Brexit „Das von der EU Erreichte hat enorme Bedeutung“

Johannes Ebert
Johannes Ebert | © Cordula Flegel

Nach dem EU-Referendum in Großbritannien sind die Details eines möglichen Brexit noch unklar, der Schock ist aber immer noch spürbar. Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, spricht im Interview über die Folgen des Brexit für den deutschen Kulturmittler.

Vertreter der Bundesregierung haben sich nach Bekanntgabe der Abstimmungsergebnisse zum Brexit sichtlich getroffen gezeigt. Wie ist es Ihnen nach der Referendumsentscheidung ergangenen?

Auch ich war, ehrlich gesagt, etwas geschockt. Ich hätte das nicht erwartet. Man hat den Brexit in Erwägung gezogen, aber nie wirklich damit gerechnet. Ich glaube, dass ging vielen Leuten in meinem Umfeld so. Vielleicht haben wir auch nicht weit genug über den Tellerrand hinausgesehen …

Was wird der Brexit für die Arbeit des Goethe-Instituts bedeuten?

Für das Goethe-Institut ist der Brexit eine große Herausforderung. Als deutsches Kulturinstitut ist das Goethe-Institut auch eine europäische Institution und wir haben „Europa“ fest in unserer Satzung und unseren Zielen verankert. Auch deshalb ist der Brexit ein Thema, das uns direkt betrifft. Wir sind außerdem in europäische Netzwerke wie EUNIC, die Vereinigung der europäischen Kulturinstitute, und andere eingebunden. Bei der Brexit-Kampagne haben wir gesehen, dass in erster Linie die Themen Wirtschaft und Migration im Mittelpunkt standen. Die Errungenschaften der Europäischen Union als Friedensprojekt und als gemeinsames kulturelles Projekt sind zu wenig vorgekommen.

Auf die beiden Goethe-Institute in Großbritannien, in London und Glasgow werden Herausforderungen zukommen. In den nächsten Monaten geht es uns darum, Europa als kulturelle und gesellschaftliche Einheit zu betonen, die auch angesichts großer Herausforderungen viele Chancen und Zukunftsperspektiven bietet. Gerade im kulturellen Bereich gibt es so viele Verbindungen zu Großbritannien.

Wir müssen versuchen, die jungen Leute in ihrem Engagement für den europäischen Gedanken zu bestärken. Ganz konkret: Die Reisefreiheit innerhalb der EU, die freie Wahl eines Wohnorts, eines Studienorts, die Förder- und Austauschprogramme, wie beispielsweise Erasmus. Es scheint, als ob diese Errungenschaften von Manchen als Selbstverständlichkeit angesehen wurden. Wir müssen deutlich machen, dass sie weiterhin von enormer Bedeutung für unser gemeinsames Zusammenleben in Europa sind. Das Goethe-Institut möchte seine guten Verbindungen zu Institutionen aus Kultur und Bildung in Großbritannien dafür nutzen.

Zweitens müssen wir uns mit der schwierigen Frage auseinandersetzen: Wie treten wir in Dialog mit jenen, die für den Brexit gestimmt haben? Diese leben teilweise nicht in den großen Städten. Digitale Angebote können helfen, stärker in die Fläche zu gehen.

Eine zunehmende Europaskepsis ist nicht nur singulär in Großbritannien festzustellen. Wie reagieren die Goethe-Institute in Europa auf diese Skepsis?

Wir haben den europäischen Instituten Ressourcen zur Verfügung gestellt, um auf populistische Strömungen zu reagieren, die die Kultur als Abgrenzungsbegriff benutzen, statt als Chance für Teilhabe, Austausch innerhalb Europas, Bereicherung durch Impulse unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und künstlerischer Blickwinkel. In Bratislava haben Künstler im Rahmen eines Projekts das Verhältnis zu Flüchtlingen thematisiert. Im Winter wird eine Veranstaltung in Brüssel gemeinsam mit den europäischen Kollegen von EUNIC zum Thema „European Angst“ durchgeführt: Was ist dieser Populismus eigentlich? Warum entsteht dieses Gefühl der Bedrohung und wie geht man damit um?

Insgesamt wird die Kultur allein nicht die Welt retten, es ist aber jetzt eine wichtige Aufgabe von europäischen Kulturinstituten und -institutionen, die kulturelle Verbundenheit und Zusammengehörigkeit Europas stärker in den Mittelpunkt zu stellen und differenzierte Beiträge zu aktuellen Diskursen zu leisten.

Kultur spielte in den ersten Reaktionen auf den Brexit keine große Rolle.

In den ersten Reaktionen wurde gesagt, dass die Europäische Union auf wichtige und dringende Probleme nicht die richtigen Antworten gefunden und dass sie deswegen Vertrauen verloren habe. In der Tat muss die EU sich großen Fragen stellen: Wie gehen wir mit den Themen Migration und Flucht um? Wie stellen wir sicher, dass die Jugendarbeitslosigkeit sinkt? Und wie gewährleisten wir Sicherheit? Das sind zentrale politische Themen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass wir in Europa ein großes Netzwerk von Bildung und Kultur haben, das wie ein Fundament unter dem Gesamtkonstrukt liegt und wichtige Grundlagen und Impulse für die Zukunft Europas liefert. Ich bin der Überzeugung, dass die Grunderfahrung EU als Friedens- und als gemeinsames gesellschaftliches und kulturelles Projekt das Fundament bildet, auf dem wir stehen.

Meiner Meinung nach wird es notwendig für uns sein, das Augenmerk auf die Bruchlinien in der Gesellschaft zu richten: Wenn bei einem signifikanten Teil der Gesellschaft Vorbehalte gegen die europäische Einheit und Solidarität bestehen, müssen wir uns fragen, mit welchen Themen, Angeboten und Formaten wir diejenigen erreichen und ansprechen, die Europa kritisch sehen.

Wie sehen aktuelle europäische Projekte des Goethe-Instituts aus?

Gemeinsam mit europäischen Partnern macht das Goethe-Institut sehr viele Projekte sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU. Wir sind in der Zusammenarbeit geübt. Im Rahmen des Theaterfestivals Europoly haben wir uns gemeinsam mit unabhängigen europäischen Theatern mit brennenden Themen wie Flucht oder der Finanzkrise auseinandergesetzt. Unser Projekt „Actopolis“ beschäftigt sich in Interventionen unmittelbar mit der Situation in Athen, Belgrad, Bukarest, Ankara, Oberhausen, Sarajevo und Zagreb. Außerdem hoffen wir, durch das Projekt „Collecting Europe“, das wir Anfang nächsten Jahres gemeinsam mit dem Victoria and Albert Museum durchführen und bei dem Künstler ihre Sicht auf das heutige Europa aus einer zukünftigen Perspektive mittels Kunstwerken, Sammlerstücken oder Design zum Ausdruck bringen werden, Impulse für eine europäische Diskussion in Großbritannien zu liefern.