Zuwanderung Europa wandert – und wandelt sich

Zuwanderung
Zuwanderung | Foto (Ausschnitt): © cevahir87 – Fotolia.com

Seit der Krise 2009 verließen Tausende Spanier, Griechen und Italiener ihr Land. Viele versuchen ihr Glück in Deutschland. Wie gehen die Menschen und die Politik auf diese Zuwanderer zu? Vier Statements.

Die meisten Zuzügler in Deutschland stammen aus Europa und verwirklichen damit die Idee vom gemeinsamen Wirtschaftsraum in der Europäischen Union. Seit die Finanz- und Schuldenkrise 2009 Südeuropa mit voller Wucht getroffen hat, verlassen dort auch immer mehr junge Arbeitssuchende ihre Heimat. In Deutschland angekommen, treffen sie einerseits auf Initiativen, die in Spanien und anderen Krisenländern Auszubildende und Fachkräfte anwerben. Andererseits müssen sie sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden, eine neue Sprache lernen und nicht selten unter ihrem Qualifikationsniveau arbeiten. Wie sind sie angekommen? Wie beurteilen Migrationsforscher, Politik, Verbände und Arbeitgeber die aktuellen Wanderungsbewegungen? Und: Vor welchen Herausforderungen stehen unter Umständen auch die Herkunftsländer? Zu diesen Fragen äußern sich Ludger Pries vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Cristina Faraco Blanco vom Berliner Verein La Red, der bayerische Landrat Franz Löffler sowie der Arbeitgeber Michael Kunz.

„Berlin hat die Migrationsdynamik New Yorks“ – Ludger Pries, Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR)

Ludger Pries Ludger Pries | Foto (Ausschnitt): © SVR-Wolfgang-Borrs Herr Pries, mit der Finanzkrise 2009 war die Einwanderung aus Südeuropa, also aus Spanien, Italien, Griechenland stark angestiegen, inzwischen hat eher eine Verstetigung eingesetzt. Sind diese Zuzügler schon in der deutschen Gesellschaft angekommen?

Migration wird häufig nur als einmalige Ein- und Auswanderung verstanden. Aber heutzutage sind das häufig Pendelwanderungen oder – das gilt gerade für Südeuropäer – es besteht der Plan, zunächst nur für einige Jahre in Deutschland zu arbeiten, bis sich die Lage im eigenen Land wieder bessert. Das können wir schon jetzt beobachten: Sobald die Konjunktur zum Beispiel in Spanien anzieht, gehen bestimmte Menschen wieder zurück. „Ankommen“ ist also relativ, man muss es in Bezug setzen zu dem Plan, der sie ursprünglich nach Deutschland geführt hat. Diese Einwanderer nehmen am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in Deutschland teil und vor allem natürlich am Erwerbsleben. Die allermeisten von ihnen haben sich allerdings kulturell und sozial nicht ausschließlich an Deutschland orientiert. Aber das ist vor dem Hintergrund ihrer Pläne auch verständlich. Gleichzeitig sollte Deutschland viel mehr dafür tun, dass diese Menschen auch dauerhaft hier bleiben wollen.

Warum ist das wichtig?

Deutschland braucht mittelfristig, also bis etwa zum Jahr 2050, jährlich eine Nettoeinwanderung von mindestens 200.000 bis 300.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter. Der SVR hat – wie auch andere Wissenschafts- und Beratungsinstitute – entsprechende demografische Berechnungen vorgelegt. Selbst unter diesen Bedingungen würde das Erwerbspersonenpotenzial immer noch um viele Millionen schrumpfen, während gleichzeitig der Anteil der nicht mehr im Erwerbsleben stehenden Älteren weiter zunimmt. Ohne substanzielle und dauerhafte Einwanderung würden jedoch das Sozial- und das Wirtschaftssystem in ihren Grundfunktionen gefährdet.

Die Zahlen zeigen, dass beispielsweise für spanische Zuwanderer Berlin besonders attraktiv ist. Was macht das mit der Stadt? Ist sie inzwischen vergleichbar mit dem sogenannten Schmelztiegel New York?

Für das Ruhrgebiet habe ich einmal ausgerechnet, dass die Einwanderung und auch die Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung nach Herkunftsländern um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ähnlich vielfältig war und auch ähnlich schnell angestiegen ist, wie die von New York vor 100 Jahren. Und auch für Berlin weisen Befunde darauf hin, dass die Vielfalt der Herkunftsländer und die Migrationsdynamik der von New York in nichts nachstehen.

Wie ist der berufliche Hintergrund der Menschen, die aus Südeuropa nach Deutschland gekommen sind?

