Deutsche Einheit Die Thalbachs – eine deutsch-deutsche Theaterfamilie

Anna, Katharina und Nellie Thalbach (v.l.);
Anna, Katharina und Nellie Thalbach (v.l.); | Foto (Ausschnitt): © Michael Petersohn

Ost-Berlin spielt eine wichtige Rolle im Leben von Katharina Thalbach. Dort begann ihre große Bühnenkarriere, dort kam Tochter Anna zur Welt. Heute arbeiten die beiden zusammen – und auch die nächste Generation ist dabei.

Eigentlich sei es ganz einfach, antwortet Katharina Thalbach, wenn jemand nach ihrer komplizierten Familiengeschichte fragt. Nur eines müsse man wissen: „Wir sind alle Berliner. Und zwar Ost-Berliner, wenn man es genau nimmt.“

Die Frau, die das sagt, stammt aus einer der bekanntesten Theaterfamilien Deutschlands. Ihr Vater Benno Besson war 1949 auf Einladung Bertolt Brechts aus der Schweiz nach Berlin gekommen. Der Schauspieler und Regisseur arbeitete zunächst am Berliner Ensemble, dort lernte er die Schauspielerin Sabine Thalbach kennen. Ihre gemeinsame Tochter Katharina, geboren 1954, gilt heute als Grande Dame des deutschen Schauspiels. Die Liste der Preise, die sie für ihre Auftritte auf Bühnen und vor der Kamera gewonnen hat, ist lang. Höchst erfolgreich ist auch ihre Tochter Anna Thalbach, Jahrgang 1973. Mit der zierlichen Figur und den großen blauen Augen sehen Mutter und Tochter sich so ähnlich, dass sie häufig Verwandte spielen, oder dieselbe Figur in verschiedenen Lebensphasen. Neuerdings ist auf der Bühne auch Enkelin Nellie, Annas Tochter, dabei. Und dann gibt es noch Katharinas Halbbrüder: Pierre Besson, Schauspieler, und Philippe Besson, Regisseur.

Gemeinsamer Auftritt im Theater am Kurfürstendamm

Benno Besson, dem 2006 verstorbenen „Urvater“ dieser Familie, hätte vermutlich gut gefallen, was seine Nachkommen 2014 im Theater am Kurfürstendamm auf die Bühne gebracht haben: Roter Hahn im Biberpelz, nach einem Werk Gerhart Hauptmanns. Die Inszenierung übernahm Philippe, die anderen Familienmitglieder traten auf. Ein Stück von Hauptmann wollten sie spielen, weil man da so schön „berlinern“ könne, sagt Katharina Thalbach. Die Mundart der Stadt pflegt sie mit noch größerer Überzeugung, seit sie 1976 aus Liebe zu ihrem langjährigen Partner Thomas Brasch nach West-Berlin übersiedelte.

Katharina Thalbachs Vater Benno Besson war seinerzeit freiwillig in die DDR gegangen, getragen von der Hoffnung auf ein besseres Gesellschaftssystem. Brechts Berliner Ensemble wurde Thalbachs Kinderstube, mit dem Vater als Regisseur und der Mutter als Schauspielerin. Als Sabine Thalbach 1966 starb, hörte Katharina, damals zwölf Jahre alt, plötzlich auf zu wachsen. Sie wollte wegziehen, zur Großmutter in den Westen. Doch man ließ sie nicht, die Ausreise wurde verweigert.

Thalbach wuchs bei Pflegeeltern auf, Bertolt Brechts Witwe Helene Weigel kümmerte sich um ihre schauspielerische Ausbildung. Bei der Feier zu Weigels 70. Geburtstag lernte Thalbach den Schriftsteller Thomas Brasch kennen. Als einige Jahre später Liedermacher Wolf Biermann „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“ aus der DDR ausgebürgert wurde, protestierten viele seiner Künstlerkollegen und zogen damit den Unmut des Regimes auf sich. Auch Brasch und Thalbach verließen in der Folge die DDR. „Wir sind nicht gerne gegangen, aber wir hatten keine Wahl.“ Sie flohen nachts, zu Thalbachs Großmutter, zu der sie damals nicht durfte, in den Westen, der ihnen fremd geworden war.

Katharinas Tochter Anna war zu jener Zeit drei Jahre alt. Mit sechs begann sie zu schauspielern. Brasch war für sie das, was einem Vater am nächsten kommt. Er starb 2001, doch in der Familie ist er nach wie vor präsent. 2013 lasen Mutter und Tochter gemeinsam aus seinen Gedichten – am Berliner Ensemble, wo sonst.

Kritik an Äußerungen zur DDR

Sieht Katharina Thalbach sich heute wirklich noch als Ost-Berlinerin, nach all den Jahren? Eigentlich nicht, sagt sie, „ich fühle mich in West-Berlin längst viel heimischer als im Ostteil der Stadt.“ Als sie einmal öffentlich sagte, sie sei froh, beim „Experiment DDR“ dabei gewesen zu sein, wurde sie heftig kritisiert. Wiederholt sah sie sich gezwungen, ihre Beziehung zur DDR zu erklären. Sie wolle nichts beschönigen. „Ich habe immer gesagt, dass ich sehr froh bin, dass ich dann gegangen bin.“

Für das Publikum spielt es – 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung – kaum mehr eine Rolle, ob „die Thalbach“ nun am Berliner Ensemble im Ostteil der Stadt auftritt oder tief im Westen, am Theater am Kurfürstendamm. Dort feierte sie 2014 ihren 60. Geburtstag – mit der Hauptmann-Inszenierung als Teil eines Familienfests. Auch privat ist sie heute im Westen verwurzelt, sie lebt im Stadtteil Charlottenburg. Anna und Nellie wohnen im Prenzlauer Berg im früheren Ostteil. Mit dem Osten von damals hat das heutige Szeneviertel allerdings wenig zu tun.

Nellie hat die DDR nicht mehr miterlebt, sie kam erst 1995 zur Welt, sechs Jahre nach dem Mauerfall. Roter Hahn im Biberpelz war nicht die erste Inszenierung, in der sie gemeinsam mit Mutter und Großmutter auftrat. Auch in der Komödie Raub der Sabinerinnen standen sie schon zusammen auf der Bühne. Niemand dränge Nellie, Schauspielerin zu werden, sagt Mutter Anna. Genau wie sie selbst sei Nellie da einfach hineingewachsen. Kein Wunder, bei der Familie.