Briten in Deutschland Der persönliche Exit vom Brexit

Daniel Raisen arbeitet seit 2008 als Übersetzer in Deutschland. Er wohnt in Stuttgart.
Daniel Raisen arbeitet seit 2008 als Übersetzer in Deutschland. Er wohnt in Stuttgart. | Foto (Zuschnitt): © Daniel Raisen

Im Juni 2016 ist die Entscheidung über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gefallen, eine knappe Mehrheit der Briten stimmte für den „Brexit“. Bis 2019 sollen alle Austrittsverhandlungen abgeschlossen und das Vereinigte Königreich aus der Union ausgetreten sein. In Deutschland leben mehr als 100.000 Briten, die als EU-Bürger im Ausland direkt von der Entscheidung betroffen sind. Was denken sie über die Ereignisse und wie gehen sie damit um? Wir haben einige Stimmen gesammelt.

 

  • Naomi Ryland lebt seit 2005 in Deutschland. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens tbd*. Umgehend nach dem Referendum habe ich neben meiner britischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Ich lebe seit zehn Jahren in Deutschland und bin Gründerin und Geschäftsführerin eines Unternehmens, dennoch hätte ich mich vermutlich nicht darum gekümmert, wäre die Brexit-Entscheidung nicht gefallen. Ich bin unglaublich froh, dass ich diese Möglichkeit habe; viele Freunde in Großbritannien suchen vergeblich nach Möglichkeiten, an ihrer europäischen Staatsbürgerschaft festzuhalten. Man weiß einfach nicht, welche Auswirkungen das alles haben wird. Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass es am Ende nicht zu einem Brexit kommen wird. Wenn doch, wünsche ich mir natürlich, dass die EU und England eine enge und freundschaftliche Beziehung haben werden, auch wenn das Verhalten der britischen Politik es bisher nicht immer verdient hat. Ohne die EU ist Großbritannien meiner Meinung nach verloren - aber viele Briten tun sich sehr schwer, das zu akzeptieren. Foto: © Naomi Ryland
    Naomi Ryland lebt seit 2005 in Deutschland. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens tbd*.
    Umgehend nach dem Referendum habe ich neben meiner britischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Ich lebe seit zehn Jahren in Deutschland und bin Gründerin und Geschäftsführerin eines Unternehmens, dennoch hätte ich mich vermutlich nicht darum gekümmert, wäre die Brexit-Entscheidung nicht gefallen. Ich bin unglaublich froh, dass ich diese Möglichkeit habe; viele Freunde in Großbritannien suchen vergeblich nach Möglichkeiten, an ihrer europäischen Staatsbürgerschaft festzuhalten. Man weiß einfach nicht, welche Auswirkungen das alles haben wird. Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass es am Ende nicht zu einem Brexit kommen wird. Wenn doch, wünsche ich mir natürlich, dass die EU und England eine enge und freundschaftliche Beziehung haben werden, auch wenn das Verhalten der britischen Politik es bisher nicht immer verdient hat. Ohne die EU ist Großbritannien meiner Meinung nach verloren - aber viele Briten tun sich sehr schwer, das zu akzeptieren.
  • Daniel Raisen arbeitet seit 2008 als Übersetzer in Deutschland. Er wohnt in Stuttgart. Ich lebe seit dem Eintritt ins Berufsleben in Deutschland und habe hier meine Frau kennengelernt. Deshalb habe ich auch schon länger darüber nachgedacht, mich einbürgern zu lassen. Als die Schocknachricht vom Brexit kam, habe ich sofort den Antrag gestellt und die doppelte Staatsbürgerschaft angenommen. So gesehen hat der Brexit schon jetzt einen großen Einfluss auf mein Leben gehabt. Ansonsten merke ich aber wenig davon, da meine Zukunft nun gesichert ist. Die Kampagne der sogenannten "Brexiteers" - also derer, die aus der EU austreten wollten - war voller Angstmache und Misstrauen, und es war traurig zu sehen, wie meine Mitbürger dafür stimmten, die EU zu verlassen. Ich glaube, dass sie die wirtschaftlichen Konsequenzen nicht wirklich verstanden haben. Die Fremdenfeindlichkeit, die nach der Brexit-Wahl aufgeflammt ist, ist gleichzeitig erschreckend und peinlich. Foto (Zuschnitt): © Daniel Raisen
    Daniel Raisen arbeitet seit 2008 als Übersetzer in Deutschland. Er wohnt in Stuttgart.