Derzeit lässt sich das anhand der verfügbaren Daten über die EU-Binnenwanderung speziell aus Südeuropa noch nicht sagen. Doch soweit man bisher sehen kann, sind aus den Mittelmeerländern vor allem qualifizierte Arbeitskräfte gekommen, also Akademiker und zu einem geringeren Teil jüngere Menschen, die hier in eine Ausbildung vermittelt wurden. Da sie nach Deutschland kommen, um Arbeit zu suchen, muss man davon ausgehen, dass sie sich in aller Regel zunächst von ihrem eigenen Ersparten und dann von dem, was sie in Deutschland verdienen, ernähren können. Es dauert natürlich einige Monate, bis die Menschen die Sprache etwas erlernt haben, soziale Kontakte geknüpft haben und dann auch ihrer Qualifikation entsprechende Jobs gefunden haben. Soziale Netzwerke spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung?

Kurzfristig ist sicherlich die größte Herausforderung für die Neuankömmlinge, Sprache, Kultur, die Jobanforderungen und allgemein den Arbeitsmarkt gut kennen zu lernen, damit sie am Leben hier möglichst umfassend teilhaben können. Mittelfristig müssen wir uns sowohl für Deutschland, aber auch für die EU als Ganzes überlegen, wie wir Gerechtigkeit und Migration zusammenbringen können. Aus Bulgarien sind zum Beispiel in den letzten Jahren pro Jahr etwa 600 Ärzte ausgewandert. Bulgarien als ein armes Land bildet aber pro Jahr nur 600 Ärzte aus. Eine so starke Abwanderung von Medizinern führt dort zu großen Problemen. Wir können nicht immer nur darüber sprechen, welche Vorteile Einwanderer für den deutschen Arbeitsmarkt bringen, sondern wir müssen auch daran denken, wie sich die Herkunftsländer nachhaltig entwickeln können. Es wäre fatal, wenn ein Großteil der gut ausgebildeten jungen Akademiker nach Deutschland käme und diese Entwicklungsmöglichkeiten stark eingeschränkt würden. Wir müssen auch an zirkuläre Migration denken, dass also unter Umständen Zuwanderer in ihre Heimat zurückkehren, um dort etwas Neues aufzubauen.

„Wir arbeiten fast wie Psychologen“ – Cristina Faraco Blanco, Politikwissenschaftlerin, Projektleiterin und Gründerin des Berliner Vereins La Red

Cristina Faraco Blanco Cristina Faraco Blanco | Foto (Ausschnitt): © La-Red e.V. „La Red ist Spanisch und heißt auf Deutsch ‚Netzwerk‘. Ich habe den Verein 2013 gegründet. Seit der Finanzkrise 2009 hatten immer mehr junge Spanier ihr Land verlassen, und viele suchten ihr Glück in Berlin. Diese Wanderungsbewegung habe ich dann 2013 in einer wissenschaftlichen Studie genauer untersucht: Warum kommen sie hierher? Welche Perspektiven haben sie und auf welche Hürden stoßen sie? Schnell stellte sich heraus, dass es hier an einem Netzwerk für diese Community fehlt. Zwar gibt es zum Beispiel eine ziemlich große Facebook-Gruppe Españoles en Berlin (Spanier in Berlin), aber die Infos dort reichen nicht aus und sind manchmal einfach auch falsch. Genau dieses Netzwerk wollen wir nun sein.

So hat die Studie zum Beispiel gezeigt, dass vor allem hoch qualifizierte Spanier nach Berlin kommen, die sich aber gleichzeitig gar nicht mit der Arbeitsmarktsituation hier auskennen. Außerdem hoffen viele, dass sie auch mit Englisch einen Job finden können. Das ist aber gerade bei Jobs für hoch qualifizierte Arbeitskräfte schwierig. Ich denke, die Sprache ist eine der höchsten Hürden. Wir bieten deswegen Deutschkurse an, aber auch Seminare zum Thema Jobsuche, Krankenversicherung oder Arbeitsrecht. Ganz wichtig sind unsere Migrationsberater, die selbst alle aus Spanien kommen. Sie arbeiten im Grunde wie Psychologen. Denn nach einer ersten Euphorie von ungefähr drei Monaten fallen viele Zuwanderer seelisch in ein Loch, und nicht alle finden da alleine wieder raus. Da ist es psychologisch ganz wichtig, sich in der eigenen Sprache mit jemandem austauschen zu können. Die Berater haben selbst das Gleiche durchgemacht, können Mut machen und einen Weg aufzeigen.

