„Ihr seht uns nicht? Dann ist Euer Netzwerk schlecht!“ - Goethe-Institut
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Frauen in der Spieleindustrie „Ihr seht uns nicht? Dann ist Euer Netzwerk schlecht!“

Die Entwicklung und Programmierung von Computerspielen war einst größtenteils von Männern dominiert. Doch das ändert sich zusehends: Wir haben fünf Frauen aus der Gamesbranche getroffen.

Von Romy König

Jennifer Pankratz Jennifer Pankratz | Foto (Zuschnitt): © Jennifer Pankratz

„Männer und Frauen auf Augenhöhe“

Jennifer Pankratz, Game-Designerin bei Piranha Bytes und zweifache Mutter, erreicht man am besten im Home-Office. Ihre Branche hält sie für ideal für Familienmodelle: Während der Elternzeit zwei halbe Tage im Büro zu arbeiten sei absolut kein Problem. 
 
Knapp die Hälfte der Computerspieler in Deutschland sind Frauen. Ich bin eine davon, vor allem Rollenspiele haben mich immer fasziniert. Über das Spielen bin ich auch in der Gamesbranche gelandet: Für das Spiel Risen suchte das Studio Piranha Bytes einen Tester. Also habe ich ungefähr 30 Mal das Spiel gespielt, Bugs gesucht, diese weitergeleitet und – etwas später – auch selbst Fehler behoben. Damals war ich in dem Studio neben 26 Männern die erste und einzige Entwicklerin. Nach einem Jahr bin ich schließlich in den Story- und Gamedesignbereich gewechselt. „Mansplaining“? „Gender-Gap“? Diese Themen stellen sich für mich nicht. Dass ich eine Frau bin, machte damals wie heute keinen Unterschied in meinem Job, weder für mich noch für meine Kollegen. Das ist auch sicher die DNA der deutschen Gamesbranche: Jeder wird geachtet, egal sind Herkunft, Nationalität und ja – auch Geschlecht. Deswegen sage ich: Frauen, kommt her, die Türen stehen weit offen.

Jana Reinhardt Jana Reinhardt | Foto (Zuschnitt): © Jana Reinhardt

„Ihr seht uns nicht? Dann ist Euer Netzwerk schlecht!“

Jana Reinhardt ist selbständige Spieledesignerin und -entwicklerin und führt gemeinsam mit ihrem Partner Friedrich Hanisch das Entwicklerstudio Rat King Entertainment in Halle. Ihren Diversity-Tumblr mit Portraits von Games-Frauen hat sie mittlerweile eingestellt.
 
Klischee pur – das könnte denken, wer sich die Aufgabenverteilung meines Geschäftspartners und mir anschaut: Er, der Programmierer, der 3D-Modelle baut und sich Gedanken um Level Design und Script macht; und ich, die ich mich um Gamedesign, Grafik, Illustrationen und Animationen kümmere. Der Mann für die Bytes, die Frau fürs Bunte. Das ist wahrlich keine Rollenstruktur, die ich grundsätzlich befürworte: Es hat mich lange gewurmt, dass es so wenige – oder so wenig sichtbare – Entwicklerinnen in der Branche gibt, so wenig Programmiererinnen, Sound-Designerinnen. Noch vor sieben Jahren, als wir unser Studio Rat King gründeten, war ich eine von ganz wenigen Frauen auf den Gameskonferenzen. Wo seid ihr alle, habe ich mich gefragt, und eine Diversity-Liste mit dem Titel Video Game Niñjas gestartet: Auf einer Tumblr-Seite habe ich Frauen vorgestellt, die weltweit die Gamesbranche bereichern. Mittlerweile hat sich das Bild etwas gewandelt, Frauen trauen sich öfter nach vorn, zeigen sich auf Events und unterstützen sich gegenseitig. Heute sage ich jedem: Frauen, sie sind da. Und wenn Du sie nicht wahrnimmst – dann ist einfach Dein Netzwerk zu flach. Die Diversity-Liste jedenfalls führe ich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr.

Melanie Taylor Melanie Taylor | Foto (Zuschnitt): © Melanie Taylor

„Frauen können neue Gamesideen in den Fokus rücken“

Melanie Taylor gründete 2014 das Hamburger Entwicklerstudio Osmotic Studios. Mittlerweile ist die studierte Grafikdesignerin nach Australien ausgewandert und arbeitet von dort aus als Beraterin für die deutsche Indie-Games-Branche.
 