    Ich lebe seit dem Eintritt ins Berufsleben in Deutschland und habe hier meine Frau kennengelernt. Deshalb habe ich auch schon länger darüber nachgedacht, mich einbürgern zu lassen. Als die Schocknachricht vom Brexit kam, habe ich sofort den Antrag gestellt und die doppelte Staatsbürgerschaft angenommen. So gesehen hat der Brexit schon jetzt einen großen Einfluss auf mein Leben gehabt. Ansonsten merke ich aber wenig davon, da meine Zukunft nun gesichert ist. Die Kampagne der sogenannten "Brexiteers" - also derer, die aus der EU austreten wollten - war voller Angstmache und Misstrauen, und es war traurig zu sehen, wie meine Mitbürger dafür stimmten, die EU zu verlassen. Ich glaube, dass sie die wirtschaftlichen Konsequenzen nicht wirklich verstanden haben. Die Fremdenfeindlichkeit, die nach der Brexit-Wahl aufgeflammt ist, ist gleichzeitig erschreckend und peinlich.
  • Malcolm Bell ist Übersetzer und lebt seit 1978 in Deutschland. Er wohnt in Goslar in Niedersachsen. Die Brexit-Entscheidung hat mich emotional stark getroffen. Ich musste mich mit ganz neuen Gefühlen auseinandersetzen - ich schämte mich, war enttäuscht und verärgert über mein Heimatland. Nach dem Referendum beantragte ich die deutsche Staatsbürgerschaft - teilweise aus Wut. Noch kann ich die doppelte Staatsbürgerschaft führen, aber wenn Großbritannien kein EU-Land mehr ist, dann stehe ich vielleicht vor der Wahl: Will ich Brite oder Europäer sein? Dann lieber Europäer. Ich hoffe, dass in Großbritannien das Interesse an einem zweiten Referendum wächst. Ich verfolge das Thema in der britischen Presse ziemlich genau und glaube, dass viele der Brexit-Befürworter - gerade in meiner Heimatregion in Nordengland - die Konsequenzen nicht richtig verstanden haben: Ein Land, das die Isolation wählt, in einer Welt, die immer vernetzter wird, schwimmt gegen Strom. Foto (Zuschnitt): © Malcolm Bell
    Malcolm Bell ist Übersetzer und lebt seit 1978 in Deutschland. Er wohnt in Goslar in Niedersachsen.
    Die Brexit-Entscheidung hat mich emotional stark getroffen. Ich musste mich mit ganz neuen Gefühlen auseinandersetzen - ich schämte mich, war enttäuscht und verärgert über mein Heimatland. Nach dem Referendum beantragte ich die deutsche Staatsbürgerschaft - teilweise aus Wut. Noch kann ich die doppelte Staatsbürgerschaft führen, aber wenn Großbritannien kein EU-Land mehr ist, dann stehe ich vielleicht vor der Wahl: Will ich Brite oder Europäer sein? Dann lieber Europäer. Ich hoffe, dass in Großbritannien das Interesse an einem zweiten Referendum wächst. Ich verfolge das Thema in der britischen Presse ziemlich genau und glaube, dass viele der Brexit-Befürworter - gerade in meiner Heimatregion in Nordengland - die Konsequenzen nicht richtig verstanden haben: Ein Land, das die Isolation wählt, in einer Welt, die immer vernetzter wird, schwimmt gegen Strom.