Die Menschen in Berlin sind generell ziemlich offen gegenüber Spaniern, und Berlin profitiert auf jeden Fall durch noch mehr Vielfalt. Nur bei manchen Institutionen fehlt es oft noch an interkultureller Kompetenz. Immer wieder hört man Geschichten aus Jobcentern, in denen den Arbeitssuchenden gesagt wird, 'gehe doch zurück in dein Land' oder ihnen wird vorgeschlagen, im Callcenter zu arbeiten, obwohl sie zwei akademische Abschlüsse vorweisen können.

Ich selbst bin schon vor 14 Jahren aus Madrid nach Berlin gekommen und meine drei Kinder wurden hier geboren. Ich bin auf jeden Fall eine Befürworterin von Mobilität. Alle Erfahrungen, die man aus einem anderen Land mitnehmen kann, sind gut. Wir würden den europäischen Gedanken verlieren, wenn wir denken, dass Migration eine Ausnahmeerfahrung ist.“

„Integration funktioniert über die Vereine“ – Franz Löffler, Landrat des Landkreises Cham in Bayern

Landrat Franz Löffler (links) und Auszubildender Landrat Franz Löffler (links) und Auszubildender | © Landratsamt Cham Herr Löffler, neben Englisch und Tschechisch sprechen Sie die Besucher der Homepage des Landkreises Cham auch auf Spanisch an. Wie kam es dazu?

Der Landkreis Cham ist eine prosperierende Wirtschaftsregion im Herzen Europas. An der Grenze zur Tschechischen Republik lagen wir lange Zeit am Rand von Westeuropa. Diese Grenze hat mittlerweile aber ein völlig neues Gesicht, und wir liegen nun mitten in der EU. Diese veränderte Lage und die Wirtschaftskraft unserer Unternehmen hat uns Aufschwung gegeben, und damit ist auch der Bedarf an Arbeitskräften gestiegen. In unserem Landkreis werden jedes Jahr etwa 1.100 neue Ausbildungsverhältnisse geschlossen, wobei schon im vierten Jahr infolge 200 bis 300 der Stellen unbesetzt blieben. Deswegen habe ich überlegt, wie wir diese Lücke schließen können. Ich habe den Blick dann auch in südeuropäische Regionen gerichtet, wo wir ja wissen, dass hier die Jugendarbeitslosigkeit zum Teil über 50 Prozent liegt.
Meine Erfahrungen in Bayern mit MobiPro | © Goethe-Institut Barcelona via Youtube.com

Gibt es Menschen im Landkreis, die befürchten, dass es irgendwann an Ausbildungsplätzen für die einheimische Jugend fehlen könnte?

Da hat es am Anfang sicherlich auch die ein oder andere Stimme gegeben, die gesagt hat: „Naja, Landrat, wenn du aus dem Ausland, aus Spanien, Ausbildungskräfte holst, dann ist das doch für die Unseren gar nicht so leicht, mit diesen in Konkurrenz zu treten.“ Aber wir konnten nachweisen, dass wir wirklich einen sehr hohen Fachkräfte- und auch Ausbildungskräftebedarf haben. Letztendlich geht es nicht darum, dass wir die ausländischen und die einheimischen Fachkräfte als Konkurrenten sehen. Sondern es geht darum, dass wir unseren Standort Landkreis Cham insgesamt sichern können. Wenn es uns nicht gelingt, dieses Fachkräfte-Delta zu schließen, müssen sich die Firmen einen neuen Standort suchen. Dann hätten plötzlich auch die Einheimischen keine Arbeit mehr. Das haben die Menschen bei uns durchaus verstanden. Wir haben aber auch darauf geachtet, zunächst die eigenen Leute im Blick zu haben und unterzubringen, um dann erst zur Verstärkung ausländische Fachkräfte anzuwerben.

Was bringen die Auszubildenden aus Südeuropa an Qualifikationen und Fähigkeiten mit, die sie in Ihren Landkreis einbringen können?

Sie bringen natürlich die Bereitschaft mit, sich ausbilden zu lassen, sich in die Arbeit und in den Arbeitsmarkt einzubringen. Sie ergänzen damit sehr gut das Potenzial unserer einheimischen Ausbildungs- und Fachkräfte. Außerdem gibt es auch im Landkreis Cham viele global agierende Unternehmen, die beispielsweise auch in Spanien oder in spanischsprachigen Ländern einen Betriebssitz haben. Eine bei uns ausgebildete Fachkraft mit hervorragenden Spanisch- und Deutschkenntnissen kommt natürlich diesen Firmen zugute.

