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Genderpolitik in Griechenland Frauenrechte vor und während der Krise

Graffiti im Zentrum von Athen
Graffiti im Zentrum von Athen | © Goethe-Institut Athen/Philine Siantis

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben Frauen in Griechenland sukzessive rechtliche Gleichstellung erreicht. Dabei veränderten sich zwar auch traditionelle Rollenbilder, für eine nachhaltige Reform müssen sich Feminist*innen jedoch nach wie vor engagieren. Die Herausgeberin des Missy Magazine Margarita Tsomou gibt einen Einblick in historische Errungenschaften und gegenwärtige Auseinandersetzungen. 

Von Margarita Tsomou

Seit die Frauenrechtlerin Kalliroi Parren im Jahr 1887 die erste Zeitschrift für Frauenrechte (Εφημερίς των Κυριών) in Griechenland gründete, engagieren sich griechische Frauen erfolgreich für ihre Rechte. Der Forderung Parrens nach dem vollen Wahlrecht für Frauen wurde 1956 stattgegeben. Schon im gleichen Jahr wurden die ersten Frauen in politische Ämter gewählt. Nach sieben Jahren Militärdiktatur wurde im Jahr 1975 der Grundsatz zur Gleichstellung von Frau und Mann in die griechische Verfassung aufgenommen. In den 1980er Jahren wurde zudem ein Gesetz für Schwangerschaftsabbrüche verabschiedet, das immer noch zu den liberalsten in Europa zählt. So hat das Land eine vergleichsweise gute Gesetzesgrundlage für Gleichberechtigung, was jedoch nicht bedeutet, dass feministisches Engagement obsolet geworden ist: Besonders heutzutage setzt sich eine steigende Zahl von feministischen Initiativen und LGBTQI-Gruppen für die Verschiebung von sexistischen Rollenbildern und gegen patriarchale Strukturen in der griechischen Öffentlichkeit ein.

Positionierung und legaler Rahmen

Frauen in Griechenland sind gesellschaftlich ähnlich positioniert wie in anderen europäischen Regionen. Laut Eurostat-Zahlen gibt es allerdings auch hierzulande einen Gender-Pay-Gap, der mit 15% etwas niedriger ist als im europäischen Durchschnitt. Bezüglich der Teilhabe am Arbeitsmarkt hat sich seit den 1990er Jahren viel getan: laut Weltbank ist der Frauenanteil unter den Erwerbstätigen von 36,1% im Jahr 1990 auf mittlerweile über 43% gestiegen.
 
Nach der letzten Studie der "Agentur der europäischen Union für Grundrechte" (FRA) sind die Gewalttaten gegen Frauen in Griechenland vergleichsweise niedrig. Allerdings wird im Bericht eingeräumt, dass es sich dabei um die Anzahl angezeigter Gewalttaten handele. Die Statistik sagt damit weniger über die tatsächliche Anzahl an Gewalttaten aus, als über die Bereitschaft von Frauen diese anzuzeigen. Um das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen und den Betroffenen Anlaufstellen anzubieten, rief das Generalsekretariat für Geschlechtergerechtigkeit in Griechenland im Jahr 2009 ein flächendeckendes Programm zur Vorbeugung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen ins Leben. Dabei wurden eine Telefonhotline, 40 Beratungszentren und 21 Frauenhäuser eingerichtet sowie entsprechendes Pflege- und Polizeipersonal ausgebildet.

Graffiti im Zentrum von Athen Graffiti im Zentrum von Athen/ Übersetz.: Wir sind Frauen mit allem was dazu gehört (und mit unseren Waffen) | © Goethe-Institut Athen/Philine Siantis Auf rechtlicher Ebene nähert man sich dem Thema auch allmählich an: 2006 wurde ein Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet. Zusätzlich wurde Anfang 2018 – etwa zeitgleich wie in Deutschland – das 2011 verabschiedete Istanbuler Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen durch das griechische Parlament ratifiziert und als verbindende Gesetzesnorm übernommen.
 
Die ereignisreichsten Jahre legaler Gleichstellung waren in Griechenland vor allem die 1980er. Die damals neue sozialdemokratische Regierung (PASOK) führte unter anderem das Recht auf Scheidung und die zivile Ehe ein, verabschiedete ein Antidiskriminierungsgesetz für Frauen auf dem Arbeitsmarkt und schaffte die weitverbreitete Mitgift ab. Die Mitgift oder Aussteuer, die die Frau mit in die Ehe bringen musste, war in Griechenland gesetzlich vorgeschrieben. Die Familie der Tochter war somit gesetzlich verpflichtet dem Schwiegersohn Häuser, Land, Tiere oder anderes Eigentum mitzugeben, damit – so die gesellschaftliche Vorstellung –  die Belastung durch die Frau für die Familie des Bräutigams abgefedert wurde. Vor allem die Aufhebung der Mitgiftpflicht war für Frauenrechtler*innen eine wichtige Errungenschaft, da Frauen auf diese Weise eine neue ökonomische Unabhängigkeit gegenüber ihren Herkunftsfamilien und Ehemännern erhielten.
 