  • Sarah Blick ist Grafikdesignerin und 2017 mit ihrem Mann nach Berlin gezogen. Vor der Brexit-Entscheidung haben mein Mann und ich noch in London gelebt. Wir hatten schon öfter darüber nachgedacht, für eine Zeit woanders zu leben, haben uns aber vor allem nach anderen Städten innerhalb Englands umgesehen. Durch das Referendum wurde uns klar, dass es in Zukunft schwieriger sein wird, ins EU-Ausland zu ziehen, und wir haben unseren Radius ausgeweitet. Mein Mann ist Softwareentwickler und wollte schon immer Berlin kennenlernen. Letzten Sommer hat er ein Jobangebot dort bekommen, wir sind im September umgezogen und im Oktober ist unser Baby in Deutschland geboren. Wir sind nun erstmal für zwei Jahre hier. Als 2016 das Ergebnis des Brexit-Referendums bekannt wurde, dachte ich: Was hat Großbritannien getan? Ich hätte nicht geglaubt, dass die Leute wirklich für den Austritt stimmen würden. Ich dachte immer, wir wären offen und würden uns über die vielen Leute aus anderen Kulturen freuen. London ist sehr kosmopolitisch und ich habe es genossen, mit Menschen aus anderen Länden zu arbeiten. Foto (Zuschnitt): © Sarah Blick
    Sarah Blick ist Grafikdesignerin und 2017 mit ihrem Mann nach Berlin gezogen.
    Vor der Brexit-Entscheidung haben mein Mann und ich noch in London gelebt. Wir hatten schon öfter darüber nachgedacht, für eine Zeit woanders zu leben, haben uns aber vor allem nach anderen Städten innerhalb Englands umgesehen. Durch das Referendum wurde uns klar, dass es in Zukunft schwieriger sein wird, ins EU-Ausland zu ziehen, und wir haben unseren Radius ausgeweitet. Mein Mann ist Softwareentwickler und wollte schon immer Berlin kennenlernen. Letzten Sommer hat er ein Jobangebot dort bekommen, wir sind im September umgezogen und im Oktober ist unser Baby in Deutschland geboren. Wir sind nun erstmal für zwei Jahre hier. Als 2016 das Ergebnis des Brexit-Referendums bekannt wurde, dachte ich: Was hat Großbritannien getan? Ich hätte nicht geglaubt, dass die Leute wirklich für den Austritt stimmen würden. Ich dachte immer, wir wären offen und würden uns über die vielen Leute aus anderen Kulturen freuen. London ist sehr kosmopolitisch und ich habe es genossen, mit Menschen aus anderen Länden zu arbeiten.
  • Daniel Abbott ist Grafikdesigner und Künstler. Er lebt seit 2008 in Berlin. Der Brexit geht wie ein Riss durch meine Familie, da ich eine deutsche Frau und Kinder habe. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich mich wie ein Deutscher fühle, dennoch denke ich nun, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen sollte. Ich arbeite sehr international und gerade die Zusammenarbeit mit meinen Partnern in London wird schwieriger werden. Das Ergebnis des Brexit-Referendums hat mich emotional tief getroffen und distanziert mich weiter von meinem Heimatland. Ich hätte nicht gedacht, dass die Entscheidung wirklich für den Austritt ausfallen würde. Die meisten Deutschen waren aber noch überraschter als die Briten, glaube ich. Als ich am nächsten Tag meine Kinder in die Kita gebracht habe, haben mich die anderen Eltern alle gefragt: Was haben die Briten getan? Es fühlt sich an, als sei die Zukunft viel ungewisser geworden. Ein neues Referendum würde die Gesellschaft sicher noch stärker spalten, ich hoffe aber, dass Großbritannien möglichst enge Beziehungen zur EU aufrecht erhalten wird. Foto (Zuschnitt): © Daniel Abbott
    Daniel Abbott ist Grafikdesigner und Künstler. Er lebt seit 2008 in Berlin.
