Intersektionale Forschung „Deutschland kann noch viel lernen“

Intersektionalität ist ein komplexes Phänomen.
Intersektionalität ist ein komplexes Phänomen. | Foto (Ausschnitt): © laufer_Fotolia

Den Begriff „Intersektionalität“ kennen erst Wenige – doch das Phänomen dürfte vielen bekannt sein: Die Diskriminierung eines Menschen aufgrund mehrerer unterschiedlicher Faktoren. Die Politikwissenschaftlerin Emilia Roig untersucht die Mechanismen und erläutert im Interview die Brisanz des Themas.

Frau Roig, in Ihrer Forschungsarbeit haben Sie sich auf Intersektionalität spezialisiert. Dieses Phänomen beschreibt mehrere unterschiedliche Diskriminierungsformen, denen eine einzige Person ausgesetzt ist. Welche aktuellen Beispiele gibt es?

Ein prominentes Beispiel im deutschen Kontext ist die Situation vieler Frauen. Sie sind aufgrund verschiedener Faktoren Diskriminierungen ausgesetzt: wegen ihres Geschlechts, ihrer Sprache, ihrer Hautfarbe, ihrer Ethnizität, ihrer Herkunft und ihres Einwanderungsstatus. Oft finden die betroffenen Frauen nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt – obwohl die Gleichstellung in Deutschland rechtlich klar verankert ist. Die Benachteiligung dieser Frauen spiegelt sich in der statistischen Zusammensetzung des Arbeitsmarkts wider: Sie sind kaum in den begehrten Positionen, sondern überwiegend in schlecht bezahlten Sektoren vertreten.

Der Widerstand wächst

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass People of Color (PoC) – so der anglo-amerikanische Begriff für Menschen, die gegenüber der Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß gelten – insbesondere aus nichtakademischen Haushalten in Deutschland noch immer erschwerte Bildungschancen haben. Worin sehen Sie die Ursachen für diese andauernde Diskrepanz?

Sie ist größtenteils auf institutionelle und strukturelle Faktoren zurückzuführen, wie etwa die institutionelle Diskriminierung, die vom Bildungssystem gefördert wird. In vielen deutschen Städten ist es zum Beispiel Normalität, dass Kinder, je nach ihrer Herkunft, auf unterschiedliche Schulen gehen. Das hängt zwar auch damit zusammen, dass die Schule meistens möglichst in der Nähe des Wohnorts ist. Trotzdem gibt es bisher kaum Konzepte, die für eine stärkere Durchmischung sorgen. Soziale Ungleichheiten werden oft über Generationen hinweg reproduziert. In Deutschland trauen sich deutlich weniger Menschen, die zur Gruppe der People of Color gehören, ein Studium zu als weiße Deutsche – und schaffen sie es an die Universität, haben sie es oft schwerer als ihre Kommilitonen: Ihre Eltern sind seltener Akademiker und damit steht ihnen oft auch weniger Geld zur Verfügung. Gegen diese soziale Schieflage regt sich aber immer mehr Widerstand, auch aus den privilegierten Teilen der Gesellschaft.

Obwohl es inzwischen auch deutschsprachige wissenschaftliche Publikationen zu Intersektionalität gibt, haben wir den Eindruck, dass der Anteil von Professoren und Professorinnen „of Color“ noch immer sehr gering ist. Woran liegt das?

Viele Menschen in Deutschland glauben immer noch, dass mit der Hautfarbe keine strukturellen Privilegien oder Diskriminierungen einhergehen. Es gebe also keinen Bedarf für mehr Professorinnen und Professoren of Color, es reiche ja aus, dass über das Thema gesprochen werde – so lauten die Argumente. Zudem sei ja die Wissenschaft ohnehin der Neutralität verpflichtet. Manchmal wird sogar behauptet, weiße Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eigneten sich eher für Lehre und Forschung auf diesen Gebieten, da sie objektiver seien. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler of Color werden an den Rand des Wissenschaftsbetriebs gedrängt, wenn sie offen über Rassismus sprechen und sich damit positionieren. Ich denke schon, dass es einen Trend zur Veränderung gibt, aber solange strukturelle Privilegien der weißen Mehrheit in der Wissenschaft nicht anerkannt werden, kann sich eine positive Entwicklung leider nicht durchsetzen.

Kenia geht mit gutem Beispiel voran

Zu Studien- und Arbeitszwecken haben Sie viele verschiedene Länder besucht. Wo wird Intersektionalität am meisten berücksichtigt?

Im Jahr 2007 habe ich in Kenia zum ersten Mal einen konkreten intersektionalen Ansatz in politischer Arbeit erkennen können. Dabei ging es um die Themen Behinderung und Gender. Eine Nicht-Regierungsorganisation, die die Interessen von Menschen mit Behinderung vertritt, machte Frauenrechtsorganisationen darauf aufmerksam, dass die Kategorie „Frau“ nicht inklusiv genug ist. Es wurden daraufhin konkrete Wege vorgeschlagen, um die Interessen von Frauen mit Behinderung in den Mainstream-Frauenrechtsdiskurs in Kenia einzubeziehen. In Europa wird Intersektionalität als „Mehrfachdiskriminierung“ verstanden, was der Komplexität von intersektionalen Prozessen aber nicht gerecht wird.
 

Emilia Roig hat am Centre Marc Bloch (Humboldt-Universität zu Berlin) über das Thema „The development of the private care sector and intersectionalgender equality: comparing France and Germany“ promoviert und Seminare zu den Themen Intersektionalität und Postkoloniale Theorie gehalten. 2012 war sie Gastwissenschaftlerin an der Columbia University in New York.