Meinung Monika Hauser über Solidarität

Solidarität
Solidarität | Foto: © ImagineGolf/iStock

Autoren und Vertreter des öffentlichen Lebens schreiben für goethe.de/kultur persönliche Beiträge über einen Begriff, der ihr Leben prägt. Die Frauenrechtsaktivistin Monika Hauser findet: Solidarität als zivilgesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist vielen Menschen abhanden gekommen.
 

Bei meiner Reise in den Nordirak habe ich eine beeindruckende Solidarität erlebt. Die Kurden und Kurdinnen dort haben ihre Häuser für die Hunderttausenden Menschen geöffnet, die vor dem Terror des „Islamischen Staates“ und anderer Rebellengruppen geflohen sind. In Dohuk gibt es viele Familien, die selber nicht besonders wohlhabend sind, ohnehin beengt leben und dennoch zahlreiche Geflüchtete in ihrem Haus oder ihrer Garage wohnen lassen. Man rückt zusammen. Diese Menschen haben Solidarität gezeigt. Im reichen Deutschland haben wir ähnlich viele Flüchtlinge aufgenommen und stoßen vermeintlich schon an Grenzen. Dieser Gegensatz zwischen diesen beiden Gesellschaften ist enorm.
 
Empathie und Verbundenheit erlebe ich auch bei Frauenaktivistinnen weltweit. Sie wollen die Gewalt, die ihre Schwestern erleiden, nicht mehr akzeptieren. Dass sie Unterstützung geben, erleben sie als hohe Selbstwirksamkeit, die wiederum große Kraft spendet. Daraus könnte man den Schluss ziehen: Solidarität tut uns selbst gut.

„Solidarität verlernt man nicht“

Monika Hauser Monika Hauser | Foto: © Lena Böhm/medica mondiale Beim Stichwort Solidarität denke ich auch an die jungen Leute, die 2015 am Münchner Hauptbahnhof die Zufluchtsuchenden begrüßt haben. Diese Selbstverständlichkeit des Unterstützens ist leider vielen Menschen abhanden gekommen. Dabei ist doch unser erster Impuls, wenn jemand hinfällt, ihr oder ihm beim Aufstehen zu helfen. Wir verlernen diese Fähigkeit nicht – ich glaube, dass sie weiterhin da ist. Aber offenbar spüren viele Menschen nicht mehr die nötige Kraft, zu handeln und sich selbst zu ermächtigen – und damit solidarisch zu sein.
 
Das Gegenteil von Solidarität ist Egoismus. Um beim Thema Flüchtlinge zu bleiben: Die Dublin-II-Verordnung zeigt, wie Griechenland und Italien auf völlig egoistische Weise allein gelassen werden. Was im Mittelmeer passiert, können wir als empathische Wesen nicht akzeptieren. Wir müssen jeden Tag dagegen aufbegehren. Indem wir das nicht tun, zerstören wir etwas in uns selbst. Es muss ein Paradigmenwechsel her, damit Solidarität als zivilgesellschaftliche Normalität hochgehalten wird. Wir alle fühlen diese Empathie in uns und handeln doch so oft dagegen.

„Ein Gefühl der Ohnmacht“

Anscheinend fällt es Menschen in schwierigen Situationen oft leichter, solidarisch zu sein, als uns im Westen. Viele Fragen und Bedenken, die es im Westen gibt, existieren in den von Not betroffenen Ländern gar nicht. Trotz mangelnder Strukturen – etwa bei der Aufnahme von Geflüchteten – hat man dort eine andere Zuversicht. Warum das so ist, darauf gibt es keine einfachen Antworten.
 
Mangelndes Handeln hat sicher auch mit Ängsten zu tun. Diese Ängste werden stark geschürt von jenen, deren Politik sie nützen. Für viele sind die Zusammenhänge neoliberaler, globaler Entwicklungen nicht erkennbar. Dann geraten sie schnell in diese Fatalität von „Ich kann ja doch nichts ändern“. Sie fühlen sich ohnmächtig. Eine kongolesische Frauenaktivistin mitten im Kriegsgebiet dagegen denkt nicht über Ohnmacht nach, sie handelt einfach. Sie unterstützt die Frauen, die sich in ihrem Dorf gegen Gewalt engagieren, und sagt sich: „Wenn ich dafür umgebracht werde, dann ist es eben so. Immerhin hat mein Leben als Feministin einen Sinn. Eine Alternative dazu gibt es nicht.“
 

Unter dem Eindruck des Bosnienkrieges gründete die Gynäkologin Monika Hauser 1993 eine Hilfsorganisation für vergewaltigte Frauen und Mädchen. In der Folge entstanden weitere, heute selbständige Organisationen in Afghanistan, Kosovo, Albanien, Liberia und – in Kooperation mit Partnern – in Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda, Uganda und im Nordirak. Für ihr Engagement erhielt Hauser unter anderem den Alternativen Nobelpreis.

 
Autoren und Vertreter des öffentlichen Lebens schreiben für goethe.de/kultur persönliche Beiträge über einen Begriff, der ihr Leben prägt.

Armut Foto (Ausschnitt): © perfectlab/Fotolia

Christoph Butterwegge über Armut
Der Armutsforscher Christoph Butterwegge findet: Armut entsteht nicht trotz, sondern durch Reichtum.


 

Freiheit Foto (Ausschnitt): © Visions-AD/Fotolia

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