Erben in Deutschland „Ein Faktor, der uns trennt“

Julia Friedrichs
Julia Friedrichs | Foto (Ausschnitt): © Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

In Deutschland werden jedes Jahr etwa 250 Milliarden Euro vererbt. Die Autorin Julia Friedrichs warnt in ihrem Buch „Wir Erben“ vor einer neuen sozialen Ungerechtigkeit.

Frau Friedrichs, Ihr Buch trägt den Untertitel „Was Geld mit Menschen macht“. Vererbtes Vermögen hat auch Ihren eigenen Freundeskreis verändert – in welcher Hinsicht?

Es hat ihn aufgeteilt, plötzlich und überraschend. Lange Zeit hatte ich den Eindruck, dass die Frage, was man sich leisten konnte, direkt davon abhing, was man verdiente. Mit Anfang 30 zogen viele meiner Freunde auf einmal in teure Eigentumswohnungen. Wenn man sie fragte, wie das ging, sagten sie sehr wenig. Das Geld stammte aus einem Erbe oder einem vorgezogenen Erbe, einer Schenkung. Plötzlich gab es einen Faktor, der uns trennte: das Geld unserer Eltern.

Ein paar größere Wohnzimmer und komfortable Südbalkone im Freundeskreis rechtfertigen aber doch noch keine gesellschaftliche Debatte.

Das Erbe wird entscheidend sein für die Frage, wer in unserer Generation zu Vermögen kommt. Vermögensunterschiede, die in Deutschland ohnehin größer sind als in den meisten anderen Industriestaaten, werden so zementiert. Wenn der Abstand zu groß wird, könnte es irgendwann zu Verwerfungen in der Gesellschaft kommen. Die Jüngeren haben es einfach schwerer, mit eigener Arbeit ein Vermögen zu erlangen. Bei den Erben aus der Mittelschicht fangen die Eltern das auf. Sie finanzieren unbezahlte Praktika oder mietfreies Wohnen – und sorgen so dafür, dass sich die Kinder sicher fühlen, auch wenn der Arbeitsmarkt es vielleicht nicht ist.

„Manche Erben fühlen sich wie gelähmt“

Das klingt erst mal nach einer angenehmen Situation.

Nicht unbedingt. Viele derjenigen, die von Schenkungen profitieren oder mit einem Erbe rechnen können, haben das Gefühl, sie müssten sich für ihre Lebensentscheidungen rechtfertigen. Weil ihr Leben zum Teil eines auf Rechnung der Vorgängergeneration ist, haben sie das Bedürfnis, mit der Auswahl des Jobs, der Wohnung oder auch des Partners keinen Unsinn zu machen. Bei größeren Vermögen ist es oft sogar so, dass sich die Erben wie gelähmt fühlen. Die Eltern haben viel geleistet und verdient, weisen dem Kind aber auch ganz klare Erwartungen zu.

Viele Erben reden nicht gern über ihr ererbtes Vermögen. Auch Zahlen und Fakten zum Thema Erbe in Deutschland gibt es kaum. Woher kommt das?

Das Thema wird weitestgehend tabuisiert, das ist typisch deutsch. Geld gilt als etwas Intimes, über das nicht einmal mit Freunden gesprochen wird, mit denen man sonst alles teilt. Auch innerhalb der Familie wird das Thema Erbe kaum angeschnitten. Erblasser wollen sich häufig nicht mit dem Thema beschäftigen, weil es den eigenen Tod betrifft.

„Wie ein Einkommen ohne Leistung“

In Deutschland gibt es eine Diskussion über eine Erhöhung der Erbschaftssteuer. Ist es aus Ihrer Sicht gerechtfertigt, ein ererbtes Vermögen höher zu besteuern als ein Einkommen?

Die Menschen können das Geld behalten, bis sie sterben, um es mal ganz hart zu sagen. Dann aber findet ja ein Besitzerwechsel hin zur nächsten Generation statt – für diese ist es wie ein Einkommen ohne Leistung. Anders als in Deutschland gibt es in Ländern wie Großbritannien deshalb einen hohen Steuersatz auf ererbtes Vermögen.

Warum brauchen wir die Diskussion über die „Erbengesellschaft“ gerade jetzt?

Alleine im nächsten Jahrzehnt könnten in Deutschland drei Billionen Euro vererbt werden. Darüber müssen wir jetzt reden – bevor das Geld erst einmal wieder verteilt ist.