Stimmen zum Brexit Paul Dujardin: „Ein harter Schlag für den europäischen Gedanken“

Paul Dujardin
Paul Dujardin | Foto (Ausschnitt): © Stephen Papandropoulos

Wir haben Vertreter einiger europäischer Kultureinrichtungen zum Brexit befragt. Für Paul Dujardin, Generaldirektor und künstlerischer Leiter des Palais des Beaux-Arts in Brüssel, zeigt sich nach dem Brexit-Referendum die Notwendigkeit, die Menschen in Europa mehr einzubeziehen.

Herr Dujardin, wie haben Sie das Ergebnis des Brexit-Referendums am 24. Juni 2016 aufgenommen?

Mit Bedauern. Es ist ein harter wirtschaftlicher, politischer, kultureller und symbolischer Schlag für den europäischen Gedanken. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt das Projekt Europa einen derartigen Rückschlag. Und auch das „britische“ Projekt steht nun durch die demokratische Entscheidung der Bürger dieses Landes auf dem Prüfstand. Die Situation kristallisiert auf gewisse Weise die soziale Teilung und Polarisierung unserer Gesellschaften heraus, in denen sich diejenigen, die nicht partizipieren können, ausgeschlossen fühlen. Frustration führt zu Ablehnung und Vereinfachung. Diese Gleichung ist simpel und offenbart daher die Notwendigkeit, die Menschen in Europa mehr einzubeziehen. Das ist es, was die derzeitigen europäischen und nationalen Führungseliten in ihren jeweiligen Narrativen vermutlich nicht zu adressieren vermochten.

Das Ergebnis hat einem ungewissen Weg die Tür geöffnet. Es könnte andere Mitgliedsstaaten dazu verleiten, selbst ein Referendum zu organisieren, aber paradoxerweise auch zu einem tieferen Zusammenwachsen auf europäischer Ebene einer Kerngruppe von Staaten führen. Das bleibt jedoch abzuwarten.

Wie würden Sie die allgemeine Reaktion in Brüssel und Belgien einschätzen?

Wir alle sind am Freitag (24. Juni 2016) in einer fürchterlichen Katerstimmung und mit dem Gefühl aufgewacht, ein Mitglied unserer Familie verloren zu haben. Ich würde behaupten, dass dies der Grundtenor unter den Kulturschaffenden in Belgien, aber auch anderenorts in Europa ist.

Welche Änderungen erwarten Sie „nach dem Brexit“ für Ihre Arbeit als Generaldirektor des BOZAR und als einem wichtigen Akteur in europäischen Kunstnetzwerken?

Großbritannien mag sich von dem politischen Vorhaben der Europäischen Union abwenden. Doch ich kann nicht glauben, dass es dem gemeinsamen Kulturraum Europa einfach den Rücken kehrt. Großbritannien ist Mitglied des Europarates und hält sich an dessen Werte und Konventionen, zu denen auch Vereinbarungen wie das Europäische Kulturabkommen von 1954 gehören, die den kulturellen Austausch auf unserem Kontinent fördern. Britische Künstler, Festivals und Kunstzentren gehören zu den inspirierendsten, dynamischsten und lebendigsten auf der Welt. Wir sind täglich miteinander in Kontakt und führen gemeinsame Projekte durch. Unsere Ausstellungen entstehen oft in Zusammenarbeit mit britischen Museen und Galerien, und ich kann mir keine musikalische Spielzeit am BOZAR ohne Orchester, Musiker oder Dirigenten aus Großbritannien vorstellen, wie Sir Simon Rattle, der vor ein paar Monaten bei uns gastierte.

Nun liegt es in der Verantwortung unserer Organisationen, die Zusammenarbeit mit unseren britischen Kollegen weiterzuführen, und ich hoffe, dass EU-Rahmenprogramme wie Kreatives Europa oder Horizont 2020 auch weiterhin britischen Künstlern und Wissenschaftlern offenstehen. Großbritannien könnte in einer Reihe mit Ländern wie Norwegen, Island, der Türkei oder den Balkanstaaten stehen, die mit Einschränkungen bereits von dem Förderprogramm Kreatives Europa profitieren. Aber Sie können versichert sein, dass BOZAR mehr als je zuvor britische Kollegen zu einer Mitarbeit an europäischen Projekten animieren wird.

Wie sollten Ihrer Meinung nach nationale Kulturinstitutionen wie das Goethe-Institut und das British Council mit dem Ergebnis des Brexit-Referendums umgehen?

Sie müssen ihre Aktionen direkt mit den Bürgern – den jungen und älteren Generationen – weiterführen, an der Basis, in ländlichen Regionen, in den Mitgliedsstaaten, Hand in Hand mit lokalen Organisationen. Dabei sollten Länder mit stark ausgeprägter Europhobie besonders in den Fokus rücken.

Der Ausgang des Referendums zeigt auch die Notwendigkeit, dass Kulturorganisationen mit vereinten Kräften auftreten und mit einer Stimme sprechen müssen, aber gleichzeitig die Anliegen der Menschen vor Ort ernst nehmen und ihnen Gehör schenken sollten. Künstler können hierbei unterstützend wirken, indem sie den Menschen helfen, ihre Ansichten zu formulieren, indem sie kritisches Denken anstoßen und Empathie für das „Andere“ erwecken. 

Und schließlich sollten nationale Kulturinstitutionen weiterhin gemeinsam darum bemüht sein, kulturelle Diplomatie innerhalb der auswärtigen Beziehungen Europas zu fördern, einschließlich des British Council.
 

Paul Dujardin ist seit 2002 Generaldirektor und künstlerischer Leiter des Palais des Beaux-Arts (BOZAR) in Brüssel. Unter seiner Ägide hat es sich zu einem international anerkannten, multidisziplinären und interdisziplinären Kunstzentrum entwickelt und bietet den Besuchern eine Vielfalt an Veranstaltungen, von Konzerten, Ausstellungen, Film-, Literatur-, Theater- und Tanzvorführungen bis zu Diskussionsrunden und Workshops.

Paul Dujardin vertritt das Palais des Beaux-Arts bei verschiedenen Plattformen wie der European Concert Hall Organisation (ECHO), der International Society for the Performing Arts (ISPA), dem Europäischen Netzwerk für Alte Musik (REMA) und seit September 2010 dem ASEMUS (Asia-Europe Museum Network).