Forschungsprojekt zu Hartz IV „Wir wissen viel zu wenig über arme Familien“

Leben am Rand der Gesellschaft
Leben am Rand der Gesellschaft | Foto (Ausschnitt): © MNStudio/fotolia

In einem neuen Forschungsprojekt geht es um Eltern und Kinder, die von der staatlichen Grundsicherung Hartz IV leben. Ein Interview mit der Soziologin Simone Kreher.

Frau Kreher, vor etwa zehn Jahren wurde in Deutschland eine Reihe von Arbeitsmarktreformen umgesetzt. Dazu gehörten Änderungen bei der Grundsicherung von Arbeitslosen, dem Arbeitslosengeld-II, umgangssprachlich Hartz IV genannt. Das Thema begegnet uns bis heute fast täglich in den Medien. Wissen wir nicht schon alles über die sogenannten Hartz-IV-Familien?

Im Gegenteil. Wir wissen viel zu wenig darüber, wie arme Familien in Deutschland leben. Wie gelingt das alltägliche Wirtschaften mit knappen Mitteln? Welche Ausgaben sind wichtiger als andere? Für arme Familien ist es zudem eine große Herausforderung, den gestiegenen Erwartungen an den Schulen zu entsprechen. Das Bildungssystem sortiert die Schüler immer früher aus, der Leistungsdruck ist sehr hoch. Kindern und Jugendlichen unter solchen Bedingungen eine positive Zukunftsperspektive zu eröffnen, stellt diese Familien vor besondere Schwierigkeiten. Meines Erachtens wird das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Was ist das Besondere an Ihrem Forschungsprojekt?

Wir gehen davon aus, dass arme Familien in familiensoziologischer, haushaltswissenschaftlicher und sozialrechtlicher Hinsicht noch nicht ausreichend erforscht worden sind. Vor allem werden diese Aspekte bislang kaum in Beziehung zueinander gesetzt. Das Besondere an unserem Projekt ist, dass wir die ganze Familie in ihrem gemeinsamen Lebenszusammenhang betrachten. Wir beobachten, wie die Mitglieder sich gegenseitig beeinflussen und wie das soziale Umfeld auf sie einwirkt. Entscheidungen der Jobcenter zum Beispiel betreffen zunächst einzelne Personen, haben aber immer Auswirkungen auf die gesamte Familie. Außerdem beziehen wir den Blickwinkel der Kinder und Jugendlichen ein. Wir wollen etwas darüber erfahren, wie sie Armut erleben und wie sie diese Erfahrungen mit dem abgleichen, was in der Öffentlichkeit und in der Schule über Armut gesagt wird.

100 Personen aus 30 Familien nehmen an der Studie teil

In welchem Stadium ist das Forschungsprojekt momentan?

Wir beginnen gerade mit unseren Interviews. Unsere Gesprächspartner sind Erwachsene, Kinder und Jugendliche, mit denen wir uns intensiv über ihre Lebenssituation austauschen.

Das Vorhaben ist zunächst auf drei Jahre angelegt. Wie viele Interviews soll es in diesem Zeitraum geben?

Wir wollten insgesamt mit etwa 100 Personen aus rund 30 Familien sprechen. Sie leben an sieben verschiedenen Orten in Deutschland, die unterschiedliche Strukturen aufweisen. Es handelt sich um Großstädte, ländliche Regionen sowie Klein- und Mittelstädte mit jeweils eigenen Arbeitsmärkten und soziokulturellen Bedingungen. Wir gehen davon aus, dass es einen großen Unterschied macht, ob Sie in einer wohlhabenden Gegend in Süddeutschland arm sind oder in einer strukturschwachen Region an der deutsch-polnischen Grenze. Wenn Sie relativ isoliert in einer Umgebung leben, in der alle anderen ausgezeichnet gekleidet sind, häufig ins Kino gehen und von Urlauben erzählen, grenzt das natürlich sehr viel stärker aus, als wenn es vielen Menschen um Sie herum ähnlich geht wie Ihnen selbst.

Viele sind froh, wenn jemand unvoreingenommen zuhört

Was habe ich als Mitglied einer Familie, die von Hartz IV lebt, davon, mich von Ihnen befragen zu lassen?

Viele Hartz IV-Bezieher sind froh, wenn jemand kommt, der sich für ihren Alltag interessiert und unvoreingenommen zuhört. Das zeigen bisherige Erfahrungen. Gerade weil die öffentliche Debatte oft abwertend ist, schaffen persönliche Gespräche Raum, um die eigene Situation darzustellen und über sich selbst nachzudenken – jenseits davon, sich in der Öffentlichkeit präsentieren oder „verkaufen“ zu müssen. Weil die Forschungsergebnisse der Politikberatung dienen, tragen sie außerdem dazu bei, dass Entscheidungsträger sich ein realistisches Bild von der Lebenswirklichkeit der Betroffenen machen können.

Werden sich die Familien nach den intensiven Gesprächen nicht allein gelassen fühlen?

Uns ist wichtig, dass wir die Familien als Forschungspartner wahrnehmen und als kompetente Akteure ansprechen. Darüber hinaus bemühen wir uns, Kontakt zu unterstützenden Einrichtungen zu vermitteln, wenn die Familien das wünschen.
 

Simone Kreher von der Hochschule Fulda leitet das Projekt gemeinsam mit Werner Schneider von der Universität Augsburg und Andreas Hirseland vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Studie „Lebenszusammenhänge in Mehrpersonenbedarfsgemeinschaften“ ist Teil einer Reihe von Forschungsvorhaben, mit denen die Reformen der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland wissenschaftlich begleitet werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) finanziert die Untersuchungen.