50 Jahre Kursbuch Die Kritikmaschine

Cover der Zeitschrift Kursbuch
Cover der Zeitschrift Kursbuch | © Murmann Publishers

Das Kursbuch ist eine der wichtigsten intellektuellen Zeitschriften in Deutschland. Es nimmt Politik sowie Gesellschaft in den Blick und leistet seit 50 Jahren einen wichtigen Beitrag als Gegenöffentlichkeit.

Um die Revolution vorzubereiten, muss man nicht am Schießstand trainieren. Manchmal reicht es, wenn man einfach nur viel redet, oder noch besser, viel schreibt und dafür sorgt, dass diese Texte auch gelesen werden. So sah es jedenfalls Hans Magnus Enzensberger, Dichter, Schriftsteller, Redakteur und Multitalent. Im Jahr 1965 gründete er die Zeitschrift Kursbuch. Der Name nimmt Bezug auf die Verzeichnisse von Bus- und Zugfahrplänen in einem bestimmten Gebiet und war mit Bedacht gewählt. „Kursbücher geben keine Richtung vor, sie geben Verbindungen an. Und sie gelten so lange wie diese Verbindungen“, schrieb Hans Magnus Enzensberger. Kursbücher versprechen aber auch eine gewisse Ordnung. Sie zeigen, was möglich sein könnte.   

Das Kursbuch erschien ab 1965 vierteljährlich im Suhrkamp-Verlag und widmete sich jeweils einem Thema: den Studierenden und der Macht zum Beispiel, der Revolution in Lateinamerika oder der Psychiatrie. Dieser Schwerpunkt wurde mit literarischen und essayistischen Texten aufgearbeitet, mit Reportagen, Interviews, Protokollen und Analysen. Schnell avancierte das Kursbuch zur wichtigsten intellektuellen Zeitschrift in Deutschland. In den 1970er-Jahren verkaufte sich jede Ausgabe mehrere Zehntausend Mal. Das Kursbuch war so erfolgreich, weil es tatsächlich eine Gegenöffentlichkeit begründete. Hier stand, was die anderen verschwiegen. Das Kursbuch war politisch links, aber nicht dogmatisch. Es verband die private Lebenswelt und die große Politik und prägte so immer wieder Debatten: von der Diktatur des persischen Schahs und seinen Unterstützern aus dem Westen über die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt bis hin zur antiautoritären Erziehung der Kinder.   

Mosaik deutscher Protestkultur

In den frühen 1960er-Jahren hatte sich Hans Magnus Enzensberger bereits am Projekt einer europäischen Zeitschrift beteiligt, einer „Revue Internationale“, die in drei Sprachen und in drei Ländern – Frankreich, Italien und Deutschland – erscheinen sollte. Das Projekt scheiterte. Der globale Bürger Enzensberger, der es in Deutschland nie lange aushielt und ständig um die Welt reiste, gründete das Kursbuch auch, um den Geist der „revue internationale“ am Leben zu erhalten. Das Kursbuch hat tatsächlich den Deutschen die Welt erklärt und lateinamerikanische Poeten genauso zu Wort kommen lassen wie iranische Demokraten oder vietnamesische Revolutionäre. Bekannte deutschsprachige Autoren schrieben für das Kursbuch, wie etwa Martin Walser, Heiner Müller oder Max Frisch. Fast noch aufregender liest sich die Liste der internationalen Autoren: Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre, Frantz Fanon, Bertrand Russell, Michel Foucault, Noam Chomsky. 
 

Legt man die bisher erschienenen Bände nebeneinander, erhält man ein Mosaik aus 50 Jahren deutscher Protestkultur: die Euphorie und die Selbstsicherheit der 1960er-Jahre, die Zweifel in den späten 1970er-, die Angst in den 1980er-, der Rückzug ins Private in den 1990er-Jahren. Zur Jahrtausendwende wurde das Kursbuch vorübergehend weniger intellektuell, man versuchte sich an kürzeren Artikeln und einer journalistischeren Herangehensweise. Nach einigen Verlagswechseln hat das Kursbuch seit 2012 im Hamburger Murmann Verlag eine neue Heimat gefunden. Neue Herausgeber sind der Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi und der Publizist Peter Felixberger. Zum 50. Geburtstag im Jahr 2015 feierte das Kursbuch nicht nostalgisch sich selbst und die gute alte Zeit. Es ging nicht darum, zurückzublicken. Es ging darum, nach vorne zu sehen. Auf dem Cover des Jubiläumshefts stand die Frage: „Das Kursbuch. Wozu?“ Diese Frage hat Tradition: Jede Kursbuch-Ausgabe muss immer wieder aufs Neue beantworten, was Kritik heute überhaupt noch leisten kann. Sind lange Vorträge, komplizierte Texte in Zeiten von Blogs und Livetickern überhaupt noch die richtige Form? Ist das Konzept der Zeitschrift nicht hoffnungslos überholt? Oder ist es genau umgekehrt? 

Gelassenheit statt Gleichgültigkeit

Man empört sich heute schnell und bildet sich in Millisekunden eine Meinung. Da hilft die Ruhe, die ein 20-seitiger Text ganz automatisch vermittelt, da hilft der distanzierte Blick und ein wenig Gelassenheit, die ganz bestimmt nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist. Eine solche Haltung vermittelt beispielsweise das Kursbuch zum Thema „Flüchten“ aus dem Herbst 2015, das mit annähernd 10.000 verkauften Heften das erfolgreichste der vergangenen Jahre war. Es zeigte, dass große Wanderungsbewegungen historische Normalität sind und eben gerade nicht einem Ausnahmezustand entsprechen.
 
Das Kursbuch versucht, ganz verschiedene Perspektiven auf die Gesellschaft zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, ganz unterschiedliche Stimmen aus der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik und der Kunst sprechen zu lassen. Es bietet in diesem Sinne immer noch eine Gegenöffentlichkeit, einen anderen, einen schrägen Blick auf die Gesellschaft. Manchmal gehört dazu auch, linke Selbstgewissheiten zu hinterfragen. Sind Asymmetrien beispielsweise in Bezug auf Macht und Wissen – etwa zwischen Arzt und Patient, Eltern und Kindern – immer etwas Schlimmes? Ist nicht die klassische Kapitalismuskritik womöglich sogar eine Verharmlosung, weil sie so tut, als könne man die Wirtschaft und die ganze Gesellschaft zentral steuern, wenn man es nur wirklich wollte? Das Kursbuch mag etwas altmodisch aussehen, ganz bewusst wurde das Cover-Layout von 1965 weitgehend beibehalten. Es ist mitunter fordernd, anstrengend oder irritierend. Und womöglich aktueller denn je.
 

Kursbuch und Goethe-Institut verstehen sich als Orte für gesellschaftliche Kritik und Diskurse. Gemeinsam laden die Kursbuch-Redaktion und das Goethe-Institut deshalb 2016 zur globalen Veranstaltungsreihe „Kritikmaschine“ ein. Autor/-innen des Kursbuchs und Intellektuelle des jeweiligen Gastlandes thematisieren dabei, was die Öffentlichkeit in Deutschland und in diesen Ländern umtreibt. Unter anderem spricht der Soziologe Armin Nassehi über Kritik, die Journalistin Meredith Haaf über den neuen Feminismus, der Architekt Friedrich von Borries über politisches Design und die Historikerin Sabine Donauer über Arbeit in der digitalen Gesellschaft.