    Der Brexit geht wie ein Riss durch meine Familie, da ich eine deutsche Frau und Kinder habe. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich mich wie ein Deutscher fühle, dennoch denke ich nun, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen sollte. Ich arbeite sehr international und gerade die Zusammenarbeit mit meinen Partnern in London wird schwieriger werden. Das Ergebnis des Brexit-Referendums hat mich emotional tief getroffen und distanziert mich weiter von meinem Heimatland. Ich hätte nicht gedacht, dass die Entscheidung wirklich für den Austritt ausfallen würde. Die meisten Deutschen waren aber noch überraschter als die Briten, glaube ich. Als ich am nächsten Tag meine Kinder in die Kita gebracht habe, haben mich die anderen Eltern alle gefragt: Was haben die Briten getan? Es fühlt sich an, als sei die Zukunft viel ungewisser geworden. Ein neues Referendum würde die Gesellschaft sicher noch stärker spalten, ich hoffe aber, dass Großbritannien möglichst enge Beziehungen zur EU aufrecht erhalten wird.
  • Susanna Brackenbury lebt seit 1996 in Deutschland. Sie ist Gymnasiallehrerin in Hamburg. Abgesehen davon, dass der Brexit ein schrecklicher Schock war, habe ich mir Sorgen um meinen Beamtenstatus gemacht, für den meine EU-Zugehörigkeit Voraussetzung ist. Ich habe sofort die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und auch all meine britischen Freunde dazu angehalten. Eine gute Sache an der Einbürgerung ist, dass ich nun in Deutschland wählen kann. Da ich schon länger als 14 Jahre außerhalb Englands lebe, durfte ich dort nicht mehr wählen - auch nicht bei dem Referendum, das mich so direkt betrifft. Meine eigene Familie ist bei dem Thema gespalten. Meine deutsche Mutter, die seit den frühen 1960er-Jahren in England (und Afrika) lebt, hat meinen englischen Vater überredet, für den Brexit zu stimmen. Mein Vater hat oft davon gesprochen, als Rentner nach Deutschland zu ziehen. Ich sage ihm nun, dass das nach dem Brexit nur schwer möglich sein wird. Ich fühle mich als Teil beider Länder und profitiere davon, arbeiten und leben zu können, wo ich möchte. Ich hoffe, dass die deutsche Regierung den britischen Bürgern in Deutschland klare Zugeständnisse machen wird. Der Wunsch, Großbritannien für den Austritt zu bestrafen, sollte nicht auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Foto (Zuschnitt): © Susanna Brackenbury
    Susanna Brackenbury lebt seit 1996 in Deutschland. Sie ist Gymnasiallehrerin in Hamburg.
    Abgesehen davon, dass der Brexit ein schrecklicher Schock war, habe ich mir Sorgen um meinen Beamtenstatus gemacht, für den meine EU-Zugehörigkeit Voraussetzung ist. Ich habe sofort die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und auch all meine britischen Freunde dazu angehalten. Eine gute Sache an der Einbürgerung ist, dass ich nun in Deutschland wählen kann. Da ich schon länger als 14 Jahre außerhalb Englands lebe, durfte ich dort nicht mehr wählen - auch nicht bei dem Referendum, das mich so direkt betrifft. Meine eigene Familie ist bei dem Thema gespalten. Meine deutsche Mutter, die seit den frühen 1960er-Jahren in England (und Afrika) lebt, hat meinen englischen Vater überredet, für den Brexit zu stimmen. Mein Vater hat oft davon gesprochen, als Rentner nach Deutschland zu ziehen. Ich sage ihm nun, dass das nach dem Brexit nur schwer möglich sein wird. Ich fühle mich als Teil beider Länder und profitiere davon, arbeiten und leben zu können, wo ich möchte. Ich hoffe, dass die deutsche Regierung den britischen Bürgern in Deutschland klare Zugeständnisse machen wird. Der Wunsch, Großbritannien für den Austritt zu bestrafen, sollte nicht auf ihrem Rücken ausgetragen werden.