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Autorinnen in der kanadischen Comicszene
„Die Misogynie in unserer Kultur macht mich oft sehr wütend"

An Nguyen
© An Nguyen

Für zu lange Zeit waren Comics eine männerdominierte Domäne, in den vergangenen 15 Jahren haben viele Frauen hart daran gearbeitet, dieses Ungleichgewicht zu beenden. Von Mainstream-Comics über Autobiografien bis zu feministischer Science-Fiction und darüber hinaus – heute erzählen Frauen in jedem Genre Geschichten, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen. Wir haben mit drei kanadischen Autorinnen gesprochen, die kürzlich Bücher veröffentlicht haben.

Von Laura Kenins

Lorina Mapa, Jessica Campbell und An Nguyen sind drei kanadische Comic-Autorinnen, die kürzlich Bücher veröffentlicht haben. Die Nachfrage nach Erzählungen über reale Begebenheiten und fiktiven Geschichten von Frauen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen hat deutlich zugenommen. 

Im Zentrum dieses Booms stehen Kanadierinnen

Für zu lange Zeit waren Comics eine männerdominierte Domäne, doch im Zuge der wachsenden Popularität von Graphic Novels, Independent-Comics und diversen Mainstream-Titeln in den letzten 15 Jahren haben viele Frauen hart daran gearbeitet, dieses Ungleichgewicht zu beenden. Im Zentrum dieses Booms stehen Kanadierinnen und der Montrealer Verlag Drawn & Quarterly, der einige der bekanntesten Namen der aktuellen Comicszene verlegt. Künstlerinnen wie Kate Beaton und Jillian Tamaki ziehen eine große, internationale Leser*innenschaft an.
 
Lorina Mapa immigrierte als Teenagerin von den Philippinen. Als sie in den späten 1980ern und frühen 1990ern Comic Art an der Joe Kubert School in New Jersey studierte, war sie eine von fünf Frauen unter 200 Studierenden. Nach ihrem Abschluss erhielt sie ein Jobangebot von Archie Comics, das sie jedoch ablehnte, um mit ihrem kanadischen Ehemann – ebenfalls ein Absolvent der Kubert School – nach Quebec zu ziehen. Während sie vier Kinder großzog, arbeitete sie als Freelancerin für mehrere Verlage in verschiedenen Bereichen: von der Tuschezeichnung über die Koloration bis zum Setzen der Dialoge. So arbeitete sie unter anderem an Kult-Comicserie Elfquest mit. Als die Comic-Industrie in den späten 1990er Jahren eine Rezession erfuhr, wandte sie sich dem Webdesign zu.
 
Erst seit Kurzem widmet sie sich ihren eigenen Geschichten. Ihr Buch Duran Duran, Imelda Marcos and Me wurde 2017 bei Conundrum Press, Nova Scotia, veröffentlicht. Die autobiografisch geprägte Erzählung dreht sich um ihre Erfahrungen als Tomboy in den 1980er Jahren auf den Philippinen und die dortige Revolution im Jahr 1986.
 
„Ich habe mich für Dinge interessiert, die stereotypisch für Jungen waren“, berichtet sie in ihrem Haus bei Montreal. „Diesen Teil von mir – Sport machen und meine Liebe für Comics – konnte ich nicht ausleben“, sagt Mapa. „Ich wollte von Anfang an eine Comiczeichnerin sein.“ Doch als sie Mutter wurde und die Comic-Industrie in eine Krise geriet, wurden diese Pläne nebensächlich. Erst mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters begann sie mit der Arbeit an Duran Duran, Imelda Marcos and Me. „Ich erlebte eine Art frühzeitige Midlife-Crisis, was mich dazu brachte, mein Buch zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, im Muttersein meine Identität verloren zu haben, ich war nur noch jemandes Frau und jemandes Mutter“, sagt sie.

Derzeit ist sie als Dialogsetzerin für Mangas tätig und arbeitet an einer Fortsetzung ihres Buches, in deren Mittelpunkt ihre Jahre an der Kunstschule stehen. Der Zukunft der kanadischen Comicszene sieht sie positiv entgegen. „Mein Verlag ist großartig, ich könnte mir hier in Kanada keinen besseren wünschen“, sagt sie. „Der Comic-Industrie geht es gerade richtig gut.“

 „Warum sind Frauen nicht lustig?“ 

Jessica Campbell stammt aus Victoria und arbeitete sechs Jahre für den Montrealer Comicverlag Drawn & Quarterly. Ihre eigenen Comics zu schreiben begann sie allerdings erst, nachdem sie das Verlagswesen verlassen hatte, um in Chicago zu studieren, wo sie heute auch lebt. Die Absolventin der Concordia University, Montreal, veröffentlichte ihr erstes Buch, Hot or Not: 20th-Century Male Artists, 2016 bei Koyama Press, ihr zweites Buch, XTC69, erscheint diesen Frühling.
 
