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Bedingungsloses Grundeinkommen
„Es macht uns freier im Denken und Handeln“

Henrik Maaß und zwei Gewinnerinnen des BGE
Henrik Maaß und zwei Gewinnerinnen des BGE | Foto (Ausschnitt): © Christian Stollwerk

Henrik Maaß hat ein Jahr lang 1.000 Euro monatlich als Bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Sein Fazit: Das könnte der Sozialstaat der Zukunft sein.

Von Ula Brunner

Herr Maaß, Sie waren Gewinner eines Bedingungslosen Grundeinkommens, kurz BGE. Ein ganzes Jahr lang, bis Juni 2018, kamen jeden Monat 1.000 Euro auf ihr Konto, einfach so. Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie die Nachricht erhalten haben?

Meine Freundin Rebecca und ich sind vor Freude quer durch unsere Wohnung gehüpft und konnten es gar nicht fassen, als wir die vermeintliche Spam-Mail „Sie haben gewonnen“ zum Glück nochmals genauer angeschaut hatten. Endgültig real war es dann, als die ersten 1.000 Euro einfach so auf dem Konto waren. Wir waren sehr erleichtert und dankbar. 
 

Mein Grundeinkommen

Das Projekt „Mein Grundeinkommen" sammelt seit 2015 per Crowdfunding Geld für Bedingungslose Grundeinkommen. Sobald 12.000 Euro zusammen sind, werden sie an eine Person verlost. Diese erhält ein Jahr lang 1.000 Euro, ohne Abzüge und ohne Bedingungen für die Verwendung. Der Betrag liegt über dem Existenzminimum von derzeit 735 Euro pro Monat.

Was haben Sie mit dem Geld gemacht?

Etwas anderes, als ursprünglich geplant. Meine Freundin und ich sind Landwirte. Eigentlich schmiedeten wir Pläne, einen eigenen Hof aufzubauen. Dafür wäre ein Jahr BGE natürlich eine willkommene Erhöhung des Eigenkapitals gewesen. Doch meine Freundin wurde chronisch krank und konnte nicht mehr arbeiten. Das Geld ist dann in kostspielige Diagnostik und Medikamente sowie unseren Haushalt geflossen. Wir haben schon immer auf ökologische und fair gehandelte Lebensmittel und Kleidung geachtet und streben einen kleinen ökologischen Fußabdruck an. Das ist etwas teurer, und durch das Grundeinkommen konnten wir unsere nachhaltige Lebensweise beibehalten. Gegönnt haben wir uns eigentlich nur ein gebrauchtes Klavier. Unser Leben hat sich insgesamt also nicht stark verändert. Aber ich empfinde das Bedingungslose Grundeinkommen als große Bereicherung, nicht nur finanziell.

Inwiefern?

Es macht uns freier im Denken und Handeln, auch wenn es natürlich kein Allheilmittel zur Rettung der Welt ist. Aber es nimmt uns Existenzängste und das ist eine wichtige Voraussetzung, um über den Tellerrand hinaus zu denken. Ich habe mich beispielsweise wieder stärker agrarpolitisch engagiert, mich für Ernährungssouveränität eingesetzt.

Agrarpolitisches Engagement: Henrik Maaß auf einer Demonstration 2017 Agrarpolitisches Engagement: Henrik Maaß auf einer Demonstration 2017 | Foto (Ausschnitt): © Henrik Maaß

Die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens wird durchaus kontrovers diskutiert. Befürworter erhoffen sich einen einfacheren und effizienteren Sozialstaat, der die Würde des Einzelnen wahrt und eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht. Kritiker befürchten vor allem, wir würden uns in der sozialen Hängematte ausruhen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Von allen Gewinnern des Grundeinkommens, die ich kennengelernt habe, hat niemand seinen Job gekündigt (lacht). Einige haben das Geld zu einer Weiterbildung genutzt, andere als Startkapital, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Jeder Mensch möchte einen Beitrag zur Gesellschaft leisten – egal in welcher Form. Das muss sich nicht unbedingt anhand des Wirtschaftswachstums messen lassen, sondern es kann auch die Pflege von Älteren oder Kranken sein, das Engagement in einer Dorfgemeinschaft oder in der Politik. Das kommt zu kurz, wenn es in erster Linie darum geht, Geld zu verdienen, um sich oder die Familie ernähren zu können. Meiner Freundin und mir hat das Jahr Grundeinkommen gezeigt, dass besonders in schwierigen Situationen eine finanzielle Entlastung ungemein hilft.

Nun gibt es ganz unterschiedliche Modelle eines Grundeinkommens – etwa im Gegenzug zu sozialer Arbeit. Was halten Sie davon?

Der Vorteil geht verloren, wenn man das Grundeinkommen an Bedingungen knüpft. Ist es tatsächlich bedingungslos, also ein Einkommen, das jedem zusteht, kann man den aufwändigen Verwaltungsapparat für Sozialleistungen abbauen. Bedürftigkeitsprüfungen, Renten- oder Arbeitslosenversicherungen würden dann überflüssig. Natürlich müsste man sich über die konkrete Ausgestaltung noch Gedanken machen, ich bin kein Experte. Aber die Bedingungslosigkeit bringt eine Leichtigkeit mit sich: Dadurch werden ganz andere Kapazitäten frei.

Eine einheitliche Summe monatlich für jeden Bürger, Schluss mit dem entwürdigenden Gang zum Sozialamt – inwiefern würde ein solches Konzept eines Sozialsystems unser Zusammenleben verändern?

Eine grundsätzliche Existenzsicherung würde eine andere Gelassenheit oder Ruhe in unsere Gesellschaft tragen. Viele Aggressionen, die aus dem ständigen Existenzdruck entstehen, würden verschwinden. Ich glaube, das Gemeinschaftsleben wäre angenehmer und kreativer. Menschen würden sich eher eine Arbeit suchen, die sie mit Sinn erfüllt. Es ärgert mich, dass die Politik das Thema nicht ernsthaft angeht und sich stattdessen etwa auf Existenzminima einigt. Wir sollten einen stärkeren öffentlichen Diskurs über das Bedingungslose Grundeinkommen führen. Wenn wir uns alle dafür einsetzen, muss die Politik auch darauf reagieren. Ich bin zuversichtlich, dass es mittelfristig eingeführt wird und sich dadurch die Zukunft aller verbessert.
 

 

Henrik Maaß, Jahrgang 1985, ist gelernter und studierter Landwirt. Von Juli 2017 bis Juni 2018 erhielt er ein Bedingungsloses Grundeinkommen von 1.000 Euro im Monat über den Verein Mein Grundeinkommen. Maaß arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim.

Was ist das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE)?

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ist ein sozialpolitisches Konzept, bei dem alle Bürgerinnen und Bürger monatlich eine finanzielle Zuwendung vom Staat erhalten, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen. BGE soll alle Menschen an den Gesamteinkünften einer Gesellschaft beteiligen, unabhängig davon, ob sie bedürftig sind oder nicht. Die Idee wird weltweit diskutiert und vereinzelt in Modellversuchen erprobt. In Deutschland gibt es keinen rechtlichen Anspruch auf ein BGE.

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