Luther-Dekade Von der Freiheit zur Musik

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„Die Lutherdekade bekommt jetzt Flügel“, sagt Stefan Rhein, Leiter der Geschäftsstelle Luther2017. Das Bild zeigt einen Ausschnitt des Logos der Veranstaltungsreihe | Foto (Ausschnitt): © Luther2017

In acht Themenjahren nähert sich die Lutherdekade dem 500. Reformationsjubiläum 2017 an. 2011 stand unter dem Leitbegriff „Freiheit“, 2012 widmete sich der Musik. Die Aktualität Martin Luthers zeigt sich dabei mal streitbar, mal sehr sinnlich.

„Es gibt öffentlichkeitswirksamere und nachdenkliche Lutherjahre“, sagt Stefan Rhein, Direktor der Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und Leiter der Geschäftsstelle Luther2017. Das Jahr 2011 mit seinem Motto „Freiheit“ rechnet er eindeutig der zweiten Gruppe zu.

Allerdings gab es einige große Ereignisse: Anfang März 2011 tagte das Auswärtige Amt in Wittenberg und lud protestantische, katholische und muslimische Referenten zum Thema Freiheit ein. Im Juni präsentierte sich die Lutherdekade auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden mit einem gemeinsam von kirchlicher und staatlicher Seite und von der Tourismuswirtschaft gestalteten Forum. Im September besuchte Papst Benedikt XVI. das Kloster in Erfurt, in dem Luther gelebt hatte – ein Termin, der ohne die Reformations-Dekade sicher nicht zustande gekommen wäre. Aber meist fand das Themenjahr auf kleinerer Ebene statt: in Kirchengemeinden, auf Tagungen, bei Schreibwerkstätten für Schüler.

Welche Freiheit ist gemeint?

Logo der Lutherdekade Logo der Lutherdekade | © Luther2017 Obwohl Freiheit ein Grundwort Luthers und eines der Gegenwart ist, hat die Aktualisierung Luthers bei diesem Thema ihre Tücken. Darauf wies etwa Robert Leicht, früherer Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit und langjähriges Mitglied evangelischer Synoden, hin. In einem Artikel zur Lutherdekade erklärte er, dass Luthers Freiheit eines Christenmenschen – eine Grundschrift des Reformators – keineswegs die individuelle und politische Freiheit der Aufklärung meine. Tatsächlich hat Luther auch eine Schrift Über den unfreien Willen verfasst, in der er sich heftig vom frühen Humanismus eines Erasmus von Rotterdam absetzte. Dennoch versucht die Lutherdekade schon auf ihren Internetseiten einen Bogen zu schlagen von der Intention des Reformators zur modernen Gewissensfreiheit.

Der Theologe Gerhard Sauter, ein Lutherkenner, der 2011 eine theologische Anthropologie veröffentlicht hat, ist eher skeptisch gegenüber solchen Aktualisierungen und auch gegenüber der plakativen Titulierung der evangelischen Kirche als „Kirche der Freiheit“: Das würde allzu leicht als bloße Freiheit von Traditionen und Bindungen missverstanden.

„Luther hat nicht von der Freiheit gesprochen, die ein Mensch hat, sondern von einer Befreiung, die ihm geschieht“, sagt Sauter: „Gott befreit den Menschen von einer selbstverschuldeten Verkrümmung in sich selbst, wie Luther die Sünde nennt.“ Aus sich selbst gelinge dem Menschen diese Befreiung aus seiner Egozentrik nicht. Ausgerechnet ein moderner Naturwissenschaftler, der Philosoph und Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, habe deshalb nicht die Freiheit, sondern diese Erkenntnis der Unfreiheit des Menschen für die zentrale Einsicht des Reformators gehalten: eine Einsicht, die der Moderne einen kritischen Spiegel vorhält.

Befreiung von sich selbst und zur Verantwortung

Kann sich die moderne Gewissensfreiheit auf Luther berufen? „Nur in gewisser Weise“, sagt Professor Sauter. „Wenn Luther vor dem Reichstag in Worms sagt: ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders‘, dann beruft er sich gerade auf sein an das Wort Gottes gebundene, verpflichtete Gewissen.“ Das könne allerdings auch keine Kirche und kein Staat bezwingen. Deshalb ist die moderne Gewissens- und Religionsfreiheit für Sauter gewissermaßen eine Folge und Nebenwirkung der Reformation: Von Gott befreit zu sein, zu glauben und sich dem Nächsten zuzuwenden, sei das Freiheitserlebnis, das Luther meinte.

Bei dieser Wendung zum Mitmenschen setzt auch Stefan Rhein an. Er hält die Aktualisierung von Luthers Freiheitsverständnis für legitim, wenn es um die soziale Verantwortung geht. „Freiheit ist auch Verantwortung für den anderen und führt zum sozialen Engagement. Das ist modern und gut lutherisch zugleich.“

„Hilfe, sie singen alle!“

2012 erwartet Rhein eine weitaus größere öffentliche Resonanz. „Die Lutherdekade bekommt jetzt Flügel“, freut er sich und weist vor allem darauf hin, dass das Reformationsjubiläum nun verstärkt von einem mitteldeutschen zu einem gesamtdeutschen Geschehen werde. Als Klammer dient das Thema der Musik.

Den Auftakt zum Themenjahr machte Eisenach, eine Stadt, in der sowohl Luther als auch Johann Sebastian Bach wirkten. Leipzig bringt das 800-jährige Bestehen des Thomanerchores in das Themenjahr ein. Unter dem Motto „366 plus 1“ werden musikalische Veranstaltungen quer durch die Republik organisiert. Es werden Kompositions- und Bandwettbewerbe ausgeschrieben, durch die Luthers Kirchenmusik modern variiert erklingen soll. „Es wird beides geben: Hochkultur und Mitmusizieren“, sagt Stefan Rhein.

Tatsächlich war die Reformation auch ein musikalisches Ereignis. Luther selbst spielte Laute und komponierte zahlreiche Lieder. Deutschsprachiger Gesang wurde zum Merkmal der reformatorischen Bewegung – die Protestanten protestierten singend. In Lemgo etwa sollen Katholiken den Übergang einer Gemeinde zum Luthertum daran erkannt haben. „Hilfe, sie singen alle!“, habe einer ausgerufen. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Kirchenspaltung inzwischen überwunden: Die Katholiken singen längst mit.