Was ist aus Ihrer Sicht wichtig für ein gutes Ankommen der Zuzügler?

Uns ist es wichtig, die Menschen, die zu uns kommen, nicht nur als Arbeits- oder Ausbildungskräfte zu sehen, sondern eben auch als Menschen. Wir bemühen uns, die Zuwanderer in den Familien, in den Vereinen, im Sport oder in der Musik zu integrieren. Das ist uns offenbar auch ganz gut gelungen, denn die Abbrecherquote ist bei uns gering. Etwa 80 Prozent derer, die bei uns 2013 die Ausbildung angefangen haben, sind jetzt im anstehenden dritten Jahr noch da. Insgesamt haben in den beiden vergangenen Jahren knapp 40 Spanier ihre Ausbildung bei uns begonnen.

„Ich wollte den Burschen eine Chance geben“ – Michael Kunz, Firmeninhaber im bayerischen Cham

Michael Kunz (rechts) und der Auszubildende Oriol Motsec Fuego Michael Kunz (rechts) und der Auszubildende Oriol Motsec Fuego | © Elektro Kunz „Wir haben in unserem Familienbetrieb derzeit zwei Auszubildende aus Spanien: Oriol aus Barcelona ist 23 Jahre alt und am Ende seines zweiten Lehrjahres. Samuel aus der Nähe von Sevilla ist 35 und seit gut einem Jahr bei uns. Beide machen eine Ausbildung zum Elektroniker für Gebäude- und Systemtechnik. Ich führe unser Geschäft mit 13 Mitarbeitern inzwischen in der dritten Generation und hatte auch die Idee, die Spanier einzustellen. Wir nehmen teil an dem Projekt career(BY) der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände (bayme vbm), der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) und des Landkreises Cham. Sie unterstützen uns und die Auszubildenden auch bei der ganzen Organisation. Wir haben in unserem Betrieb eigentlich kein Problem mit Fachkräftemangel, aber ich fand die Herausforderung spannend. Außerdem wollte ich den Burschen hier eine Chance geben, denn in Spanien haben sie ja zurzeit keine wirkliche Perspektive.

Oriol kam nach seinem Praktikum bei einem anderen Betrieb zu uns, konnte schon etwas Deutsch und hat sehr schnell dazugelernt. Für Samuel ist das derzeit noch etwas schwieriger, aber ich bin mir sicher, dass er es schaffen kann. Auch von der Lebenssituation her hatten die beiden sehr unterschiedliche Startbedingungen: Während Oriols spanische Freundin schon in Deutschland lebte, musste Samuel seine Frau mit dem kleinen Baby zunächst in Spanien zurücklassen. Aber inzwischen hat er eine kleine Wohnung gemietet, und die beiden sind nachgezogen. Ich glaube, Oriol hat es sehr geholfen, dass er so aktiv ist. Er geht abends auch mal mit den Kollegen ein Bier trinken und ist dabei, wenn die Burschen sonntags zusammen Fußball spielen. Als er erzählte, dass er Bergsteigen will, haben wir ihm den Kontakt zum Kletterverein vermittelt oder ihm zum Skifahren das Auto geliehen. Gerade die Vereine können in einer Stadt wie Cham mit ihren 16.000 Einwohnern bei der Integration enorm helfen.

Die Kollegen im Betrieb hatten anfangs schon Vorbehalte, vor allem wegen der Sprache. Da kommen dann Fragen wie: Versteht er denn alles was ich ihm erkläre? Muss ich vielleicht alles dreimal sagen und verliere kostbare Zeit? Da konnte es dann schon einmal vorkommen, dass ein Monteur die spanischen Auszubildenden lieber nicht zu einem Kunden mitnehmen wollte. Aber ich schaue dann gezielt, wo die Stärken der Burschen liegen und schicke sie bei entsprechenden Einsätzen mit. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und zeigt auch den anderen, dass sie zusammenarbeiten müssen und können. Wir sind ein kleiner Betrieb, da kann man über so etwas reden und das machen wir auch.

Ich sehe bei den beiden Burschen eindeutig den Vorteil, dass sie schon älter sind. Die denken ganz anders mit als ein 16- oder 17-jähriger Auszubildender. Zusätzlich hat es für mich den praktischen Vorteil, dass sie länger arbeiten dürfen, weil für sie nicht mehr der Jugendschutz gilt. Für 2015 habe ich zur Abwechslung einen deutschen Auszubildenden, aber ich würde auf jeden Fall auch wieder einen Kollegen aus Spanien einstellen.“