Dieses Vorurteil, dass es Frauen schwer falle, technische Probleme zu lösen oder Produkte zu entwerfen, ist in Deutschland kulturell stark verankert. Das ist in Australien anders. Aber auch in Deutschland sieht man Frauen immer häufiger in den produktnahen und technischen Bereichen: Unsere erste Praktikantin 2016 war zum Beispiel Informatikstudentin und hatte schon eigene Games entwickelt. Unsere Branche hat es bitter nötig. Bisher wurde viel Potenzial verschenkt, indem immer gleiche Spielmechaniken, Charaktere und Settings verwendet wurden. Der weibliche Zuwachs kann sowohl die Branche als auch die Spiele bereichern: Neue Ideen und neue Themen könnten in den Fokus rücken. Mir hat in meiner Laufbahn geholfen, dass schon in meinem Studienjahrgang drei von neun Kommilitonen weiblich waren. Als ich anschließend mit zwei Kommilitonen Osmotic Studios gegründet habe, hatte ich stets das Gefühl, von ihnen gleichwertig behandelt und wertgeschätzt zu werden – das ist in unserer Branche leider nicht immer der Fall. Würde ich dennoch Frauen raten, in die Gamesbranche zu gehen? Unbedingt! Wir brauchen mehr Frauen! Meine Tipps: Geht selbstbewusst und zielgerichtet vor und lasst Euch von niemandem Kompetenz absprechen.

Nina Müller Nina Müller | Foto (Zuschnitt): © Nina Müller „Zwanzig Prozent Frauen in der Branche sind zu wenig“ Nina Simone Müller ist Leiterin des Studios Rainbow Unicorns bei Goodgame Studios in Hamburg. In ihrem Studio wird viel über Fußball geredet. Auch mal wild. Und die Männer – reden mit. 
 
Im ersten Studio, in dem ich vor zehn Jahren als Praktikantin angefangen habe, war es für meine Kollegen noch sehr ungewohnt, eine Frau im Team zu haben. Doch der Chef war progressiv, versprach sich von meiner Anwesenheit eine gute, sagen wir: zähmende Wirkung. Endlich würden die Männer im Büro nicht mehr so häufig und so wild über Fußball reden. Auch später noch, als ich bereits Gamedesigner und Producer war, wurde ich mit Vorliebe gefragt, wenn mal zwischen Kollegen – männlichen, klar – vermittelt werden musste. Und in der Produktion wurde ich oft auf Spiele angesetzt, die die weibliche Zielgruppe im Auge hatten. Ein bisschen verstehe ich das sogar. Auch wenn ich diese Denkkategorien nicht unterstützen möchte, so bin ich doch ein Fan von gemischten Teams. Gendermix ist immer gut: für neue Perspektiven, andere Blickwinkel. Ich wünsche mir mehr Frauen in der Gamesentwicklung. Zwanzig Prozent Frauen in der Branche sind zu wenig. Deswegen freue ich mich, dass sich bei uns neuerdings Frauen bewerben. Nächstes Jahr absolviert zum Beispiel unsere erste weibliche Auszubildende in der Programmierung ihre Abschlussprüfung.

Julia Schneider Julia Schneider | Foto (Zuschnitt): © Julia Schneider

„Großer Zusammenhalt unter Frauen“

Julia Schneider, braucht als Head of Art bei Chimera Entertainment viel Geschick in Kommunikation und Organisation. Daneben, so sagt sie, seien in der Gamesbranche Leidenschaft für Games, Flexibilität und Teamgeist gefragt.
 
Ich hatte in meiner bisherigen Karriere nie das Gefühl, dass Männer meine Autorität oder Fähigkeiten aufgrund des Geschlechts weniger anerkennen. Auch habe ich nicht den Eindruck, dass ich es schwerer hatte in die Gamesbranche reinzukommen. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, es sei durchaus erwünscht, dass sich der Frauenanteil erhöht. Der Zusammenhalt der Frauen in der Gamesbranche ist groß: Wir haben jeden Monat einen „Girls Lunch“, bei dem alle Frauen der Firma gemeinsam Essen gehen. Vor ein paar Jahren war man als Frau in der Gamesbranche noch eine Ausnahme, aber ich beobachte, dass die Zahl langsam steigt. Ich würde allen Frauen dazu raten, sich der Branche zuzuwenden, die sie persönlich interessiert, unabhängig davon, ob es ein von Männern dominiertes Berufsbild ist oder nicht. Aber es braucht Aufklärung: Die Berufe in der Gamesbranche werden immer vielseitiger und es gibt zunehmend mehr Ausbildungsmöglichkeiten. Viele Frauen wissen das nicht oder haben eine falsche Vorstellung davon, was sie in der Gamesbranche erwartet.

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