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Jugendarbeitslosigkeit
Gute Betreuung hilft

Jugendlicher in der Ausbildung zum Koch.
Jugendlicher in der Ausbildung zum Koch. | Foto (Zuschnitt): © picture alliance/Martina Hengesbach/JOKER

Während viele europäische Länder mit hoher Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen haben, ist sie in Deutschland so niedrig wie selten zuvor. Das liegt nicht nur an der allgemein guten wirtschaftlichen Lage.

Von Wolfgang Mulke

Noch im Jahr 2005 sah alles ganz anders aus: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung beklagte nicht nur eine Jugendarbeitslosigkeit von über zehn Prozent, sondern warnte zudem, dass diese Zahl noch zu steigen drohe. Die Erhebung attestierte Fehlentwicklungen in der schulischen und beruflichen Bildung. Doch dann wendete sich das Blatt, 2016 hatte sich die Jugendarbeitslosigkeit nahezu halbiert. Dies liegt Experten zufolge auch an der Flexibilität des deutschen dualen Ausbildungssystems. Wir sprachen mit dem Leiter der Programmstelle Berufsorientierung im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Guido Kirst, über die Vorteile dieses Systems und über Programme für lernschwache Schüler. 
 
Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland recht niedrig. Woran kann das liegen?
 
Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Deutschland bei fünf bis sechs Prozent; in südeuropäischen Ländern war zeitweilig die Hälfte der Jugendlichen ohne Arbeit. Wir gehen davon aus, dass es auch an unserem dualen Ausbildungssystem liegt. Die Ausbildung ist darin sehr stark am Bedarf des Arbeitsmarktes orientiert. 
Die Jugendarbeitslosigkeit Anfang 2018 im europäischen Vergleich. Die Jugendarbeitslosigkeit Anfang 2018 im europäischen Vergleich. | Foto: © picture-alliance/ dpa-infografik Sie beziehen sich darauf, dass die Berufsausbildung parallel in einem Betrieb und an einer Berufsschule stattfindet. In der dualen Ausbildung arbeiten die Lehrlinge in einem Betrieb mit, besuchen aber immer wieder für mehrere Wochen die Berufsschule, wo sie theoretisches Wissen vermittelt bekommen. 
 
Diese Kombination aus schulischer und betrieblicher Ausbildung gibt es sonst nur in Österreich und der Schweiz. Ein wichtiger Vorteil ist, dass die Berufsbilder und Ausbildungsgänge nicht im luftleeren Raum ersonnen werden. Da sitzen Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaftler und Verwaltung zusammen und passen die Berufsbilder gemeinsam dem vorhandenen Bedarf an. Das Ausbildungssystem ist daher sehr anpassungsfähig, auch wenn sich die Anforderungen an Fachkräfte schnell ändern. Wir haben im BIBB Besuchergruppen aus der ganzen Welt, die sich darüber informieren. 
 
Übernehmen sie dieses Modell denn dann auch?
 
Das duale System lässt sich nicht einfach so auf andere Länder übertragen, das wäre für viele ein Systemwechsel. Alleine die Idee, Auszubildenden Geld zu bezahlen, ist schwer vermittelbar. Dem steht jedoch gegenüber, dass die Auszubildenden auch schon während der Ausbildung zur Wertschöpfung des Betriebes beitragen. Zudem besteht für Betriebe kaum eine bessere Möglichkeit, den eigenen Bedarf an Fachkräften zu decken, als diese selbst auszubilden. 
 
Im Vergleich zu südeuropäischen Ländern erscheinen fünf bis sechs Prozent wenig, in Deutschland aber boomt die Wirtschaft. Müsste die Jugendarbeitslosigkeit da nicht noch geringer sein?
 
Das hat viel mit regionalen Gegebenheiten zu tun. Das Angebot an Ausbildungsplätzen und die Nachfrage passen oft nicht zusammen. Die Mobilität ist in dieser Altersgruppe noch nicht sehr ausgeprägt, weder bei Auszubildenden noch bei Studenten. Dazu kommt ein noch junger Trend: Die Wahrnehmung des Lehrstellenmarktes hat sich verschoben. Viele Jugendliche rechnen sich Chancen auf eine Ausbildung in einem begehrten Beruf aus, obwohl sie die Voraussetzungen dafür nicht mitbringen. In anderen Berufen würden sie leicht eine Stelle finden. Sie bewerben sich aber nicht anderswo, weil sie glauben, noch etwas Besseres zu finden. Am Ende stehen dann einige mit leeren Händen da.
 
Der Diplom-Pädagoge Guido Kirst arbeitet seit 2007 für das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Der Diplom-Pädagoge Guido Kirst arbeitet seit 2007 für das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). | Foto: © BIBB Die Wirtschaft beklagt eine oft fehlende Ausbildungsreife. Trifft der Vorwurf zu?
 
Zunächst einmal muss man sagen, dass Ausbildungsreife zwar ein sehr oft verwendeter, aber keineswegs ein exakt definierter Begriff ist. Bei den schulischen Leistungen beispielsweise gibt es sogar eine Verbesserung: Die Leistungen in Deutsch und Mathematik sind nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) besser geworden. Zudem gleicht heute bereits ein Drittel der Betriebe Wissensdefizite durch Nachhilfeunterricht aus. Unternehmen achten jedoch mehr auf die sozialen Fähigkeiten, und hier sind Schwächen verbreitet. Bemängelt wird fehlendes Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft und Frustrationstoleranz. Das sind grundlegende Erziehungsziele, die im Elternhaus eingeübt werden müssen. Man kann die Schuld also nicht einfach auf die Schule schieben. Dort ändert sich schon viel. An die Stelle von Frontalunterricht rücken beispielsweise Lernmethoden wie das Selbstorganisierte Lernen, und auf die Noten kommt es nicht mehr so stark an wie früher. 
 
Gibt es Beispiele für erfolgreiche Integrationsprogramme, die geholfen haben, die Jugendarbeitslosigkeit in Problemregionen zu senken?
 
Da gibt es eine ganze Reihe von Projekten. Zum Beispiel die assistierte Ausbildung, die auf einen erfolgreichen Modellversuch in Baden-Württemberg zurückgeht. Lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte junge Menschen erhalten dabei eine sozialpädagogische Betreuung. Die Betreuer nehmen sie an die Hand, unterstützen sie bei der Suche nach einer geeigneten Ausbildungsstelle oder helfen ihnen bei der Lösung von privaten Problemen. Wenn es Probleme mit dem Jugendlichen gibt, ruft der Arbeitgeber den Betreuer an. Die Unternehmen schätzen diese Funktion des Moderators. Darüber hinaus gibt es die Berufseinstiegsbegleitung. Sie hat zum Ziel, dass Schülerinnen und Schüler bis zu einem Schulabschluss durchhalten und anschließend erfolgreich eine Berufsausbildung beginnen. Zudem helfen Berufseinstiegsbegleiter im ersten halben Jahr der Ausbildung am Ball zu bleiben. 

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