Yvonne Hofstetter über Big Data „Wir tragen die Wanze in der Hosentasche“

Yvonne Hofstetter
Yvonne Hofstetter | Foto (Ausschnitt): © C. Bertelsmann

Yvonne Hofstetter ist Geschäftsführerin eines Unternehmens, das riesige Datenmengen auswertet. In ihrem Buch „Sie wissen alles“ fordert sie einen besseren Umgang mit der digitalen Revolution.

Frau Hofstetter, „Big Data konfrontiert den Einzelnen mit Geschäftsmodellen, die unseren demokratischen Gesellschaftsentwurf, unsere Grundrechte und die Natur des Menschen infrage stellen.“ Dieser Satz aus Ihrem Buch umreißt, wie kritisch Sie den Aufstieg von Big-Data-Technologien sehen. Was ist Big Data?

Big Data ist ein Marketingbegriff für Services rund um die Erfassung, Speicherung und Weiterverarbeitung riesiger Datenmengen. Doch dahinter verbergen sich Technologien der Künstlichen Intelligenz zur Analyse, Prognose und Steuerung. Diese Technologien sind nicht neu, vor 20 Jahren hat man sie im Militär entwickelt, dort nannte man das „Multi-Sensor-Datenfusion“. Viele Sensoren sammeln aus den verschiedensten Quellen Daten, im Militär sind das zum Beispiel das gesprochene Wort, Bilder oder Funkwellen. Und aus diesen verschiedenen Daten erstellt man im zweiten Schritt eine Situationsanalyse: Wie ist die militärische Lage?

Und jetzt werden diese Technologien auf unsere persönliche Lebenslage angewandt?

Ja, auch wir liefern aus ganz verschiedenen Sensoren viele Daten über unser Leben. Aus diesen Rohdaten werden mit denselben Technologien Lageanalysen erstellt, zum Beispiel zu der Frage: Wie sieht es mit meiner Finanzlage aus?

„Manipulation als Geschäftsmodell“

Drehen sich darum die Geschäftsmodelle, von denen Sie im eingangs zitierten Satz schreiben?

Genau darum: ums Abhören, ums Analysieren, ums Prognostizieren und ums Manipulieren. Unsere Smartphones, unsere Tablet-PCs sind absichtlich so gebaut, dass sie genau diese Geschäftsmodelle unterstützen. Wir tragen eigentlich die Wanze in der Hosentasche. Es geht wirklich darum, unsere persönlichen Daten abzugreifen. Zu diesem Zweck werden die Dinge um uns herum mit Sensorik ausgestattet. Denken Sie an die Mauer, die vor 25 Jahren gefallen ist. Damals hat die DDR unter der Mauer im Boden Messgeräte verankert, Sensoren, um festzustellen, ob sich jemand durchgräbt. Wegen solcher Dinge reden wir von der DDR als Unrechtsstaat, aber heute ist es ganz normal, dass Internetgiganten uns entsprechende Geräte unterjubeln.

Im Fall von Sensoren an der Mauer sind sich wahrscheinlich alle einig: Die dienten einem üblen Zweck, nämlich der Freiheitsberaubung und Unterdrückung. Aber wenn ich lediglich auf Facebook poste, dass ich gerade meine Verlobung gelöst habe …

Ganz schlecht für Ihre Kreditwürdigkeit! Wenn Sie sich gerade entlobt haben, dann wird Ihre Bank in Zukunft sagen: „Oh, die Frau ist unzuverlässig, das soziale Netzwerk um sie herum hält nicht, also erhält sie keinen Kredit.“ Das kann Ihre Zukunft ruinieren.

Ist das jetzt schon so oder ist das ein Zukunftsszenario?

Das ist jetzt schon so. Die Bank Coutts in Großbritannien macht heute, was vor 15 Jahren nur die Polizei bei uns durfte, nämlich Netzwerkanalyse: Wer ist mit wem verwandt? Wer ist mit wem befreundet? Und so weiter. Was immer ich über das Internet äußere, wird genommen, ausgewertet und daraus meine Kreditwürdigkeit berechnet. Es hat große Auswirkungen auf meine Zukunft, wenn plötzlich irgendwelche Informationen über mich abgeleitet werden, von denen ich gar nichts weiß …

… und die noch dazu falsch sein können.

Das ist die Problematik fehlender Quellenbewertung. Supergefährlich für die Demokratie. Warum? „Information ist der Schmierstoff der Demokratie“, wie Thomas Jefferson sagte. Wenn Information falsch ist, dann bildet sich auch der Souverän eine falsche Meinung. Aber im Internet wird überhaupt keine Quellenbewertung vorgenommen. Außerdem kann es sein, dass das Modell, das einer Statistik zugrunde liegt, schlecht gemacht ist. Es mag dann zwar keine Berechnungsfehler geben, aber die Information, die herauskommt, ist halt falsch. „Shit in, shit out“, sagen wir in der Programmierung.

„Seid datensparsam“

Was raten Sie Menschen, die sich dem Abgreifen ihrer persönlichen Daten entziehen wollen?

Datensparsam zu sein. Ich persönlich beispielsweise habe mein Smartphone abgeschafft, ich fahre ein altes Auto ohne die neuen Technologien. Ich habe weder einen Facebook-Account noch einen Twitter-Account.

Sie fordern unter anderem das Recht auf Kontrolle über und Gegenleistung für unsere persönlichen Daten. Weil das missachtet wird, rufen Sie zu zivilem Widerstand auf.

Denn wir, die Gesellschaft, sind eine große Macht. Wir sind die andere Hälfte des Kapitalismus – wenn wir uns verweigern, haben die Internetgiganten ein Problem. Im Moment ist es so, dass wir für die Big-Data-Industrie einfach Objekte des Wirtschaftens sind, mit denen man machen kann, was man will. Aber der Mensch kann nicht einfach nur Komponente im System sein. Er ist mehr als das, er ist Schöpfung.

Am Ende Ihres Buchs ist man fast überrascht, dass Sie schreiben: Wir brauchen nicht weniger Technologie.

Ich sage: Wir brauchen nicht weniger, sondern bessere Technologie. Es ist ein Fakt, dass wir mit dieser kulturellen, dieser digitalen Revolution umgehen müssen. Aber die Frage ist: Wie bringen wir sie in ein Gleichgewicht gegenüber den Rechten des Menschen?
 

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen; Bertelsmann, 2014.