Für Schwangerschaftsabbrüche wiederum hat Griechenland eine der liberalsten Gesetzeslagen Europas: Anders als beispielsweise in Deutschland sind Abtreibungen in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft legal und werden in der Regel in jedem öffentlichen Krankenhaus ohne Mehrkosten oder Beratungspflicht durchgeführt.

Ökonomische Krise

Die Gleichberechtigung der Geschlechter wurde in den letzten Jahren auch angesichts der Eurokrise verstärkt diskutiert. Insgesamt gilt für viele Feminist*innen, wie etwa für die Autor*innen des Blogs tomov.gr, dass die Krise als erstes die Frauen getroffen habe. Besonders weil sich der Stellenabbau im sozialen Bereich, beispielsweise die Pflege von Kranken, Kindern und Senioren, meist auf die Frauen in der Familie zurückverlagere. Das heißt allerdings nicht, so die feministische Gruppe Kammena Soutien (übersetzt: Verbrannte BHs), dass die Krise den weiblichen Anteil der griechischen Bevölkerung zurück an den Herd dränge.
 
Da die männlichen Erwerbstätigen vor der Krise, aufgrund des für viele noch geltenden traditionellen Versorgermodells, öfter als Frauen in festen und regulären Arbeitsverhältnissen beschäftigt waren, sind sie viel stärker vom jüngsten Stellenabbau betroffen. Frauen hingegen arbeiten öfter als Männer im Niedriglohnsektor, der während der Krise keineswegs geschrumpft, sondern gewachsen ist. Weil viele Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind, ist unter ihnen die Arbeitslosigkeit insgesamt weniger stark angestiegen. Das führt dazu, so Kammena Soutien, dass die arbeitslos gewordenen Väter und Söhne nun oftmals von den noch erwerbstätigen Frauen in der Familie finanziert werden.
 
Nicht selten müssen Männer nun den Haushalt schmeißen und sich um die Kinder kümmern. Es ist also nicht davon auszugehen, dass die Krise die gesellschaftliche Lage von Frauen ausschließlich verschlechtert hat. Ebenso ist es möglich, dass die Konsequenzen der Austeritätspolitik und der Eurokrise zu einer weiteren Verschiebung der traditionellen Geschlechterrollen führen.

Alltagssexismus überwinden: Feminist*innen gegen patriarchale Kultur

Dass sich Griechenland seit Krisenbeginn in gesellschaftlichen Aufbruchsprozessen befindet, schlägt sich auch darin nieder, dass immer mehr feministische Gruppen entstehen, die die patriarchale Kultur des Landes thematisieren, die sich trotz der gesetzlichen Verankerung von Gleichberechtigung hartnäckig hält.
 
Die starke Rolle der Kirche und ein traditionell christliches Familienbild in Griechenland bringen mit sich, dass die Hauptform der Partnerschaft nach wie vor die Ehe ist. Wohngemeinschaften oder Kinder jenseits der Eheschließung werden besonders in ländlichen Umgebungen auch heute noch als ungewöhnlich wahrgenommen. Nach der Eheschließung scheint es auch gegenwärtig noch zum guten Ton zu gehören, dass sich die Frau als Hauptverantwortliche für Haushalt und Kindererziehung sieht.
 
Eine immer noch zu kleine Rolle nehmen Frauen außerdem in den Medien und im öffentlichen Raum ein: es ist keine Seltenheit, dass beispielsweise Diskussionspodien nur mit Männern bestückt werden. Auch im Sprachgebrauch braucht es, so die Autor*innen des Blogs queer.gr, noch viel mehr Sensibilisierung – es wird nur selten genderneutral gesprochen, während die meisten Begriffe für homosexuelle oder transsexuelle Menschen nach wie vor als Schimpfwörter gelten.
 
Feministische und LGBT-Gruppen, wie die Brastards, Beflona, queertrans und andere bringen seit Ende 2016 Themen wie Sexismus und Homophobie im Alltag, in neu initiierten feministischen Demos an die Öffentlichkeit. Es existiert in Griechenland also eine aktive Zivilgesellschaft, die sich beständig für ein Ende von frauenfeindlichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen einsetzt – denn  Alltagssexismus lässt sich weder in Griechenland noch anderswo allein durch Gesetze überwinden.

Graffiti im Zentrum von Athen Graffiti im Zentrum von Athen | © Goethe-Institut Athen/Philine Siantis
 

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