Meinung Philipp Ruch über Revolution

Ein Junge vor einer Wandzeichnung von Che bei Venilale im Zentrum von Ost Timor bei Tutuala, Ost Timor.
Die großen Revolutionen tragen junge Menschen noch in sich: Sie haben einen Sinn für Gerechtigkeit. | Foto (Auschnitt): Flüeler © picture alliance / Bildagentur-online

Autoren und Vertreter des öffentlichen Lebens schreiben für goethe.de/kultur persönliche Beiträge über einen Begriff, der ihr Leben prägt. Philipp Ruch ist Gründer des Zentrums für politische Schönheit. Die Initiative organisiert öffentlichkeitswirksame, oft umstrittene Protestaktionen.

Welches Symbol oder welchen Gegenstand ich mit Revolution verbinde? Seitdem wir uns mit den Geschwistern Scholl auseinandersetzen, kann die Antwort nur lauten: Flugblätter. Die Kunst des von uns gegründeten Zentrums für politische Schönheit besteht darin, Beispiele humanistischer Handlungen – Akte von außerordentlicher politischer oder moralischer Schönheit – aus der Vergangenheit zu bergen und in die Gegenwart zu aktualisieren.
 
Wir leben in digitalisierten Zeiten und die Diktatoren dieser Welt erhalten mit Sicherheit wesentlich dreistere Emails als alles, was wir an Flugblättern gegen sie zirkulieren lassen können. Aber nur Flugblätter haben die Wirkung von Unterschallexplosionen in totalitären Staaten. Sie können Revolutionen lostreten. Sie sind die manifestierte Überzeugung, die nicht mit einem Klick aus der Welt zu schaffen ist. Und sie bedrängen stärker und schöner, als jede Email und jeder Tweet.
 
Als die Geschwister Scholl im Dritten Reich ihr Leben aufs Spiel setzten, um durch das Verteilen von Flugblättern an den Humanismus und die Aufklärung zu appellieren, war dies ein zwingender revolutionärer Akt: „Unterstützt die Widerstandsbewegung. Verbreitet die Flugblätter!“, stand unter den Flugblättern der Weißen Rose. Diese Flugblätter rüttelten nicht nur die Bevölkerung wach, sondern verunsicherten ein ganzes Regime.

„Schönes für die Zivilisation tun“

 Wenn man das Wort Schönheit gegen das Wort Politik schlägt, erzeugt man den Funken für eine Revolution. Das ist bis heute so. Es wird auffällig selten von politischer Seite gefragt: Was ist das Schönste, das wir für unsere Zivilisation tun können? Die großen Revolutionen tragen junge Menschen dagegen noch in sich: Sie haben einen Sinn für Gerechtigkeit und fragen, warum wir nichts gegen das massenhafte Sterben an Europas Außengrenzen tun. Es kann keine menschliche oder auch nur vernünftige Antwort auf diese Frage geben. Zumindest keine, ohne die wir das Erbe der Aufklärung verraten.
 
Wenn man mich fragt, was das Gegenteil von Revolution ist, würde ich sagen: Wie das Gegenteil von Liebe Gleichgültigkeit ist, so ist das Gegenteil von Revolution Apathie. Ich glaube außerdem, dass Revolution im Kern für Menschen weltweit dasselbe bedeutet. Das liegt an den Verhältnissen zwischen Staatsbürger und Staat. Die politische Auflehnung, das Sich-als-eins-Erfahren gegen unhaltbare Zustände, die Selbstermächtigung im Sturm auf die Bastille – das sind Revolutionserfahrungen, die für alle Menschen gleich sein dürften.
 

Philipp Ruch studierte politische Philosophie und wurde in politischer Ideengeschichte promoviert. Er organisierte künstlerische Mahn- und Protestaktionen zu den Bürgerkriegen in Bosnien und Syrien sowie zur europäischen Flüchtlingskrise. Er inszenierte unter anderem am Maxim Gorki Theater in Berlin und den Münchner Kammerspielen.

 

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