Dorothee Wierling im Gespräch Wenn Geschichte erlebbar wird

Dorothee Wierling
Dorothee Wierling | © Bertold Fabricius

Das Online-Archiv Europeana 1914–1918 sammelt persönliche Zeugnisse aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Historikerin Dorothee Wierling hält diesen Ansatz für gewinnbringend, aber auch problematisch.

Frau Wierling, Menschen interessieren sich immer dann besonders für Geschichte, wenn sie anhand von individuellen Schicksalen erzählt wird – seien sie real oder fiktiv. Warum können etwa Fernsehserien wie „Holocaust“ bewirken, was Historiker niemals schaffen?

Weil Einzelschicksale die Möglichkeit bieten, sich in jemanden hineinzudenken. Eine emotionale Beschäftigung mit dem Krieg ist intensiver als eine rein intellektuelle. Es gibt gute Gründe dafür, diesen Ansatz auch als Historiker gelegentlich zu nutzen. Vieles, was in der Wissenschaft getrennt voneinander dargestellt wird, ergibt als persönliche Erfahrung von Menschen ein zusammenhängendes Bild.

War dieser Wunsch nach Ganzheitlichkeit auch der Grund dafür, dass Sie bei Ihrem Buch „Eine Familie im Krieg“ eine radikal subjektive Perspektive gewählt haben?

Derzeit gibt es eine Fülle von Literatur über den Ersten Weltkrieg. Die Darstellungen betonen meistens entweder dessen militärische, politische oder kulturelle Seite. Wenn man aber zum Beispiel eine Familie ins Zentrum der Darstellung rückt, kann man deutlich machen, wie die militärischen Ereignisse, die politischen Einflüsse, die kulturelle Prägung und die persönlichen Gefühle zusammenwirken. Man versteht besser, warum Menschen im Krieg eine bestimmte Haltung entwickeln. Darin liegt der Erkenntnisgewinn eines solchen Zugangs.

„Ich bin gehalten, meine Quellen kritisch zu sehen“

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich habe lückenlos rekonstruiert, was der junge Kriegsfreiwillige aus meinem Buch zwischen 1914 und 1918 gelesen hat. An der Art, wie er in seinen Briefen diese Lektüre kommentiert, kann ich ein viel dichteres Bild davon entwerfen, was Literatur im Krieg bedeutete, jenseits von Auflagen bestimmter Bücher. Ich stelle aber keine Thesen auf, biete keine Verallgemeinerungen an. Ich erzähle eigentlich selbst eine Geschichte, auch wenn diese Personen tatsächlich gelebt haben.

Ist diese Herangehensweise unter Historikern akzeptiert?

Ich bewege mich damit sicherlich außerhalb der dominierenden Ansätze der Geschichtswissenschaft. Es gibt Historiker, die das als „weiche Geschichte“ ablehnen. Natürlich findet auch in meinem Buch eine gewisse Emotionalisierung und Identifikation statt. Als Wissenschaftlerin bin ich aber gleichzeitig gehalten, meine Quellen kritisch zu hinterfragen.

Der alltagsgeschichtliche Ansatz ist im Gedenkjahr 2014 sehr populär, auch das Online-Archiv Europeana 1914–1918 fußt darauf. Wie ordnen Sie dieses Projekt ein?

Ich halte es für sehr lobenswert, weil es eine Demokratisierung des Zugangs zu historischen Quellen bedeutet. Solche Archive bringen aber auch Probleme mit sich. Sie geben ein Authentizitätsversprechen, das nicht einzuhalten ist. Viele Nutzer sehen sich Bilder oder Tagebücher an und denken, sie hätten einen unmittelbaren Zugang zu den Erfahrungen der jeweiligen Person.

„Riesige Datenmengen, die allein noch keinen Sinn ergeben“

Unterschätzt man die Nutzer nicht, wenn man glaubt, sie hielten das für einen objektiven Einblick?

Man sollte sich einfach der Tatsache bewusst sein, dass wir es hier mit einer riesigen Datenmenge zu tun haben, die für sich genommen noch keinen Sinn ergibt. Die Bedeutung entsteht erst mit der notwendigerweise selektiven Nutzung durch den Einzelnen. Dagegen ist nichts einzuwenden, ich will nur sagen: Wenn Historiker sich mit Alltagszeugnissen beschäftigen – und natürlich kann ein solches Online-Archiv auch für sie nützlich sein – haben sie noch eine zusätzliche Aufgabe, nämlich die der wissenschaftlichen Interpretation.

Europeana 1914–1918 verfolgt einen transnationalen Ansatz. Ist Erinnerung bislang national geprägt?

Unbedingt, das habe ich bei einem Gastaufenthalt in London ganz deutlich gemerkt. In Großbritannien gab es schon in der ersten Jahreshälfte 2014 eine sehr große Medienaufmerksamkeit zum Thema Erster Weltkrieg. In England stehen häufig die positive Leistung, die Opferbereitschaft und der Erfindungsreichtum der einfachen Menschen im Vordergrund. In Deutschland betont man dagegen das Leid, die Not, das Sterben. Die wichtigste Botschaft lautet, dass Krieg etwas Schreckliches ist und vermieden werden sollte. Neben diesen unterschiedlichen nationalen Narrativen sehe ich aber auch ein anderes, eher transnationales Narrativ.

Inwiefern?

Zwischen den europäischen Staaten gibt es heute einen starken Versöhnungsdiskurs. Erbfeindschaft oder Ressentiments, die mit dem Krieg zu tun haben, sind fast überhaupt nicht mehr vorhanden. In den Kriegsdarstellungen in Großbritannien etwa herrscht kein antideutscher Ton. Und auch die Geschichtswissenschaft erlebt eine Entwicklung hin zu einer transnationalen Sichtweise. In Deutschland befassen sich jüngere Historiker inzwischen viel stärker mit den globalen Aspekten deutscher Geschichte.
 

Dorothee Wierling ist stellvertretende Direktorin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und Professorin an der dortigen Universität. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des späten 19. und 20. Jahrhunderts. Sie hat sich intensiv mit Oral History und persönlichen Erinnerungen als historische Quelle befasst. Als Gerda-Henkel-Gastprofessorin forscht Wierling 2013/2014 am Deutschen Historischen Institut in London und lehrt an der London School of Economics.