Meinung Thomas Brussig über Freiheit

Freiheit
Freiheit | Foto (Ausschnitt): © Visions-AD/Fotolia

Autoren und Vertreter des öffentlichen Lebens schreiben für goethe.de/kultur persönliche Beiträge über einen Begriff, der ihr Leben prägt. Thomas Brussig wuchs in der DDR auf. Er findet: Eine freie Gesellschaft bringt nicht automatisch freie Menschen hervor.

Auf YouTube finden sich zahllose Filmchen von Menschen, die aus einem Flugzeug springen und im freien Fall der Erde entgegenrasen – lachend, schreiend, juchzend, winkend. Es ist der Kick, den sie erleben, den sie sich etwas kosten lassen, und über den sie sich auch identifizieren. Warum sonst der Film und die Veröffentlichung?
 
Obwohl ich nie aus einem Flugzeug sprang, kenne ich den Kick. Nämlich von einer Demonstration, die nicht genehmigt war, zu einer Zeit, als illegales Demonstrieren wie ein Staatsverbrechen behandelt wurde. Die Demo, auf der ich den Kick erlebte, fand am Nationalfeiertag statt, was die Obrigkeit noch mehr zu reizen drohte. ‚Es wird heute weh tun’, dachte ich vorher. ‚Vielleicht werde ich von einer Kugel getroffen, vielleicht zusammengeschlagen. Aber ich will nicht mehr so leben.’ Als ich die Wohnung verließ, wusste ich nicht, ob und wann ich sie je wieder betrete. 

„Ein oft missbrauchter Begriff“

Thomas Brussig Thomas Brussig | Foto (Ausschnitt): © Vincent Eisfeld/vincent-eisfeld.de/CC-BY-SA-4.0 Doch als ich inmitten der vielleicht 3.000 Menschen auf der Straße lief, fing ich nach einer gewissen Zeit an, mich zu benehmen, als sei ich gerade aus dem Flugzeug gesprungen: Ich lachte, schrie, juchzte und winkte. Den anderen ging es wie mir, denn sie taten dasselbe, und die Anwesenheit der anderen Demonstranten verschaffte mir die gleiche Sicherheit, die ein Fallschirmspringer durch den Fallschirm auf seinem Rücken verspürt. So viel zum Kick. Aber dass ich Freiheit erleben kann, indem ich sie einfordere, laut und unübersehbar und gemeinsam mit anderen, das war mir neu.
 
In politischen Debatten appelliert wohl kein anderer Begriff so stark an das Gefühl, wie der Begriff Freiheit. „Wir brauchen die Freiheit wie die Luft zum Atmen!“, rufen die Revolutionäre, oder: „Lieber stehend sterben, als auf Knien leben!“ Überall und zu allen Zeiten sind sich die Menschen darin einig gewesen, dass Glück ohne Freiheit unmöglich ist. Insofern sind die Gefühlsaufwallungen, die dieser Begriff auslöst, nur verständlich. Doch Freiheit ist auch ein oft missbrauchter Begriff. Jeder Despot verheißt Freiheit, und auch Angriffskriege werden im Namen der Freiheit geführt. Dass sich der Freiheitsbegriff trotz des häufigen Missbrauchs nicht verschlissen hat, sondern sein Strahlen behält, liegt an seinem wahrhaftigen Kern. Für das Versprechen der Freiheit riskieren Menschen den Tod, gehen in ein unbekanntes Land oder beginnen ein neues Leben. Wer den Begriff Freiheit hört, weiß sofort, was er damit meint. Nur: Jeder meint damit etwas anderes.

„Nur Romane können Freiheit beschreiben“

Während viele US-Amerikaner mit Freiheit auch meinen, Waffen tragen zu können (und diesbezügliche Einschränkungen mit Freiheitsbeschneidung gleichsetzen), jagt den meisten Deutschen die Vorstellung einer allgemeinen Legalisierung von Waffen nur Angst ein: Drohende Waffengewalt macht den Alltag nicht freier, sondern unfreier. Unvereinbare Standpunkte werden im Namen der Freiheit verteidigt.
 
Die Freiheit, die in den Traktaten der Philosophen abgeklopft wird, ist eine andere als die, die von den Barrikadenkämpfen hinausgeschrien, auf der Kinoleinwand gezeigt oder in einem Popsong besungen wird. Als Schriftsteller sage ich, dass eigentlich nur Romane in der Lage sind, Freiheit zu beschreiben. Wenn sich Philosophen mit Freiheit befassen, dann fehlt ihren klugen Gedanken das inspirierende, ja irrationale Element, das im Freiheitsbegriff schlummert. Der Revolutionär benutzt eine Sehnsucht, um eine Gefolgschaft zu binden. Der Kinofilm und der Popsong wollen Kasse machen und präsentieren Freiheit als Erlebnis.
 
Als ich auf jener Demo meinen Kick erlebte, glaubte ich tatsächlich, dass ich nur in einer freien Gesellschaft leben müsse, um frei zu sein. Was für ein Missverständnis! Keineswegs bringt eine freie Gesellschaft automatisch freie Menschen hervor. Ebenso ist es ein Irrtum, dass in einer Diktatur Freiheit unmöglich ist. Das Leben in Freiheit zu suchen und zu behaupten – dieser Aufgabe kann man sich jederzeit stellen. Selbst in den Konzentrationslagern der Nazis gab es Freiheiten, die die Häftlinge verteidigen konnten – so zumindest beschreibt es der Psychologe Viktor Frankl, der drei Jahre im KZ überlebte und der in seinem Buch „… und trotzdem Ja zum Leben sagen“ davon schrieb, dass den Häftlingen zwar fast alles genommen werden konnte, „aber nicht die letzte menschliche Freiheit, sich so oder so auf die Verhältnisse einzustellen.“
 
Natürlich ist Freiheit in freien Gesellschaften einfacher machbar als in unfreien, mit Geld einfacher als mittellos. Es gibt tausend Ausreden, sich vor der Aufgabe zu drücken. Aber der an Hauswände gesprühte Slogan „Wer die Freiheit nicht sucht, kommt in ihr um“ ist vermutlich wahr.

 

Thomas Brussig

wurde 1964 in Ost-Berlin geboren. Sein erster erfolgreicher Roman war „Helden wie wir“ (1995). Sein Buch „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ (1999) wurde von Leander Haußmann erfolgreich verfilmt. Brussigs Werke sind in 30 Sprachen übersetzt.

 

Autoren und Vertreter des öffentlichen Lebens schreiben für goethe.de/kultur persönliche Beiträge über einen Begriff, der ihr Leben prägt.

Armut Foto (Ausschnitt): © perfectlab/Fotolia Christoph Butterwegge über Armut
Der Armutsforscher Christoph Butterwegge findet: Armut entsteht nicht trotz, sondern durch Reichtum.



Solidarität Foto: © ImagineGolf/iStock Monika Hauser über Solidarität
Die Frauenrechtsaktivistin Monika Hauser findet: Solidarität als zivilgesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist vielen Menschen abhanden gekommen.