende hinter den Unterschieden

Gab es hinter den unterschiedlichen Erfahrungshorizonten eine tiefer verankerte gesamtdeutsche Nationalität, an die die Menschen in Ost und West nach der Wiedervereinigung anknüpfen konnten?

Davon bin ich überzeugt. Wir haben eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Geschichte, wenn auch eine zum Teil sehr verbrecherische. Und wir hatten, anders als in anderen geteilten Staaten, immer Kontakt über die Grenzen hinweg – durch die Kirchen und familiäre Beziehungen.

Welche Rolle spielten gemeinsame Sehnsuchtsbilder und Ängste?

Auf jeden Fall teilen wir historische Mythen – angefangen bei Armin dem Cherusker. Es gibt einen gemeinsamen Erinnerungspool, auch an die Verbrechen, die wir begangen haben, die verdrängt und mühsam wieder ans Tageslicht gebracht wurden. Daraus erklärt sich zum Beispiel die Friedenssehnsucht in Deutschland. Wenn wir uns das heutige Land ansehen, dann sehen wir einen weitgehend friedfertigen, entmilitarisierten Staat.

Wie wird heute an die Teilungserfahrung erinnert – etwa im Zeitgeschichtlichen Forum?

Das System der Auseinandersetzung mit den deutschen Diktaturen ist so ausgefeilt wie in keinem anderen Land der Welt. Das gilt für die großen staatlichen Einrichtungen bis hin zu Schülerprogrammen. Es bleiben drei große Fragen offen: Was nehmen die drei Millionen Besucher des Zeitgeschichtlichen Forums aus den Ausstellungen und Veranstaltungen nachhaltig mit? Wie erreichen wir jüngere Generationen? Und gänzlich ungeklärt ist die Frage, wie wir den zunehmenden Anteil von Deutschen mit Migrationshintergrund in diesen deutschen Geschichtsdiskurs einbinden können.

Wie wichtig sind institutionelle Formen der Aufarbeitung wie das Lichtfest Leipzig?

Beim Lichtfest erinnern wir an das Positive, an das, was wir erreicht und mitgebracht haben. Es gibt einen Diskurs zwischen den Generationen, die Enkel werden mitgenommen, die Älteren erzählen, dass sie Angst gehabt haben und wo die Kampfgruppen am Hauptbahnhof standen. Was mich persönlich angeht, so will ich von Freiheitskampf, Zivilcourage und Widerstand erzählen. Ich will diesen Teil der Geschichte als einen wesentlichen Bestandteil deutscher und europäischer Geschichtsidentität voranbringen. Das ist mein Ziel. Wir brauchen sie, damit wir lernen nein zu sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Auch demokratische Gesellschaften können ungerechte oder wenig gerechte Verhältnisse produzieren.

Eine Blaupause für Vereinigungsprozesse weltweit?

Ist die deutsch-deutsche Teilung mit anderen Teilungen wie in Indien oder Korea vergleichbar?

Die Unterschiede sind sehr groß. Die Koreaner zum Beispiel fragen oft nach und wollen für den eigenen Vereinigungsprozess lernen. Aber im Grunde genommen können wir nur von unseren Erfahrungen berichten. Die Bedingungen sind jeweils so unterschiedlich, dass die deutsche Wiedervereinigung keine Blaupause für andere Vereinigungsprozesse sein kann.

Man könnte ja annehmen, dass der Status quo einer Teilung nach ein oder zwei Generationen akzeptiert wird und das Thema Teilung in Vergessenheit gerät. Das ist aber weder in Indien noch in Korea der Fall.

Also ich vor zehn Jahren das erste Mal in Korea war, war mein Eindruck, dass der Vereinigungswille bei den Älteren noch sehr stark, bei den jüngeren Südkoreanern dagegen kaum vorhanden gewesen ist. Die jüngeren Südkoreaner sind stark westlich ausgerichtet. Sie schauen nach den USA. Das ist ihr Westen.
 

Der Historiker und Politikwissenschaftler Professor Dr. Rainer Eckert ist seit 2001 Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig und seit 2006 außerplanmäßiger Professor für politische Wissenschaften an der Universität Leipzig. Er gehört verschiedenen wissenschaftlichen Gremien an, unter anderem dem Stiftungsrat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Im September 2014 veröffentlichte er „Opposition, Widerstand und Revolution. Widerständiges Verhalten in Leipzig im 19. und 20. Jahrhundert“, herausgegeben vom Verein Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.