Hot or Not ist zum Teil durch Campbells Kunstgeschichtestudium inspiriert und persifliert die berüchtigte gleichnamige Webseite, auf der über die Attraktivität der Nutzer*innen abgestimmt werden kann. In der Erzählung werden berühmte männliche Künstler des vergangenen Jahrhunderts als attraktiv oder unattraktiv eingestuft und so die Vorstellung vom männlichen Genie in der Kunstgeschichte auf die Schippe genommen. Ihr neues Buch XTC69 erzählt die Geschichte einer Gruppe Frauen, die von einem Planeten mit einer rein weiblichen Bevölkerung kommen. Sie durchreisen den Weltraum, um Männer zu finden, mit denen sie sich fortpflanzen können. Dass sie auf einem Planenten voller Männer landen, die ihnen Fragen wie „Warum sind Frauen nicht lustig?“ stellen, bringt sie jedoch alsbald dazu, ihren Plan zu überdenken.
 
„Ich interessiere mich für Science-Fiction, aber sie hat mich auch immer ein bisschen eingeschüchtert, weil ich den Eindruck hatte, ich müsste viel mehr darüber wissen, um darin erfolgreich zu sein“, sagt Campbell. „Die Misogynie in unserer Kultur macht mich oft sehr wütend und dies war ein Weg, die vielen Facetten dieser Einstellung in einer lustigen Art und Weise anzusprechen.“
 
In ihrer Jugend „gab es die Haltung, dass die künstlerischen Werke der Frauen, mit denen wir herumhingen, nicht so wichtig waren, wie die der Männer, und das ist etwas, was mir definitiv wieder entgegengebracht wurde, als ich in die Comicszene einstieg,“ erinnert sie sich.

 „Meine Comics feiern Frauen“

In ihren ersten Jahren als Comiczeichnerin wurde ihr bewusst, wie wichtig feministische Arbeiten und die Anerkennung der Beiträge marginalisierter Gruppen sind. Was aber die Gleichberechtigung der Geschlechter angeht, „hat sich in der Szene im letzten Jahrzehnt einiges zum Positiven gewendet“, meint Campbell.
 
An Nguyen lebt in Ottawa und schreibt und zeichnet sowohl unter ihrem eigenen Namen als auch unter ihrem Künstlernamen Saicoink. Im letzten Jahr veröffentlichte sie zusammen mit der New Yorker Künstlerin Jane Mai das Buch So Pretty/Very Rotten bei Koyama Press, Toronto. Sie zeichnet bereits ihr ganzes Leben, doch in ihren Augen nahm ihre Karriere erst im letzten Jahrzehnt richtig Fahrt auf, als sie ihre Minicomicserie Open Spaces and Closed Places begann.
 
So Pretty/Very Rotten
taucht ein in die Lolita-Subkultur mit ihrem vom Viktorianischen Zeitalter inspirierten hyperfemininen Modestil. Die Sammlung von Comics und Essays geht ursprünglich auf Nguyens Studienschwerpunkt zurück. „Sie fokussiert auf einen Modestil, der hauptsächlich von Frauen und Mädchen gemacht und vorangebracht wird“, erläutert Nguyen.
 
„Meine Comics feiern Frauen und ich schreibe sie auch für ein weibliches Publikum“, sagt Nguyen. 15 Jahre lang arbeitete sie gemeinsam mit verschiedenen Künstlerkollektiven und veröffentlichte in Anthologien in Kanada und darüber hinaus. Nguyen empfindet großen Respekt und Bewunderung für die Frauen, die sie bei Veranstaltungen und online kennengelernt und mit denen sie zusammengearbeitet hat. „Für mich ist das Zeichnen und Veröffentlichen von Comics in gewisser Weise ein feministischer oder allgemein politischer Akt, auch wenn meine Comics nicht offenkundig politisch sind.“
 
Ihr Stil als junge Künstlerin wurde hauptsächlich durch Comics, Animes und Filme aus Japan, Hongkong und Korea beeinflusst. Nguyen hat weniger Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts erlebt, vielmehr wurde sie jedoch mit ästhetisch begründeten Widerständen konfrontiert. So nahmen beispielsweise Festival-Organisator*innen Arbeiten nicht ernst, in denen sich ein asiatischer Einfluss zeigte. Sie rechnet es Festivals wie dem TCAF in Toronto an, den Weg für die Akzeptanz einer breiteren Auswahl an Stilen und eine Zunahme von Comiczeichnerinnen geebnet zu haben. „Heutzutage sind diese Einflüsse auf Stil und Geschichte viel sichtbarer“, sagt sie.
 
Mit dem Wachstum der kanadischen Comicszene nimmt auch die Diversität innerhalb der Szene zu. Zwar haben in der Vergangenheit Männer die Verlagsprogramme dominiert, doch die Nachfrage nach Erzählungen über reale Begebenheiten und fiktiven Geschichten von Frauen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen hat deutlich zugenommen. Immer häufiger treten Kanadas Autorinnen ins Rampenlicht, um ihre Geschichten zu erzählen.

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