Deutsch-Polnisches Jugendwerk Wunder mit Zukunft

Begegnungen beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk
Begegnungen beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk | Foto (Ausschnitt): © Pawel Duma/DPJW

Rund 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verbindet Polen und Deutschland wieder eine respektvolle, lebendige Partnerschaft. Dazu trägt auch das Deutsch-Polnische Jugendwerk bei.

Von einem „Wunder“ sprach der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck im Juli 2014, als er in Berlin zusammen mit dem polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski eine Ausstellung eröffnete, die sich mit dem Warschauer Aufstand von 1944 auseinandersetzte. Gauck meinte den Versöhnungsprozess, durch den Polen und Deutsche seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und besonders nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu einer guten Nachbarschaft gefunden haben. Diese Entwicklung ist in der Tat ein Wunder, denn kaum ein anderes Land hat unter der deutschen Aggression so gelitten wie Polen, mit keinem anderen verbanden sich andererseits nach der Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung so schmerzliche Erinnerungen. Heute sind Polen und Deutsche gleichermaßen Bürger Europas. Es gibt einen intensiven kulturellen Austausch und eine große Neugier auf die Kunst und die Sprache des anderen. Und: Man pflegt eine gemeinsame Erinnerungskultur.

Das Wunder dieses Versöhnungsprozesses hat viele Wurzeln, von den frühen Erklärungen polnischer Bischöfe an ihre Amtsbrüder in Deutschland über die Bemühungen einzelner Bürger bis hin zu politischen Initiativen. Bedeutsam war etwa die Gründung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Kreisau-Initiative für grenzüberschreitende Begegnung und Bildungsarbeit oder der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Rationale wirtschaftliche Überlegungen, Hilfe aus Westdeutschland in den 1980er-Jahren und vielleicht sogar das Heimweh vieler Schlesier, Pommern und Ostpreußen und deren Reisen nach nach Polen 1990 mögen ebenfalls zu dem Prozess beigetragen haben. Auch polnische Intellektuelle wie der Historiker und Publizist Władysław Bartoszewski erklärten öffentlich, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und die Zukunft gemeinsam gestalten zu wollen.

Vorbild Deutsch-Französisches Jugendwerk

Das aber hieß: Die nächste Generation musste mitgenommen werden. Sie vollendet das Wunder und darf heute als Normalität betrachten, was die Älteren erarbeitet haben. Gleichzeitig soll sie sich daran erinnern, was die beiden Länder stets verbunden und was sie über lange Zeit getrennt hat. Von daher erschien es selbstverständlich, die polnische und deutsche Jugend zusammenzuführen, zumal es seit 1963 gute Erfahrungen mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk gab. Schon am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde ein Abkommen über den Jugendaustausch unterzeichnet. Am 17. Juni 1991 begründeten die Außenminister Krzysztof Skubiszewski und Hans-Dietrich Genscher in einem weiteren Regierungsabkommen das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW). Standen anfangs das Kennenlernen, das Zuhören und Berichten im Mittelpunkt, haben sich seitdem die Blickwinkel verschoben, von der Frage „Was lernen wir voneinander?“ zu „Was machen wir zusammen?“.

Nach wie vor reisen Schülergruppen in das jeweils andere Land, es gibt zahlreiche bilaterale Projekte, an denen beispielsweise im Jahr 2013 rund 100.000 Jugendliche teilnahmen. Dass solche Begegnungen in den an Polen grenzenden Bundesländern, etwa in Brandenburg und Sachsen, häufiger realisiert werden als anderswo in Deutschland, verwundert nicht. Schon eher erstaunt, dass Polen rund vier Millionen Euro zum Budget des DPJW beiträgt und das doppelt so große Deutschland nur rund fünf Millionen. Wirklich bemerkenswert aber ist, dass das Deutsch-Polnische Jugendwerk heute bis in die Ukraine ausstrahlt, wo Jugendliche von dort eingebunden werden. Seit 2011 gibt es zudem ein neues Schwerpunktprojekt mit dem Namen „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“. Es geht darum, sich gemeinsam zu einem brisanten Thema von weltweiter Aktualität zu engagieren. Das spezifisch Deutsch-Polnische wird eingebettet in das Europäische, mehr noch, in die Idee vom „globalen Dorf“. Während des Weltklimagipfels in Warschau im November 2013 waren Videoclips des Projekts BNE öffentlich zu sehen.

Gelebte, selbstverständliche Realität

Das DPJW bearbeitet damit ein anderes Themenfeld als noch 1989. Aus dem Wunsch nach „guter Nachbarschaft und freundschaftlicher Zusammenarbeit“ und nach der Aussöhnung zwischen Bürgern zweier Länder „im Bewusstsein einer schwierigen und schmerzhaften gemeinsamen Vergangenheit“ ist gelebte, selbstverständliche Realität geworden – schneller, als es erwartet werden konnte und schneller, als sich ähnliche Prozesse zum Beispiel zwischen Deutschland und Großbritannien entwickelten. Doch noch etwas hat sich verändert. Wofür 1989 Regierungsabkommen notwendig waren und 1991 unter Rückgriff auf ein UN-Abkommen von 1947 eine „internationale Organisation“ gegründet werden musste, in der bis heute die Regierungen das Sagen haben, hat man im 21. Jahrhundert funktionierende zivilgesellschaftliche Bewegungen und Netzwerke. Das Vorhaben, die nächste Generation mitzunehmen, ist zweifellos gelungen.