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Feminismus Digital
Von der Lex Otto bis zum #aufschrei

Fünf Mitglieder vom Verein für Frauenstimmrecht, 1896
Fünf Mitglieder vom Verein für Frauenstimmrecht, 1896 | Foto (Zuschnitt): ©Wikimedia/gemeinfrei

Welche Personen prägten Zitate wie „Mein Bauch gehört mir!“ oder gründeten die ersten feministischen Zeitungen? Im Digitalen Deutschen Frauenarchiv sind Informationen über die Geschichte der deutschen Frauenbewegung erstmals online abrufbar.

Von Sonja Eismann

„Menschenrechte haben kein Geschlecht.“ Wer hat diesen so einfachen wie wuchtigen Satz geäußert? War es Deutschlands wohl bekannteste Frauenrechtlerin Alice Schwarzer oder doch eher eine der jüngeren Feministinnen wie Margarete Stokowski? Nein, es war Hedwig Dohm, Pionierin der Frauenbewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den 1910er-Jahren für das allgemeine Wahlrecht für Frauen kämpfte. Wer hat schon Anfang 1923, noch vor dem Hitlerputsch im November, die Gefährlichkeit Hitlers erkannt und seine Ausweisung aus Deutschland gefordert? Es war Anita Augspurg, pazifistische Feministin und bekennende Lesbe. Welche war die erste feministische Frauenzeitung in Deutschland – war es die Emma oder doch die Courage? Beides falsch, denn die beiden 1977 und 1976 fast zeitgleich gestarteten Magazine waren nur größere Varianten der im Oktober 1973 erstmals erschienen Kollektivpublikation Frauenzeitung – Frauen gemeinsam sind stark. Aber auch die wurde in Sachen Pionierleistung um Längen geschlagen von der Frauen-Zeitung, herausgegeben von der Mitbegründerin der deutschen Frauenbewegung, Louise Otto-Peters. Sie hob das Blatt bereits 1849 aus der Taufe – aber nur, um es dann bald wieder aufgeben zu müssen: Ein eigens gegen sie geschaffenes sächsisches Gesetz, die Lex Otto, verbat Frauen ab 1850 die Herausgabe und Redaktion von Zeitungen.
Protestaktion gegen den Abtreibungsparagraphen auf dem Bonner Münsterplatz, 1975. Protestaktion gegen den Abtreibungsparagraphen auf dem Bonner Münsterplatz, 1975. | Foto: ©picture alliance/Klaus Rose

Kontinuitäten sichtbar machen

All diese Informationen lassen sich mit wenigen Klicks auf der Website des Digitalen Deutschen Frauenarchivs heben, das im September 2018 online ging und dessen Ziel die Digitalisierung, Bündelung und Sichtbarmachung von Daten und Fakten zur deutschen Frauenbewegung ist. Denn wie die eingangs zitierten Beispiele zeigen, ist die Fülle an Materialien zu einer der wichtigsten sozialen Bewegungen der letzten 200 Jahre zwar enorm, doch kaum im Bewusstsein der Öffentlichkeit präsent. In Zusammenarbeit mit den 40 Einrichtungen des Dachverbands deutschsprachiger Frauen- und Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen wird hier allen, die an Frauenfragen und Emanzipationsgeschichte interessiert sind, ein roter Teppich ausgerollt. Materialien werden in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Italien (Südtirol) gesammelt und zugänglich gemacht. Das Angebot ist nach Themenblöcken und Akteurinnen gegliedert und lädt mit zahllosen eingescannten Originaldokumenten – Fotos, Zeitungsausschnitten, Plakaten, Flyern und ganzen Handbüchern –, die auch optisch ein Gefühl für die jeweiligen Zeiten entstehen lassen, zu stundenlangem Stöbern und Entdecken ein. 
Proteste zum Internationalen Frauentag am 8. März 2018 in München. Proteste zum Internationalen Frauentag am 8. März 2018 in München. | Foto: ©picture alliance/ZUMA Press Der große Verdienst des neuen Digitalarchivs besteht auch darin, Kontinuitäten sichtbar zu machen. Viel zu oft ächzen neue Generationen von Feministinnen unter der Last, das Rad neu erfinden zu müssen, weil Frauengeschichten nach wie vor zweitrangig und damit fast unsichtbar scheinen. Doch die zahlreichen Beiträge der Website und des begleitenden Blogs zeigen, dass viele Kämpfe und Feindseligkeiten so alt sind wie die Bewegung selbst. So belegen Zeitungsausrisse aus den 1920er-Jahren, dass schon damals, als Frauen aus heutiger Sicht weitgehend rechtlos erschienen, vielen Männern der Feminismus zu weit ging. In Wien gründete sich damals der Bund für Männerrechte. Dort wurde lamentiert, in der Ehe sei der Mann zum reinen Ausbeutungsobjekt verkommen. Die Parallele zu Maskulinisten von heute, die unter anderem gegen eine Benachteiligung von geschiedenen Männern kämpfen, ist auffallend. Aber auch die Situation von feministischen Journalistinnen ist damals wie heute ähnlich: Seien es die Schriftstellerin Louise Otto-Peters, die Macherinnen von 1970er-Jahre-Magazinen wie Frauenzeitung oder Courage, oder die feministischen Netz- und Printschreiberinnen von heute – alle hatten und haben mit Anfeindungen von außen und Mehrfachbelastungen aufgrund prekärer Lohnverhältnisse zu kämpfen. Das Digitale Deutsche Frauenarchiv zeigt diese Parallelen auf. Und je mehr über die Vorgängerinnen bekannt ist, desto mehr kann von ihnen gelernt werden. Bis dahin lassen wir uns weiter neugierig von Link zu Link treiben und freuen uns auf noch mehr grafische Materialien. Toll wären beispielsweise Originaldemoplakate für das Wahlrecht, die auch heute noch inspirierend sind – und noch mehr Vielfalt in Bezug auf sexuelle, ethnische, religiöse oder Geschlechtsidentitäten. 

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